Blog: So ein Schmarrn! Am Cern entstehen Schwarze Löcher, wir werden alle sterben

Blog15. September 2015, 05:30
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Unheilbringende Forschung, Tore in andere Dimensionen, Maya-Prophezeiungen – gegen Weltuntergangsstimmung gibt es nur ein wirksames Mittel: Wissen

Schon gewusst: Am 23. September öffnet sich am Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) ein Portal in eine andere Dimension. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kommt am 24. September auch noch ein großer Asteroid, der mit der Erde kollidieren wird. Ach ja: Das "jüngste Gericht" findet ebenfalls statt, und Jesus wird wieder erscheinen. Der Weltuntergang steht also ein weiteres Mal bevor.

Das ist soweit nichts Neues. Das (baldige!) Ende der Welt wird schon seit Jahrtausenden immer wieder prophezeit und ist offensichtlich kein einziges Mal tatsächlich eingetreten. Meistens verbreiten sich diese apokalyptischen Vorhersagen auch nur innerhalb kleiner Gruppen, und die breite Öffentlichkeit bekommt davon kaum etwas mit. Aber ab und zu entwickelt sich eine seltsamen mediale Dynamik, und eine wahre Weltuntergangslawine bricht los.

Maya-Prophezeiungen

Das letzte Mal war das im Jahr 2012 der Fall, als die virale PR für einen Hollywood-Film von selbsternannten Propheten, Esoterikern und Pseudowissenschaftern ausgenutzt wurde, um Aufmerksamkeit für ihre Produkte und Theorien zu wecken. All die unterschiedlichen und absurden Spinnereien, die schon lange vorher unabhängig voneinander existiert hatten ("Planet X", "Nibiru", Ankunft von Aliens, "Bewusstseinssprung", etc.), wurden in eine große, allumfassende 2012-Weltuntergangstheorie eingebaut. Und all das sollte am 21. Dezember 2012 passieren, was angeblich von den Maya vorhergesagt worden ist.

Natürlich hat nichts davon gestimmt; für keine der Aussagen gab es irgendwelche Belege. Das einzige, was vor und am 21. Dezember 2012 passiert ist, war ein enormer Medienrummel. Keine Zeitung und kein Fernsehsender schien sich der Faszination des Weltuntergangs entziehen zu können, das Internet sowieso nicht. Artikel und Fernsehbeiträge in verschiedenen Stadien der Fehlerhaftigkeit überschwemmten die Medien, die Aufregung war ganz allgemein groß, und am 22. Dezember war alles vorbei. Bis zum nächsten Weltuntergang ...

Wikinger-Endzeitstimmung

Ganz so dramatisch wie im Dezember 2012 ist es zwar bis heute zum Glück nicht mehr geworden. Aber immer wieder entwickelt aus kaum nachvollziehbaren Gründen die eine oder andere apokalyptische Vision ein Eigenleben, verbreitet sich viral durchs Internet und schwappt in die klassischen Medien über. Zum Beispiel am 22. Februar 2014. An diesem Datum hatte das Jórvík Viking Centre, ein Museum zur Kultur der Wikinger in der englischen Stadt York, den Abschluss ihres jährlichen "Viking Festival" geplant. In historischen Kostümen führte man eine große Schlacht auf, bei der "Ragnarök" nachgespielt wurde; der letzte Kampf zwischen Göttern und Eisriesen aus der nordischen Mythologie, die gleichzeitig das Ende der alten und den Anfang einer neuen Welt darstellt.

Die Veranstaltung wurde vom Museum mit "Die Welt wird in 100 Tagen enden" angekündigt. Ein wenig übertrieben vielleicht, aber normale PR. Die sich aber irgendwie verselbständigt und weltweit verbreitet hat. Von der Museumsveranstaltung blieb wenig übrig, stattdessen berichtete man – wie zum Beispiel in der Online-Ausgabe von "Österreich" – darüber, dass eine Prophezeiung der Wikinger den Weltuntergang vorhersagen würde ("2014: Wikinger sagen Apokalypse voraus").

