Gelbes U-Boot taucht mit neuer Besatzung auf

16. September 2015, 10:58
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Villarreal ging in den vergangenen Jahren durch sportliche Höhen und Tiefen. In der Europa League gegen Rapid setzen die Spanier auf eine neu formierte Offensive

13. Mai 2012, letzter Spieltag in der Primera División. Die Meisterschaft ist längst entschieden, Real Madrid ist der 32. Titel nicht mehr zu nehmen. Der Abstiegskampf hingegen ist an Dramatik kaum zu überbieten. Für Villarreal sieht es vorerst gut aus, im Heimspiel gegen Atlético Madrid steht es lange 0:0. In der 87. Minute ist es aber totenstill im Estadio El Madrigal: Radamel Falcao bringt die Madrilenen in Führung. Als dann auch noch Rayo Vallecano durch ein Last-Minute-Tor gegen Granada gewinnt, ist es besiegelt: Das gelbe U-Boot, wie der Verein wegen seiner grellgelben Trikots genannt wird, taucht in die zweite Liga ab – zum zweiten Mal nach 1998/99. Und das, obwohl die Jahre davor zu den erfolgreichsten in der Klubgeschichte zählten.

Goldene Jahre

Auf internationalem Parkett spielte sich Villarreal erstmals 2003/04 ins Rampenlicht, als man bis ins Halbfinale der Europa League vordrang. Dort scheiterten die Ostspanier ausgerechnet am Lokalrivalen und späteren Turniersieger Valencia. Nachdem die Castellonier die Folgesaison auf dem dritten Platz beendet hatten, traten sie erstmals in der Champions League an, wo sie erst im Halbfinale gegen Arsenal ausschieden. 2007/08 spielten sie die bisher erfolgreichste Saison und kürten sich zum spanischen Vizemeister. Vor dem Abstieg kämpfte sich Villarreal noch ins Halbfinale der Europa League.

Gründe für das katastrophale Abschneiden 2011/12 gab es mehrere. Der familiär geführte Verein war schwer verschuldet, so mussten einige Leistungsträger abgegeben werden. Santi Cazorla wurde etwa für 23 Millionen Euro an den neureichen FC Malaga verkauft, damit war die Liquidität des Vereins erst einmal gesichert. Auch Sperren und Verletzungen von Schlüsselspielern machten dem damaligen Coach José Molina schwer zu schaffen. Der italienische Mittelstürmer Giuseppe Rossi laborierte etwa an einer Kreuzbandverletzung und kam auf lediglich 14 Einsätze. In der Abstiegssaison erzielten die Akteure Villarreals lediglich 39 Treffer.

Das gelbe U-Boot stand vor einem Scherbenhaufen – bis Marcelino García an Bord geholt wurde. Der Spanier führte den angeschlagenen Verein mit taktisch gefinkeltem und optisch attraktivem Fußball zum direkten Wiederaufstieg – ein Kunststück, das Villarreal bereits nach dem ersten Abstieg zur Jahrtausendwende gelang. Auch in der neuen Saison kam man gut aus den Startlöchern: Mit sieben Punkten aus drei Spielen nehmen die Castellonier den vierten Tabellenplatz ein. Die Generalprobe für das Spiel gegen Rapid wurde erfolgreich bestanden, am Sonntag setzte sich Villarreal mit 3:1 gegen Granada durch.

Neue Offensivpower

Wie in den Jahren davor hat sich bei den Castelloniern auch heuer das Transferkarussell ordentlich gedreht. Vier verschiedene Spieler schrieben für die Spanier in den beiden Europa-League-Duellen gegen Salzburg im Februar an, heute steht kein einziger mehr bei Villarreal unter Vertrag.

Der dynamische Stürmer Luciano Vietto heuerte beim Liga-Konkurrenten Atlético an, er erzielte für Villarreal in 48 Spielen 20 Tore. Den dribbelstarken Giovani dos Santos verschlug es an die US-Westküste zu Los Angeles Galaxy. Ikechukwu Uche wechselte in die erste mexikanische Liga, Denis Tscheryschew kehrte zu Real Madrid zurück. Mehr als 36 Millionen Euro spülten die diesjährigen Transfers in die Vereinskasse – Geld, das fleißig investiert wurde. Vor allem in Offensivspieler.

Der klingendste Name unter den Neuzugängen ist wohl Roberto Soldado, der bei Tottenham Hotspur nie wirklich glücklich wurde – in der Partie gegen Rapid steht der 30-jährige Spanier aber überraschend nicht im Kader. Stark spielten bisher auch Cédric Bakambu und Leo Baptistão auf. "Der Klub hat das Augenmerk auf abschlussstarke Spieler gelegt", sagt Villarreals Co-Trainer Ruben Uria. "Wir haben jetzt drei Stürmer von sehr hoher Qualität und dadurch Feuerkraft im Angriff." Auch die Dienste von Adrian Lopez konnten gesichert werden. Denis Suarez vom FC Barcelona sowie die Ex-Malaga-Spieler Samuel Castillejo und Samuel Garcia komplettieren die neu formierte Offensive. "Es ist eine sehr kompakte, routinierte Mannschaft, die über viele Qualitäten verfügt, vor allem im offensiven Bereich", sagte Rapid-Trainer Zoran Barišić über die Stärken der Spanier.

Kompakte Hintermannschaft

Mit der Defensive – einem weiteren Prunkstück Villarreals – wurde hingegen nicht experimentiert. Die laufstarke Hintermannschaft überzeugt mit starken gruppentaktischen Mechanismen, wie sauberem Verschieben, perfekten Abständen zwischen den Spielern und einer guten Raumorientierung. Die Passwege werden in der Regel gut zugestellt, die Räume vor dem Strafraum gut besetzt. Auch der situationsabhängige Wechsel zwischen tiefem Defensivspiel und aggressivem Pressing funktioniert einwandfrei. Mit 32 Gegentoren kassierten die Ostspanier in der vergangenen Saison die drittwenigsten der Liga.

Der verletzte Stammkeeper Sergio Asenjo wurde vom 22-jährigen Franzosen Alphonse Aréola, der bereits für diverse Nachwuchsnationalteams auflief, gut ersetzt. Eine weitere effektive Waffe der Spanier, die unter Marcelino häufig in einer modern interpretierten 4-4-2-Formation auflaufen, ist ihre Konterstärke, vor der bereits Ex-Salzburg-Trainer Adi Hütter im Februar warnte: "Villarreal ist eine taktisch sehr gute Mannschaft mit schnellem Umschaltspiel nach Ballgewinn." Er sollte Recht behalten: Die Konterstärke der Spanier war einer der Gründe, warum sich Salzburg aus der Europa League verabschieden musste. (Kordian Prokop, 16.9.2015)

  • Marcelino García gelang mit Villarreal 2012/13 der direkte Wiederaufstieg in Spaniens höchste Spielklasse. Er gilt als listiger Taktikfuchs.
    foto: paul hackett

    Marcelino García gelang mit Villarreal 2012/13 der direkte Wiederaufstieg in Spaniens höchste Spielklasse. Er gilt als listiger Taktikfuchs.

  • Bei Tottenham setzte sich Soldado nicht durch. In Spanien scheint er zu alter Stärke zurückzufinden, steht gegen Rapid aber nicht im Kader.
    foto: pepe torres

    Bei Tottenham setzte sich Soldado nicht durch. In Spanien scheint er zu alter Stärke zurückzufinden, steht gegen Rapid aber nicht im Kader.

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