Die größte Gefahr liegt in Bosnien in der Luft

15. September 2015, 12:47
71 Postings

Bosnier fürchten sich vor fast nichts. Die Ausnahme: geöffnete Fenster

"Liebe Grüße, lass es dir gutgehen, aber pass auf die Zugluft auf!", schreiben manche Bosnier am Ende einer E-Mail. Die erste Warnung, die Kinder von ihren Eltern hören, ist nicht etwa, dass sie nicht dem Fußball nachlaufen sollen, wenn dieser auf die Straße rollt, oder dass sie nicht zu viele Ćevapi zugleich in sich hineinstopfen sollen. Nein, die wichtigste Mahnung an ihre Schützlinge lautet: "Aber bitte, achte auf den Luftzug!" Seit Generationen wird dieses Vorsichtsprinzip weiter überliefert.

Zumal der Luftzug in Bosnien-Herzegowina ein nicht auszurottendes Übel ist. Im Hochsommer, wenn es in der Straßenbahn 40 Grad hat, die Passagiere so eng nebeneinanderstehen, dass sie den Atem des Nachbarn auf der Augenbraue spüren können, und bloß ein kleines Kippfenster geöffnet ist, streckt sicher jemand die Hand aus, um auch dieses Fensterchen schnell zu schließen. "Zugluft!", lautet das Argument. Und keiner wird etwas sagen, sondern höchstens wissend nicken. Denn in der Straßenbahn zu ersticken ist sicherlich das kleinere Übel, als sich der Gefahr einer riskanten Brise auszusetzen.

Unsichtbare Gefahr

Ein Bekannter hat mir kürzlich augenzwinkernd erzählt: "Weißt du, hier in Sarajevo haben wir eigentlich nur vor zwei Sachen Angst. Erstens vor den Serben. Und zweitens vor der Zugluft. Letztere nennen wir auch den 'leisen Tod'. Niemand weiß so genau, wie viele Leute bereits klammheimlich durch diese Zugluft verstorben sind."

Man könnte meinen, dass die Bosnier – die oft ziemlich groß und breitschultrig daherkommen, einen Krieg durchgestanden haben und auch sonst nicht schnell nervös werden – nicht so leicht zu verängstigen sind. Aber es gibt etwas, das sie wirklich bange macht: wenn ein Fenster oder eine Tür offen steht. Schlimmer ist noch, wenn ein Fenster auf der einen Seite des Raumes und ein Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes geöffnet sind. "Pass auf, der Durchzug!", ruft dann sicher sofort jemand, als ginge es darum, einem herannahenden Drachen zu entkommen. Der Durchzug gilt als die allergefährlichste Variante des Luftzugs. Quasi sicherer Tod.

Schuld ist die Luft

Ein Wind, der ungeordnet durch Räume weht, ist – glaubt man den Bosniern – auch für viele Krankheiten verantwortlich. Tut einem der Ellbogen weh und man weiß nicht, warum: sicher Zugluft. Hat man Zahnschmerzen, krumme Beine, einen weißgefleckten Fingernagel: "Du warst sicher zu lange im Luftzug!", kommt die Diagnose. Kürzlich hat mir eine Freundin erzählt, dass sich ihr Vater – der schwer erkrankt war und sich sein Leben lang vor Spitälern und Ärzten fürchtete – weigerte, ins Krankenhaus zu fahren. "Verstehst du das denn nicht?", versuchte er seiner Tochter seinen Zustand zu erklären, "Das ist doch das Resultat von Zugluft! Was sollen die Ärzte da machen?"

Die Sorge, dass Fall- oder Querwinde zu Unheil führen, gilt aber nicht nur für Menschen. Auch Blumen und Tiere müssen vor dem "propuh" – so heißt das auf Bosnisch – beschützt werden. "Du musst darauf achten, dass du die Pantoffelblume nicht zu viel gießt, stell sie nicht zu nahe an die Heizkörper. Aber vor allem: Mach nicht das Fenster auf! Der Luftzug ist sehr gefährlich für die Pantoffelblume!", wird von Freundinnen der gelben Lippenblütler geraten. Jüngst habe ich auf einer Webpage für Kleintierzucht sogar gelesen: "Geben Sie die Schildkröten nicht direkt in die Sonne, sondern an einen schattigen Platz, neben einen Behälter mit Wasser. Vor allem aber achten Sie auf den Luftzug!"

Ultimativer Schutz

Es ist noch nicht erforscht, ob bosnische Schildkröten tatsächlich so sensibel auf Windstöße reagieren. Sicher ist nur: Wenn die Herbstzeitlosen beginnen, die Wiesen auf dem Balkan mit ihrem Lila einzufärben, dann wird auch die Luftzug-Phobie stärker. In den Bergdörfern nehmen dann manche sogar fünf Stricknadeln in die Hand, um ein wollenes Gewand zum Schutz ihres Gemächts zu verfertigen. Das Ding – genannt "nakurnjak" – hat zwei Teile: einen für den Penis, einen für den Hodensack. Der wollige Nakurnjak sieht allerdings so aus, als ob er kratzen würde. Mit Sicherheit ist er aber der ultimative Schutz vor dem gefährlichen Propuh in den Wintermonaten. (Adelheid Wölfl aus Sarajewo, 15.9.2015)

  • In Bosnien müssen die Fenster geschlossen bleiben.
    foto: reuters/marko djurica

    In Bosnien müssen die Fenster geschlossen bleiben.

  • fail bobi

    Männer schützen sich ultimativ mit dem Nakurnjak.

Share if you care.