Islam: Brückenbauen statt Kriegsgeschrei

Kommentar der anderen14. September 2015, 17:02
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Ohne die islamische Tradition in Wissenschaft, Forschung und Kunst wäre Europa kulturell viel ärmer, als es heute ist. Deshalb: Es ist alles andere als blauäugig, für einen Dialog und Austausch mit dem heutigen Islam einzutreten

Fassungslos musste ich den Artikel von Eugen Sorg im STANDARD ("Der Krieg im Nahen Osten hat erst begonnen", vom 12. 9. 2015) lesen. Die furchtbaren Taten von IS und Boku Haram wurden zu Recht angeprangert. Seine völlige falsche Schlussfolgerung und Verallgemeinerung jedoch, nämlich dass alle Muslime, egal ob radikal oder moderat, eine moralische Überheblichkeit hätten und dass alle Manifestationen der Zeit vor ihnen keine Interessen verdien-ten – egal ob Kunst, Literatur oder Philosophie -, hält keiner Überprüfung stand. Dies ist für ihn Voraussetzung für das trostlose intellektuelle Leben in der araboislamischen Sphäre.

Wenn es so wäre? Wie konnte es dann sein, dass der Prophet die Muslime zur Auswanderung nach Abessinien aufforderte, dessen christlichen König er mit solchen Worten beschrieb: als einen gerechten König von aufrichtigem Glauben?

Seine These, dass alles vor der Zeit des Islams als ein Zustand der Unwissenheit und Barbarei gesehen wird, will Sorg mit dem Glaubensbekenntnis der Muslime beweisen. Eine Antwort auf diese These bietet zum Beispiel der 136. Koranvers der zweiten Sure: "Wir glauben an Allah und an das, was uns herabgesandt worden ist, und was Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen (Israels) herabgesandt wurde, und was Moses und Jesus gegeben wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied und Ihm sind wir ergeben."

Nicht-wahrhaben-Wollen

Der deutsche Diplomat und Autor Morad Hofmann hat bereits in seinen Publikationen auf diese Diskrepanz des Nicht-wahrhaben-Wollens hingewiesen.

Nicht erst durch die Taliban, sondern schon seit der Spätantike erscheint der Islam dem Westen trotz seiner internen Vielfalt und Spiritualität als ein scheinbar monolithisches und rigides System, vor dem man sich zu fürchten hat.

Nicht nur in Andalusien respektierten und tolerierten die Muslime – und sie tun es bis heute – andere Religionsgemeinden in ihrer Mitte. Auf dem Weg zum Flughafen in Kairo sieht man mehr koptische Kirchen als Moscheen. In Damaskus sind die Kirchturmkreuze nachts neonbeleuchtet. Sogar Griechenland ist trotz 500 Jahren osmanischer Herrschaft als ein griechisch-orthodoxes Land hervorgegangen.

Bewahrt ...

Wer heute die Hagia Sophia in Istanbul besucht, erfährt, dass die Muslime die Fresken und Wandmalereien einfach mit Holzbrettern bedeckten und sie nicht zerstörten. Selbst die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Welt, wie die Sphinx, Pyramiden, Petra, Ephesos und Persepolis können heute noch in Ägypten, Jordanien, der Türkei und im Iran bewundert werden – alles schon seit Jahrhunderten muslimische Länder.

Auch die hellenistische Philosophie ist dank der im Bagdad

des 9. Jahrhunderts entstandenen, von spekulativen griechischen Metaphysikern beeinflussten Mu'tazila-Schule an die heutigen Zeit weitergegeben worden.

Die kulturelle und wissenschaftliche Hochblüte der islamischen Zivilisation – die des abbasidischen Bagdad und des umayyadischen Córdoba – hat dank der Andalusier Ibn Ruschd (Averroes 1126-1198, der als Aristoteles-Kommentator die westliche Philosophieentwicklung maßgeblich beeinflusst und nebenbei auch noch die Sonnenflecken entdeckt hat), Ibn Arabi und Ibn Hazm einen wesentlichen Einfluss auf die Scholastik, das Minnesängertum, die gotische Architektur, die Mathematik, das westliche Gesundheitswesen und sogar die christliche Mystik gehabt.

Nicht vergessen sollten wir auch andere verdienstvolle Wissenschafter, wie al-Khwarismi (gestorben 846), den Vater der Algebra und des Algorithmus-Terminus, Al-Razi/Rhazes (846-935) dessen medizinisches Hauptwerk Liber Almansoris Jahrhunderte der Ausbildung an europäischen Universitäten diente, Ibn Sina/Avicenna (980-1037), dessen medizinische Enzyklopädie noch im 19. Jahrhundert benutzt wurde, und Ibn Khaldun (1332-1406), der Begründer der Soziologie und der modernen, quellenkritischen Geschichtsschreibung.

... nicht zerstört

Angesichts solcher Tradition und solchen Umgangs mit Wissen, Toleranz und Kultur ist es umso unverständlicher, wie es immer wieder zu Verfehlungen in den islamischen Ländern kommen kann. Haben wir etwa alle die Aufforderung des Korans vergessen?

  • "Habt ihr denn keinen Verstand?" (2:44)
  • "Habt ihr denn nicht gesehen?" (31:20)
  • "Wollt ihr denn nicht nachdenken?" (6:50)

Aber Kriege bringen mit Sicherheit keine Lösung, sie schaffen nur Elend und Zerstörung. Wir brauchen auf beiden Seiten vernünftige Mahner und Brückenbauer. Wir brauchen Menschen, welche deeskalieren und für Frieden, Dialog und Humanität eintreten.

Wer für so etwas eintritt, ist kein pazifistischer Illusionist, sondern ein großartiger Mensch.(Omar Al-Rawi, 14.9.2015)

Omar Al-Rawi (54) ist Landtagsabgeordneter der SPÖ in Wien, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und Vorstand der Initiative muslimische Österreicher.

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