Schauspielhaus Graz: Neustart über Grenzen hinweg

14. September 2015, 07:33
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Mit "Grenzgänge" stellte sich Iris Laufenberg dem Grazer Theaterpublikum als neue Intendantin des Schauspielhauses vor. Ihr Programm hält politische Themen und zeitgenössische Autoren bereit. Und ein wieder gut gefülltes Darstellerensemble

Graz – Sammelpunkt: Freiheitsplatz! Was für eine Inszenierung zum Auftakt eines Programms namens Grenzgänge! Unter dieses Motto nämlich hat Iris Laufenberg ihr Einstandswochenende am Grazer Schauspielhaus gestellt. In zwei Durchgängen präsentierten sich die Neo-Intendantin und ihr Ensemble dem Andrang des Publikums.

Auch die Grenze zwischen vor und hinter den Kulissen fiel bei dem Parcours, auf dem man von Guides durch Haus, Hof, Werkstätten und insgesamt 13 Kurzstücke gelotst wurde. Ziel der Erkundungstour: Grenzen zwischen Nationen, Kulturen, Generationen, Individuen, Leben und Tod. Gleich mehrere davon durchzogen Meine kleine Seele, Emilio García Wehbis dichten, jelinekesk anmutenden Abgesang auf unseren zwischen Finanz- und Flüchtlingskrise lethargischen Kontinent. "Es ist Europa, das sich zurückzieht, nicht ich", erklärt der aus mythologischen und realen Schiffbrüchigen angereicherte Jason/Jonas/Donald, als er europäische (schon bald eingezäunte?) Grenzen per Floß verlässt.

Kritik und Lob der Grenzen

Ein Lob der Grenze hat dagegen Ferdinand Schmalz verfasst. Sein am apparat handelt von einem neurotischen Museumswächter, der mehr noch als sein Aufsichtsobjekt, das im Kalten Krieg eingerichtete "Rote Telefon" zwischen den USA und der UdSSR, die Intimsphäre des Menschen bewahren will. Denn Grenzen sind auch Freiheit: die Freiheit, sie zu überschreiten oder aber einzuhalten und so Privates vor Öffentlichem (und umgekehrt) zu schützen.

Die Grenze zwischen beschaulichem Theaterabend und Horrorszenario fantasierte schließlich Philipp Löhles Publikumsverunsicherung Paranoia. "Glauben Sie wirklich, Sie sind hier nur einfach so? Anonym? Fühlen sie sich denn hier sicher?", fragte eine Stimme die vor der Hauptbühne Zusammengetroffenen, um endlich zu beruhigen: "Niemand kommt auf die Idee, ein Theater in die Luft zu jagen. Sorry. Aber dazu ist es einfach zu unwichtig."

Unwichtig? Sicher nicht vorwerfen kann man Laufenbergs Spielplan, dass er irrelevant sei. Denn im ersten Jahr nachdem Anna Badora ans Wiener Volkstheater gewechselt ist und einen guten Teil ihrer Schauspieler mitgenommen hat, wartet die aus Bern nach Graz Berufene mit einigem auf. Nicht nur so mancher Kopf des wieder gut aufgefüllten Darstellerensembles macht Lust auf mehr.

Theater zur Neuverortung

Erfreulicherweise werden einem die Autoren mancher der am Samstag gezeigten Auftragsarbeiten kommende Spielzeit wiederbegegnen. Neben Ferdinand Schmalz (dosenfleisch) und Thomas Arzt (Johnny Breitwieser) auch Clemens J. Setz. Frequenzen nach Motiven aus dem gleichnamigen Roman des Grazers zeigt man als Uraufführung. Auch sonst liegt der Fokus auf Zeitgenössischem und jungen Dramatikern; neun mitunter stark politische Stücke werden zum ersten Mal (in Österreich) zu sehen sein.

Darunter, pünktlich zum Ablauf der Urheberrechte, eine Auseinandersetzung des vielfach prämierten Rimini Protokoll mit Adolf Hitlers Mein Kampf. Dem unmittelbaren städtischen Umfeld widmet sich mit der Recherche Jeder ... Niemand das "Haus drei", die kleinste Spielstätte: Was bedeutet Graz' Selbsterklärung zur "Stadt der Menschenrechte"?

Die Bühne als Ort zwischen Realität und Fantasie, zwischen Ist und Soll geht in Graz nach Badora also weiter. "Fluchthelfer", so hießen die Guides am Samstag, wird das Publikum da, wenn die Ankündigungen aufgehen, wohl keine brauchen. (Michael Wurmitzer, 14.9.2015)

  • Den Roller wurde Pascal Goffin bei der Vorstellungsrunde des Ensembles im "Haus eins" nicht los. Dafür erlebte man, was Theater alles sein kann: Sprechübung, Zauber, Hoppala, Lyrik, Gesellschaftskritik.
    foto: lupi spuma

    Den Roller wurde Pascal Goffin bei der Vorstellungsrunde des Ensembles im "Haus eins" nicht los. Dafür erlebte man, was Theater alles sein kann: Sprechübung, Zauber, Hoppala, Lyrik, Gesellschaftskritik.

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