Das Gleiche passiert regelmäßig, wenn Astronomen über an der Erde vorbeifliegende Asteroiden berichten. Aus harmlosen wissenschaftlichen Meldungen werden aufmerksamkeitsheischenden Click-Bait-Artikel über den nahenden Weltuntergang, die sich in den sozialen Medien rasend schnell verbreiten. Denn dort treffen zwei Faktoren aufeinander, die ideal geeignet sind, um Angst und Panik zu fördern: Unerfahrenheit im Umgang mit Medien und Unwissenheit über das Universum.

Astro-Verschwörungen

Behauptungen über Planeten, die aus dem Nichts auftauchen, um die Erde zu zerstören, "Dimensionstore", die in Teilchenbeschleunigern erzeugt werden oder Asteroiden auf Kollisionskurs, deren Existenz geheim gehalten wird, sind mit ein wenig grundlegendem Wissen über Astronomie und das Universum schnell als die absurden Fantastereien zu erkennen, die sie ja auch sind. Aber genau dieses Wissen fehlt vielen Menschen, besonders dann, wenn es um die Astronomie geht.

Es ist kein Zufall, dass die meisten aktuellen Weltuntergangstheorien einen astronomischen Hintergrund haben. Ob da nun Sonnenstürme die Erde verbrennen oder Magnetfelder die Planetenachse kippen lassen sollen; ob Asteroiden aus dem Nichts auftauchen, geheimnisvolle Strahlen aus fremden Galaxien die Erde treffen oder kosmische "Säurewolken" unseren Planeten auflösen sollen: Immer sind es astronomische Phänomene, die uns angeblich alle umbringen werden.

Fehlende Bildung

Vielen, vor allem jungen Menschen fehlt nun aber leider das nötige Grundlagenwissen, um zu erkennen, wie absurd diese Behauptungen sind. Im Gegensatz zu den anderen Naturwissenschaften ist die Astronomie ja auch (bis auf wenige Ausnahmen in einigen deutschen Bundesländern) kein eigenes Schulfach. Und die Aussagen irgendwelcher Pseudowissenschafter und Weltuntergangsfanatiker erscheinen dann auf den ersten Blick genau so plausibel wie die Erklärungen der seriösen Astronomen.

Bei diesem "ersten Blick" bleibt es dann leider meistens auch: Das, was über soziale Netzwerke an Internetvideos oder dubiosen Blogeinträgen verbreitet wird, wird selten überprüft oder auch nur kritisch hinterfragt. Die Weltuntergangsvorhersagen werden geteilt, kopiert, verändert, entstellt, weiter geteilt, bis am Ende keiner mehr, weiß wo das Ganze eigentlich her kommt und nur noch die nackte Panikmache übrig ist.

Illuminaten am Cern

So ist es auch bei der aktuellen Weltuntergangsvorhersage für den September. Überall im Internet findet man Artikel und Videos, in denen behauptet wird, am Teilchenbeschleuniger LHC würde demnächst irgendwas Schlimmes passieren; die Facebook-Seite des Cern wird von wütenden und ängstlichen Kommentaren überschwemmt, und Verschwörungstheoretiker überbieten sich gegenseitig an Absurditäten.

Beim einschlägigen Kopp-Verlag sorgt sich ein Autor über "Milliarden Protonen", die dort miteinander kollidieren, und spekuliert angesichts dieser "unvorstellbaren Menge" über weltzerstörende schwarze Löcher, die Zahl "666" im Cern-Logo und die drohende Zerstörung des Universums durch die Öffnung des "Dimensionsportals". Der in der Verschwörungstheoretiker-Szene bekannte (und wegen Volksverhetzung verurteilte) Ernst Köwing erklärt in seinem Blog "Der Honigmann sagt", dass es sich beim LHC " um einen von den Illuminaten und dem Vatikan kontrollierten Raumhafenverstärker und eine Manipulationsanlage" handelt.

Und immer wieder wird CERN-Mitarbeiter Sergio Bertolucci zitiert, der behauptet haben soll, man würde am LHC eine "Tür öffnen" aus der "irgendetwas kommen" könne. Dass Bertolucci jedoch nur anlässlich des LHC-Starts im Jahr 2009 über die Entdeckung und Erforschung bestimmter teilchenphysikalischer Phänomene, zu denen auch die von der Stringtheorie postulierten sogenannten "Extradimensionen" gehören (die nichts mit irgendwelchen "Dimensionstoren" zu tun haben), wird allerdings nie dazugesagt.

