Westbalkanroute: Mit Plan B nach Österreich

14. September 2015, 17:04
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Flüchtlinge könnten bald einen neuen Weg über Slowenien nehmen. Dort wurden bislang nur wenige Asylwerber aufgenommen

Nein, das ist nicht "Austria". Nawras al-Rsumi weiß mittlerweile, dass er sich in Slowenien befindet, im einzigen Flüchtlingsheim des Landes in Ljubljana. Geplant war das nicht. In gebrochenem Englisch berichtet der 29-jährige Iraker von seiner Flucht aus Bagdad, erzählt von den Schiiten, die ihm, einem Sunnniten, das Leben dort zur Hölle gemacht hätten. Vor vier Monaten entschloss er sich, sein ganzes Hab und Gut zu verkaufen und einem Schlepper umgerechnet 10.000 Euro zu bezahlen, damit dieser ihn auf dem Luftweg nach Österreich oder Deutschland befördert. Über Istanbul kommend landete er unwissend am Flughafen von Ljubljana. Dort wurde er aufgehalten. Seine Frage "Austria?" verneinten die Behörden wahrheitsgetreu.

kim son hoang
Im Süden von Ljubljana befindet sich das einzige Flüchtlingsheim Sloweniens.

Das Leben hier im Flüchtlingsheim, es könnte schlimmer sein. Rsumi klagt über das Essen, es sei zu wenig, und dass er mit 18 Euro Taschengeld im Monat nicht auskomme. Doch zumindest gibt es hier eine Menge Platz. Das Heim, ein moderner, umzäunter Komplex in einem Industriegebiet, wurde für mehr als 200 Personen konzipiert. Mehr als die Hälfte der Plätze ist derzeit unbelegt.

grafik: der standard

Das könnte sich aber rasch ändern. Zu den EU-Plänen bezüglich verpflichtender Flüchtlingsquoten – Slowenien lehnt diese ab – kommt die Vermutung, dass die Westbalkanroute der Flüchtlinge bald über Kroatien und Slowenien nach Österreich gehen wird, wenn Ungarn ab Dienstag seine Grenze zu Serbien dichtmacht. Einen ersten Vorgeschmack gab es in der vergangenen Woche, als die slowenische Polizei 14 Syrer aufgriff.

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Nawras al-Rsumi wollte nach Österreich oder Deutschland. Jetzt steckt er in Slowenien fest.

Trotzdem gaben sich die slowenischen Behörden zuletzt gelassen. Man rechne nicht mit einer "Zunahme der illegalen Migration". Gleichzeitig aber bereitet sich das Land doch auf eine mögliche Ankunft vieler Flüchtlinge vor. Vorübergehend könnten 3.000 Personen in Zelten untergebracht werden, teilte der Zivilschutz mit. Grundsätzlich werde Slowenien aber als Transitland betrachtet.

Die Chancen, hier Asyl zu erhalten, stehen sowieso schlecht. 2014 hatten 44 Personen das seltene Glück, im ersten Halbjahr 2015 waren es 27 Flüchtlinge, die bleiben durften. Alena Goncharyk wartet seit mehr als einem Jahr auf einen Bescheid. Im August 2014 flüchtete die 27-jährige Ukrainerin mit ihrer Mutter aus dem umkämpften Donezk. Aida Hadziahmetovic, eine Anwältin, die sich für die Rechte von Asylwerbern einsetzt, betrachtet die Angelegenheit nüchtern: "Ukrainer und Iraker bekommen in der Regel eine negative Antwort. Bessere Chancen haben da noch Iraner."

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Einer der Schlafräume im Flüchtlingsheim.

Sollten auf welchem Weg auch immer mehr Flüchtlinge ins Land kommen, befürchtet Hadziahmetovic einen Kollaps des Asylsystems und nennt ein Beispiel: "Es gibt im ganzen Land einen Arabisch-Dolmetscher. Die Behörden sagten, dass das völlig ausreiche."

Selbst wenn Asylwerber tatsächlich bleiben dürften, wären sie einem ausländerfeindlichen Klima ausgesetzt. Ein Nigerianer suchte einmal eine Wohnung, erklärt Hadziahmetovic exemplarisch. Einer Vermieterin war er aber "zu schwarz". Die Slowenen haben Angst vor Ausländern, sie würden stehlen, ihnen die Wohnung und den Job wegnehmen, lauten die gängigsten Vorurteile. Oder sie wären gar Terroristen.

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Spielplatz für Flüchtlingskinder.

Schuld daran sei vor allem die Regierung, sagt Mojca Pajnik, Expertin für Rassismus und Migration der NGO Mirovni-Institut. Immer wenn es um Flüchtlinge gehe, spreche Ministerpräsident Miro Cerar von einer Sicherheitsbedrohung. Das beeinflusse die öffentliche Meinung. Anstatt aber Ängste zu schüren, sollte sich Slowenien organisieren und solidarisieren, fordert Pajnik: "Die Flüchtlinge werden kommen, sie sind nahe der Grenze." (Kim Son Hoang aus Ljubljana, 14.9.2015)

Die Reise nach Ljubljana wurde durch das Eurotours-Projekt finanziert.
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