Ostöstlicher Diwan

Einserkastl13. September 2015, 16:05
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Die Stimmung in Estland und Finnland ist angespannt

Im Osten was Halbneues: Der Ukraine-Konflikt dauert an, Fronten verhärten sich, zivile Opferzahlen steigen. Die Aussicht auf Konfliktentschärfung ist in weite Ferne gerückt. Dieser Krieg ist ein halbverschleierter, langsamer, aber zäher.

Putins Hinwendung zu EU-kritischen Parteien, ein Hingezogensein, das auch durchaus in monetäre Ströme gegossen ist, ist ebenfalls ungebrochen. Und während Stalins Überzeugungen aus der Mottenkiste geholt werden, um sie blank geputzt der staunenden Bevölkerung vorzuführen, wird die Stimmung in den umgebenden Ländern eher angespannt.

Bei einer Diskussion in Zagreb nach der derzeitigen Lage befragt, zeigt sich Schriftstellerin Sofi Oksanen pessimistisch: Nicht nur Estland, auch Finnland erlebe sie als Pendlerin zwischen diesen Ländern als durchaus nervös. Parallel zu dieser Vorsicht erlebt aber auch Nostalgie nach der Sicherheit des Ostblocks ein intensives Revival: statt billiger Wohnungen, niedriger Erhaltungskosten, gemütlich dahinziehenden ärmlichen, aber gesicherten Lebens ein den älteren Generationen unvertrauter Kapitalismus, der Schwache und Alte nicht nur beiseitedrängt, sondern überrollt.

Schriftstellerin Slavenka Drakulic wiederum berichtet von hoher Jugendarbeitslosigkeit, Resignation, steigender Fremdenfeindlichkeit. Wenn man Künstler als Seismografen betrachtet, sollte man sich auf kleinere Beben vorbereiten. (Julya Rabinowich, 14.9.2015)

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