Peter Kraus: Vom Joghurtbecherkostüm zum grünen Listenplatz

Video15. September 2015, 08:00
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DER STANDARD fährt anlässlich der Wien-Wahl mit Jungpolitikern in Öffis durch die Stadt

Wien – "Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, sich einen Fahrschein zu kaufen", sagt der Wiener-Linien-Mitarbeiter, der den Videodreh beaufsichtigt, kurz bevor die Niederflurstraßenbahn der Linie 58 in Hietzing einfährt. Peter Kraus lacht: "Ich habe eine Jahreskarte, ich bin ja bei den Grünen."

derstandard.at/von usslar

Der 58er sei sein täglicher Weg in die Stadt hinein und wieder hinaus, sagt der 28-Jährige, während die Bim knarzend in Richtung Westbahnhof losfährt. Diese Strecke habe er ausgesucht, weil sie den 15. Bezirk quere und er "herzeigen wollte, wo ich wohne". Als Boboville, wie die grüne Hochburg Neubau oft bezeichnet wird, will Kraus das von Kreativen geprägte Reindorfviertel südlich der äußeren Mariahilfer Straße nicht verstehen. Es blühe auf, weil dort Leute lebten, die mit "Eigeninitiative und Engagement ihr Grätzel aufwerten wollen". Die Stadt müsse solche Initiativen auch in anderen Bezirken stärker fördern, anstatt nur darauf zu schauen, "dass sie sich an alle Regeln halten".

Nicht danebensitzen

Bezirksrat ist Kraus seit 2010 im 20. Bezirk, wo er gewohnt hatte, bevor er nach Rudolfsheim zog, und wo er 2005 seine politische Karriere als Aktivist bei den Grünen begann. "Ich wollte nicht danebensitzen und zusehen, wie Entscheidungen getroffen werden, die meine Generation betreffen", begründet er sein Engagement in der Politik.

Kraus ist Jugendsprecher, Sprecher der Grünen Andersrum in Wien und stellvertretender Büroleiter bei Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Im Februar wurde er bei der Landesversammlung der Wiener Grünen auf Listenplatz acht gewählt. Das Foto, auf dem er lachend, mit einem Blumenstrauß in der Hand, seinen Parteifans zuwinkt, ziert noch immer sein Twitter-Profil.

Aus Glück Methode machen

Kraus, ursprünglich aus Ternitz in Niederösterreich, ist studierter Volkswirt und Sozioökonom. Als Student habe er in den für unter 30-Jährige typischen prekären Beschäftigungs- und Wohnverhältnissen gelebt. "Ich weiß, wie es ist, wenn es erst der 20. im Monat, das Geld aber schon aus ist." Ausgeholfen habe er sich etwa mit Callcenterjobs. Einmal verteilte er als Joghurtbecher verkleidet Kostproben im Supermarkt. "Ich hatte das Glück, dass ich Eltern hatte, die mich immer unterstützten, wenn es notwendig war." Er wolle aber, dass aus diesem Glück eine Methode für alle wird.

foto: maria von usslar
Kein streitsüchtiger Verkehrsteilnehmer: "Langsamer fahren und einen schönen Tag haben", sagt Peter Kraus.

Er kämpfe für eine Welt, in der "Chancen nicht von Herkunft, Alter oder sexueller Identität abhängen". Eine Utopie? Nein, ein Ziel, sagt Kraus. "Ich weiß, man erledigt das nicht von heute auf morgen, aber am Anfang meiner Karriere brauche ich eine Vorstellung, wo ich diese Stadt hinbringen will." Ein Ansatz: Mehr Sensibilisierungsarbeit in Schulen zu Rassismus und Homosexualität, "um Vorurteile abzubauen, bevor sie entstehen".

Fade Politikerbeschreibungen

Ob er – der je nach Witterung mit Öffis oder Rad fährt – ein emotionaler Verkehrsteilnehmer sei, der sich auch einmal streitet? "Nein, ich habe Konflikte nicht so gern, beim Radfahren oder sonst im Leben. Ich finde, wenn man das auslässt und zwei Minuten langsamer unterwegs ist, hat man dafür einen schönen Tag."

Kraus' Ziel für die Wien-Wahl? "Die Nummer eins bei den unter 30-Jährigen werden." Dafür sei er rund um die Uhr in der Stadt und online unterwegs. Dass Lehrlinge eine Wählergruppe seien, die die Grünen schwer erreichen, stimme nicht, sagt Kraus: "Es gibt überall junge Leute, die sich für die Zukunft dieser Stadt interessieren."

Britpop und Bärte

Wichtig sei ihm auch, Spaß in die Politik zu bringen. Deshalb wollte er auf Twitter und der Grünen-Homepage nicht die "übliche fade Politikerbeschreibung". Was steht dort stattdessen? Er mag Britpop ("Sie sollten mich dazu tanzen sehen"), "Game of Thrones" ("Eine großartige Serie") und Bärte ("Gepflegt müssen sie sein"). (Christa Minkin, 15.9.2015)

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