Kulturhistoriker Carl E. Schorske gestorben

15. September 2015, 10:30
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Sein Hauptwerk über Wien um 1900 machte den US-Historiker weltberühmt – und die Wiener Moderne zu einem kulturhistorischen Exportschlager

New York/Wien – Ende März dieses Jahres, unmittelbar nach seinem 100. Geburtstag, erhielt er in den USA noch das Große Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich. Es gibt wohl kaum einen Historiker, der sich genau diese Auszeichnung so sehr verdient hat wie Carl E. Schorske: Sein 1980 erschienenes Hauptwerk Fin-de-Siècle Vienna brachte ihm nicht nur den Pulitzer-Preis und weltweite Anerkennung ein. Das Buch rückte auch das "goldene Wien" in den Mittelpunkt des internationalen kulturhistorischen Interesses.

Als Schorske dieses Standardwerk über das kulturelle und politische Leben Wiens veröffentlichte, war er bereits 65 Jahre alt. Neben der Eleganz seines Stils war es vor allem auch die enorme Breite seines akkumulierten historischen Wissens, das Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle (so der deutsche Titel) zum Klassiker machte: Schorske kombinierte scheinbar mühelos historische und literarische Quellen mit solchen aus Kunst, Architektur, Musik und Psychoanalyse und entwarf so ein Panoptikum dieses Laboratoriums der Moderne.

Berühmt, aber auch umstritten ist die Kernthese des Buchs: Die kreative und intellektuelle Blüte Wiens um 1900 sei auch dem Niedergang des politischen Liberalismus vor 1900 geschuldet: Aus Frustration hätten sich viele von der Politik ab- und der Kunst und der Wissenschaft zugewandt und so für die immer noch erstaunlichen Innovationen in Kunst und Wissenschaft gesorgt.

Der 1915 in New York geborene Schorske beschäftigte sich freilich nicht nur mit Wien um 1900. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses des US-Amerikaners, der 1950 an der Harvard University promovierte, stand die europäische Geistes- und Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert. So beschäftigte er sich unter anderem auch mit der frühen Sozialdemokratie in Deutschland, dem Zustand im Nachkriegsdeutschland oder mit Gustav Mahler.

Pulitzer-Preisträger

Sein alles überstrahlendes Hauptwerk blieb aber das Wien-Buch, das im gleichen Jahr erschien, in dem er an der Princeton University emeritierte, wo er sechs Jahre lang das "Programme in European Cultural Studies" geleitet hatte. Neben dem Pulitzer-Preis trug es ihm auch noch eine MacArthur Fellowship ein und machte ihn zumindest indirekt zum Initiator der Traum und Wirklichkeit-Ausstellungen in Wien, Paris und New York.

Schorske war Träger zahlreicher Ehrendoktorate, Mitglied mehrerer Akademien und zudem Ehrenvorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. 2012 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt. Bürgermeister Michael Häupl würdigte Schorske damals als jenen Mann, "der uns unsere eigene Geschichte nahegebracht hat".

Der große Kunsthistoriker und "Wiederentdecker" des goldenen Wien um 1900 starb am Sonntag in New Jersey. (tasch, 15.9.2015)

  • Der US-Kulturhistoriker Carl E. Schorske hat nicht nur den Wienern ihre eigene Geschichte nähergebracht. Sein Klassiker "Fin-de-Siècle Vienna" machte Wien zu einem gefragten Forschungs- und Ausstellungsthema.
    foto: standard/hendrich

    Der US-Kulturhistoriker Carl E. Schorske hat nicht nur den Wienern ihre eigene Geschichte nähergebracht. Sein Klassiker "Fin-de-Siècle Vienna" machte Wien zu einem gefragten Forschungs- und Ausstellungsthema.

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