Das revolutionäre "Thief", das es niemals gab

17. September 2015, 10:16
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Dokumente aus 2004 zeigen interne Vorschläge für Neustart in modernem Setting

Auf drei Teile brachte es die "Thief"-Reihe, ehe sie in einen langen Dornröschenschlaf überging. Vergangenes Jahr kehrte sie nach "The Dark Project", "The Metal Age" und "Deadly Shadows" weder unter dem Titel "Thief" zurück. Die Rückkehr des Meisterdiebs stieß unter den Fans allerdings auf gemischtes Feedback.

Die vierte Iteration von Garretts Abenteuern hätte aber auch ganz anders aussehen können, wie nun von Eurogamer gesichtete Dokumente zeigen. 2004, nach der Veröffentlichung von "Deadly Shadows", präsentierten die damals verantwortlichen Entwickler von Ion Storm ihre Vision für den nächsten Teil bei Publisher Eidos. Er hätte den Untertitel "Dagger of Ways" getragen. Eurogamer hat dem verlorenen Game nachgespürt.

Im Licht von Neon und Mondschein

Angedacht war ein Szenario in der Moderne. Die Stadt, durch die man sich des Nachts bewegt hätte, sollte Elemente von Städten wie New York, Los Angeles, Boston und anderen US-Metropolen aufweisen.

Von Passanten bevölkerte Straßen, heruntergekommene Geschäfte und düstere Seitenstraßen hätten der Spielumgebung im Licht von Mondschein und Neon einen eigenen Charakter verleihen sollen. Überhaupt hatte man angedacht, das Setting düsterer zu gestalten, wofür der erste Film der "Blade"-Reihe mehrfach als Inspirationsquelle genannt wird.

Familiengeschichte

Die Geschichte hätte sich einerseits mit Garretts Vergangenheit und dem Verschwinden seiner Eltern und jüngerer Schwester auf der Flucht der zur Sekte ausgewachsenen Organisation "The Keepers" beschäftigt und andererseits einen Konflikt zwischen zwei anderen Gruppen, "The Church" und "The Openers" gezeichnet. Garrett wäre seiner Schwester, nun tätig als Keeper-Agentin, wieder begegnet.

Garrett hätte in seinen Missionen die Umgebung – von der Straße bis auf die Häuserdächer – erkundet, wäre aber auch in Gebäude eingebrochen. Eine Mission hätte etwa in das Anwesen eines korrupten Senators geführt. Offenbar hatte man, nachdem das in finanzieller Hinsicht weit unter den Erwartungen gebliebene "Deadly Shadows" dem ohnehin schon angeschlagenen Publisher auf das Budget drückte, einen Neustart mit massentauglicherem Setting angestrebt.

Publisher bremste Entwickler aus

Die Konzernverantwortlichen, die sich an Verkaufszahlen und Marktanalysen orientierten und von Videospielen selbst wenig Ahnung hatten, verlangten damals nach Mainstream-Blockbustern, wie ein Entwickler anonym berichtet. Bei Ion Storm war man überzeugt, den nächsten Teil sowohl für ein großes Publikum ansprechend gestalten und den Wurzeln der Reihe trotzdem treu bleiben zu können.

Dafür plante man auch eine Reihe neuer Features, um "Dagger of Ways" stärker von seinen Vorgängern zu differenzieren und das Spielkonzept aufzufrischen. Doch gegen viele der Vorhaben legte Eidos aus Angst vor einem weiteren Flop sein Veto ein, noch bevor das Team sie überhaupt weit genug entwickelt hatten, um sie vorzuführen.

Selbst der titelgebende "Dolch der Pfade" war betroffen. Er hätte sich im Laufe des Spiels von einer unüblichen, aber sonst nicht herausragenden Waffe zu einem mächtigen Instrument entwickeln sollen, der es Garrett erlaubt hätte, in eine Art Geisterdimension auszuweichen, um Umgebungen zu erkunden, Wachen auszutricksen oder manche Bereiche gar zu überspringen. Im Gegenzug für seinen Einsatz wäre das Spiel dafür schwieriger geworden. Eidos sprach sich jedoch vollständig gegen "übernatürliche Dinge" aus.

Projektleiter später für "Dishonored" verantwortlich

Einige Monate war "Thief: Dagger of Ways" in Entwicklung, das Budget war offenbar mit 6,6 Millionen Dollar festgelegt. Projektleiter Harvey Smith, der rund zehn Jahre später federführend an der Entwicklung von "Dishonored" beteiligt war, verabschiedete sich nach einem halben Jahr. Wie der Titel ausgesehen hatte, als Eidos das Projekt schließlich beendete, lässt sich allerdings nicht rekonstruieren. (gpi, 17.09.2015)

  • "Thief: Dagger of Ways" hätte die Spieler in die Moderne entführen sollen.
    foto: eurogamer/ion storm

    "Thief: Dagger of Ways" hätte die Spieler in die Moderne entführen sollen.

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