Gefährlicher "Blutmond"

Auch der Rest der aktuellen Weltuntergangspanik ist wie üblich ohne Grundlage. Die Welt soll ja vor allem deswegen demnächst untergehen, weil am 28. September eine totale Mondfinsternis stattfindet. Schon vor Jahren haben einige fundamentalistische christliche Prediger aus den USA behauptet, damit würde sich eine Prophezeiung aus der Bibel bewahrheiten. Es soll sich bei der kommenden Finsternis um einen sogenannten "Blutmond" handeln, und noch dazu um eine angeblich seltene Abfolge von vier totalen Mondfinsternissen innerhalb von zwei Jahren, die mit einigen jüdischen Feiertagen zusammenfallen.

Wer sich ein wenig mit Astronomie beschäftigt weiß aber (oder findet schnell heraus): Solche "Tetraden" gibt es immer wieder; zum Beispiel in den Jahren 2003/2004. 62 Tetraden fanden in den letzten 2000 Jahren statt, und acht davon fielen mit jüdischen Feiertagen zusammen (was nicht überraschend ist, da sich auch der jüdische Kalender nach den Mondzyklen richtet).

Konspirative Eliten

Und auch die Geschichten über einen drohenden Asteroideneinschlag sind frei erfunden. Nicht, das solche Ereignisse nicht tatsächlich möglich wären. Asteroiden kollidieren – langfristig gesehen – immer wieder mit der Erde. Aber der Himmel lässt sich eben nun mal nicht vertuschen. Nacht für Nacht beobachten weltweit tausende Hobbyastronomen den Himmel, viele davon explizit mit dem Ziel, neue Asteroiden zu entdecken. Dass sich die Existenz eines großen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde von irgendwem "verheimlichen" lassen würde, ist völlig illusorisch. Trotzdem halten sich die Behauptungen so hartnäckig, dass sich selbst die NASA zu einem offiziellen Statement genötigt sah.

Man kann versucht sein, sich über diese ganzen absurden Weltuntergangsgeschichten lustig zu machen und diejenigen auszulachen, die daran glauben (und oft bleibt einem kaum etwas anderes übrig). Aber meiner persönlichen (und damit nicht repräsentativen) Erfahrung nach sind es vor allem Kinder und Jugendliche, die sich davon Angst einjagen lassen. Wenn die Panikmache wieder mal solche Ausmaße erreicht wie in den hier geschilderten Fällen, erreichen mich fast täglich Emails und Kommentare in meinem Blog bzw. bei Facebook (seltsamerweise niemals bei Twitter), die von Leuten stammen, die wissen wollen, was es mit den angeblichen Gefahren auf sich hat.

Nur Wissen hilft

Im Gespräch stellt sich dann meistens heraus, dass es sich um Kinder oder Jugendliche handelt, denen astronomisches Wissen und Medienerfahrung fehlt, um mit diesem Weltuntergangsunsinn umzugehen. Sie sind von den vielen, völlig unkritisch verbreiteten Meldungen oft extrem verängstigt – und sie deswegen auszulachen wäre hier wohl der völlig falsche Weg.

Was hilft, ist Wissen. Das ist zwar oft mühsam zu erlangen, aber es funktioniert. Wer Ahnung vom Universum hat, lässt sich nicht mehr so leicht von den diversen Panikmachern Angst einjagen. Und lernt die faszinierende Seite der Welt kennen, wie diese Rückmeldung von einer der jungen Personen zeigt, die mir wegen ihrer Furcht vor dem Weltuntergang geschrieben haben: "Ich habe, wie sie mir es gesagt haben, den Tag in der Stadtbücherei verbracht und mir Bücher über Astronomie durchgelesen. [Jetzt] kann ich mich nur noch über diese Verschwörungspropheten lustig machen! Ich habe sehr sehr viel dazu gelernt und das Thema Astronomie hat meine Interesse sehr geweckt."

Wissen besiegt die Angst. Immer. (Florian Freistetter, 15.9.2015)

  • Kein Tor in eine andere Welt, sondern der CMS-Teilchendetektor am Cern in Genf.
    foto: apa/keystone/christian beutler

    Kein Tor in eine andere Welt, sondern der CMS-Teilchendetektor am Cern in Genf.

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