Mourinhos Defensivfestung bröckelt

15. September 2015, 17:11
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Darauf hätten nicht viele gewettet: José Mourinhos Chelsea kämpft vor dem CL-Duell mit Maccabi Tel Aviv mit einem Abwehrproblem

Ein Spiel gegen Maccabi Tel Aviv hätte Chelsea-Trainer José Mourinho bis vor kurzem wohl keine allzu starken Kopfschmerzen bereitet. In der vergangenen Saison dominierten seine Blues noch die englische Premier League und holten mit acht Punkten Vorsprung auf Manchester City den Titel. Doch Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Während der Portugiese, "The Special One", wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird, im Mai noch frenetisch gefeiert wurde, steht er nun nach fünf Ligaspielen mächtig unter Druck: So schlecht wie heuer kam Chelsea zuletzt vor 29 Jahren aus den Startlöchern, nach der samstäglichen 1:3-Pleite gegen Everton krebsen die Londoner mit mageren vier Punkten auf dem 17. Tabellenrang herum. Drei Niederlagen kassierte Chelsea bereits – so viele wie in der gesamten vergangenen Spielzeit. Die Blues legten einen Fehlstart hin, wie er im Buche steht.

Ungewohnte Schwächen

Galt der FC Chelsea in der Vorsaison noch als gefürchtetes Defensivbollwerk, ist er derzeit mit zwölf Gegentreffern die Schießbude der Liga. Individuelle Abwehrfehler nennt Mourinho als einen der Gründe für das triste Abschneiden seiner Truppe. Routinierte und bis dahin verlässliche Spieler wie Kapitän John Terry und Abwehrrecke Branislav Ivanović – für gewöhnlich Ausnahmekönner auf ihren Positionen – suchen nach ihrer Form. Mit der Leistung Terrys‘ war Mourinho im Schlager der zweiten Runde gegen Manchester City sogar so unzufrieden, dass er ihn in der Pause aus dem Spiel nahm.

Der zuletzt oft gescholtene Ivanović erinnert allerdings daran, dass die Abwehrarbeit im modernen Fußball bereits im Angriff beginnt: "Wir hatten in den letzten Jahren die beste Abwehr der Liga", sagte der 81-fache serbische Nationalspieler. "Die Mannschaft besteht aber nicht nur aus vier Verteidigern, sondern auch aus den Spielern davor. Wir müssen als Team verteidigen und versuchen, über unsere Defensivstärke wieder Spiele zu gewinnen." Mit seiner Kritik hat der 31-Jährige nicht unrecht. Viel zu häufig wurde die Abwehrreihe von ihren Vorderleuten im Stich gelassen. Spieler wie Fabregas, Hazard und Pedro zeigten in vielen Partien nicht das leiseste Interesse, sich für dreckige Defensivarbeit aufzuopfern. Dadurch konnte das Mittelfeld der Blues oft schnell überbrückt werden – zu schnell, wie sich an den vielen Gegentoren zeigt.

Mourinho: "Ich bin der beste Mann für den Job"

Der miserable Saisonstart ist nicht spurlos an José Mourinho vorbeigegangen, auch wenn er versucht, sich gewohnt cool zu geben. "Druck haben Flüchtlinge", sagte er nach der jüngsten Klatsche gegen Everton. "Ich spüre keinen Druck. Die Resultate passen nicht zu meiner Qualität und meinem Status, aber ich kann mit der Situation gut umgehen." Zumindest zeitweise strotzt der 52-Jährige in gewohnter Manier vor Selbstvertrauen. "Ich bin der beste Mann für den Job", stellt er seine Eignung als Trainer nicht infrage. Diese selbstauferlegte Gelassenheit konsequent durchzuziehen, gelingt dem als exzentrisch geltenden Portugiesen trotzdem immer seltener – ratlos, gereizt und müde wirkt er in vielen Interviews.

Nach der Niederlage am Samstag kam es im Spielertunnel zum verbalen Scharmützel mit Everton-Coach Roberto Martínez: Mourinho warf ihm vor, als erster der beiden Trainer mit der Presse zu sprechen. Immerhin hätte Mourinho weniger Zeit, weil er mit seiner Mannschaft noch die Reise nach London antreten müsse. Bereits vor dem Spiel brach der Portugiese ein Interview mit dem britischen Sport-TV-Sender BT Sport ab, weil ihm eine Frage zu Everton-Verteidiger John Stones, gestellt wurde, den er so gerne verpflichtet hätte, den Everton aber nicht verkaufen wollte.

Fehlendes Selbstvertrauen

Als zweiten Grund für die kläglichen Leistungen der letzten Wochen nennt Mourinho das mangelhafte Selbstbewusstsein seines Teams. Stellt sich nur die Frage: Wie kann das einer Mannschaft, deren Marktwert 530 Millionen Euro übersteigt und die 2014/15 souverän die Premier League gewonnen hat zu so einem frühen Zeitpunkt passieren? Eine Antwort darauf glaubt der Sportjournalist Jack de Menezes gefunden zu haben. "Chelsea fehlt es an Führungsspielern", titelte er in der Online-Ausgabe der britischen Tageszeitung The Independent. Nach den Abgängen von Schlüsselspielern, wie Frank Lampard, Didier Drogba, Ashley Cole und Petr Cech sei John Terry als Letzter der "Old Guard", der alten Garde, geblieben. Terry wirkt aber derzeit in so vielen Situationen verunsichert, dass er nicht fähig ist, die Rolle des Aggressive Leaders zu übernehmen.

Mourinho wäre nicht Mourinho, wenn er – neben ernstzunehmende Gründe zu nennen – nicht auch nach Ausreden suchen würde: Für das schlechte Abschneiden Chelseas seien ebenso ungünstige Spielverläufe und – wie so oft – gravierende Fehlentscheidungen der Schiedsrichter verantwortlich. "Momentan läuft alles gegen uns. Bei der Taktikbesprechung heute Morgen ist sogar der Computer abgestürzt", sagte er nach dem Everton-Spiel und vergaß auch nicht auf den obligatorischen Seitenhieb gegen seine Kritiker: "Ich weiß, dass viele Leute glücklich sind, mich nach so vielen Jahren endlich in dieser Situation zu sehen. Schön und gut, genießt es."

Mit einer Niederlage gegen Maccabi Tel Aviv würde die Situation für Mourinho noch unangenehmer werden. Dass er nicht unanfechtbar ist zeigte sich 2007: Nach monatelangen Spannungen mit Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch verließ Mourinho die Blues in Richtung Inter Mailand. Mourinhos Hoffnung: Oft überzeugen im Europacup gerade Mannschaften, für die es in der nationalen Meisterschaft nicht nach Plan läuft. Bestes Beispiel: Borussia Dortmund in der Champions-League-Gruppenphase 2014/15. (Kordian Prokop, 16.9.2015)

  • José Mourinho versucht nach dem Fehlstart seines Teams ruhig zu bleiben: "Druck haben Flüchtlinge, ich habe keinen Druck"
    peter powell

    José Mourinho versucht nach dem Fehlstart seines Teams ruhig zu bleiben: "Druck haben Flüchtlinge, ich habe keinen Druck"

  • Chelsea-Verteidiger Branislav Ivanović (links) läuft seit längerem seiner Form hinterher.
    jon super

    Chelsea-Verteidiger Branislav Ivanović (links) läuft seit längerem seiner Form hinterher.

  • fooball tv

    Mourinho nach der bitteren 1:3-Niederlage gegen Everton.

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