Gegenwind für Corbyns Labour-Schattenkabinett

Ansichtssache14. September 2015, 15:51
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Keine 36 Stunden nach seiner vielbeachteten Wahl zum Chef der oppositionellen britischen Labour-Partei findet sich Jeremy Corbyn inmitten eines Flügelkampfes wieder. Schon die Vorstellung seines Schattenkabinetts, mit dem der von der Basis mit großer Mehrheit gekürte Parteilinke der konservativen Regierung zu Leibe rücken will, stößt bei vielen alteingesessenen Abgeordneten auf wenig Euphorie.

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Finanzen: Vor allem die Bestellung John McDonnells erhitzt die Gemüter. Der frühere Gewerkschafter zählt wie sein neuer Chef, dessen Wahlkampf er organisiert hat, zum linken Flügel der Partei.

Sein Programm, wie unlängst in einem Gastkommentar im "Guardian" dargelegt, umfasst etwa die Verstaatlichung der Eisenbahn, die Besteuerung des Kapitalverkehrs und ein Ende der "Kasinowirtschaft" im Londoner Bankenviertel.

Ob er der britische Yanis Varoufakis sei, wurde Corbyns Schattenfinanzminister John McDonnell eine Stunde vor seiner Präsentation am Rande einer Veranstaltung gefragt. "Ich könnte nie so cool sein", gab dieser zurück, wohlwissend, dass er diese Frage in Zukunft noch öfters würde beantworten müssen.

Charles Clarke, der im Kabinett Tony Blair Innenminister war, gab sich ob der Bestellung McDonnells "entsetzt" und spekulierte über ein eigenes Schattenkabinett aus unzufriedenen Labour-Abgeordneten. Für Clarke ist die Wahl McDonnells ein Beweis dafür, dass der neue Parteichef keineswegs auf einen Konsens zwischen dem linken Flügel und der zentristischen, von Tony Blair aus der Taufe gehobenen New Labour aus ist.

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Inneres: Schatten-Innenminister ist der frühere Gesundheitsminister Andy Burnham, gegen den Corbyn im Rennen um den Labour-Vorsitz gewonnen hat.

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Außenpolitik: Hilary Benn, den Corbyn für den Fall eines Siegs bei der Unterhauswahl 2020 als Außenminister vorsieht, blickt ebenso auf Regierungserfahrung zurück.

Kritikern des vagen Europakurses des neuen Labour-Chefs, der 1975 gegen den Beitritt Großbritanniens zur EG gestimmt hatte, nimmt Schatten-Außenminister Benn im Hinblick auf das Referendum, das spätestens 2017 stattfinden soll, den Wind aus den Segeln. "Wir werden dafür werben, in der EU zu bleiben." Zuletzt hatte Corbyn erklärt, er wolle zuerst sehen, welche EU-Reformen Regierungschef David Cameron vor der Abstimmung noch durchsetzen könne.

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Kritik erntet Corbyn aber auch, weil sich in den wichtigsten Positionen in seinem Gegenentwurf zum konservativen Regierungskabinett keine einzige Frau findet. "Sehr enttäuschend. Ein altmodisches, männerdominiertes Schattenkabinett", kommentierte die Abgeordnete Diana Johnson die fiktive Ministerliste.

Entwicklung: Einzig Diane Abbott (Bild), 1987 die erste schwarze Frau im britischen Parlament, firmiert als Schattenministerin für internationale Entwicklung in den vorderen Reihen. Heidi Alexander, die erst seit 2010 Abgeordnete ist, fungiert als Corbyns Personalreserve für das Gesundheitsministerium. (flon, 14.9.2015)

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