Flüchtlinge: Wie mehrheitsfähig ist die Hilfsbereitschaft wirklich?

13. September 2015, 16:41
433 Postings

Laut neuer Umfrage betrachten 90 Prozent der Österreicher die große Zahl ankommender Flüchtlinge mit Sorge. Das stärkt die FPÖ

In den großen Wiener Bahnhöfen, an der Grenze zu Ungarn in Nickelsdorf, ja in Wien auf offener Straße helfen Menschen aus Österreich, ganz normale Bürgerinnen und Bürger, den Flüchtlingen.

Die Polizei geht mit Augenmaß und Zurückhaltung vor, das Innenministerium organisiert Busse, die Bahn – nach vorübergehender Unterbrechung – Sonderzüge aus Wien nach Salzburg und weiter nach Deutschland, dem Zielland der meisten syrischen, irakischen und afghanischen Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge.

Atmosphärische Erleichterung

Tatsächlich geschieht im Umgang mit den vielen Flüchtlingen in Österreich in diesen Tagen viel Richtiges und Kluges. Nach langen Jahren einer immer verkorksteren nationalen "Asylpolitik", mit den rot-schwarzen Gesetzesverschärfern als Vorvollziehern Heinz-Christian Straches, ist das eine große Erleichterung – zumindest atmosphärisch.

Angesichts der neuen Lösungsorientierung wirken viele Einwürfe der FPÖ derzeit übertrieben und skurril. Etwa wenn FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl dieser Tage von "einer Milliarde Euro Zusatzkosten im Budget 2016 durch den Asylwerberstrom" fantasiert. Dass besagter "Strom" großteils durch Österreich hindurchfließt und somit mit Sicherheit weit weniger Steuergeld als eine durchschnittliche Bankhaftung kosten wird, bedenkt er nicht.

FPÖ fürchtet "Jihad" in Kasernen

Da warnt Vizeleutnant Manfred Reindl, Fraktionsführer der freiheitlichen Personalvertreter im Verteidigungsministerium, eindringlich vor der Beherbergung von Flüchtlingen in Kasernen. Deren Unterkünfte könnten kurzzeitig "nicht mit stabilen Zäunen von der militärischen Liegenschaft abgetrennt" werden, wo "hunderte Waffen und die Einsatzmunition" lagerten. Somit drohe von als Flüchtlinge "eingeschleusten Terroristen" ein "Jihad mit Bundesheergewehren".

Jenseitige Behauptungen

Doch so seltsam, ja jenseitig solch blaue Wortspenden auch klingen mögen, so sehr sie das Denk- und Einfühlungsvermögen aufgeschlossener Zeitgenossen beleidigen: Die FPÖ könnte angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation bei den anstehenden Landtagswahlen in Oberösterreich und Wien noch stärker als bisher gemutmaßt gewinnen.

Weil sie die einzige Partei ist, die offen gegen die vielen ankommenden Flüchtlinge auftritt. Und weil es Hinweise gibt, dass dies den Ansichten einer Mehrheit der Bevölkerung entspricht – auch wenn sich zahlenmäßig viele Menschen für Flüchtlinge engagieren, ist das in Prozenten ausgedrückt offenbar nur eine kleine Minderheit.

Fast alle haben "Sorge"

So zumindest lässt es – bei aller Vorsicht – eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Internet-Umfrage des Instituts marketagent.com im Auftrag der Sendung "Servus Journal" des Privatsenders Servus TV erscheinen. Demnach hätten 90 Prozent der Befragten angegeben, dass ihnen der aktuelle Zustrom an Flüchtlingen Sorge bereite.

72 Prozent hätten die Befürchtung geäußert, dass es durch die Asylsuchenden zu einer "Überfremdung" Österreichs kommen könnte. 76 Prozent trauten der Regierung nicht zu, ein sinnvolles Konzept für die Lösung der Flüchtlingsfrage zu haben. 67 Prozent hätten angegeben, sich von den österreichischen Medien nicht ausgewogen und objektiv über Flüchtlingsthemen informiert zu fühlen: also offenbar nicht ablehnend genug, auch wenn es dafür keinerlei inhaltliche Gründe gibt.

Leichte Beute für Hetzer

Besonders die letzten beiden Resultate geben zur Besorgnis Anlass: Wer weder der Regierung noch den Medien traut, der ist für Manipulatoren und Hetzer eine leichte Beute. Dann glaubt er oder sie möglicherweise sogar besagten FPÖ-Behauptungen. Tatsächlich kursieren in sozialen Medien Lügen, die noch viel weiter hergeholt sind als die besagte blaue Jihad-Befürchtung.

Bei aller Erleichterung über die von der Bundesregierung mitgetragene neue Willkommenshaltung gegenüber Flüchtlingen ist es für solidarische Menschen also ein großer Fehler, diese Haltung in Österreich als mehrheitsfähig zu betrachten. Ausständig ist, den Österreicherinnen und Österreichern zu vermitteln, dass es keinerlei menschliche, menschenrechtskonforme Alternative zu Offenheit und Hilfe gibt, wenn tausende Menschen, die um ihr Leben gelaufen sind, erschöpft an der Grenze stehen.

Dass Restriktionen an Grenzen – oder gar, wie ab Dienstag in Ungarn zu erwarten, ein Heereseinsatz –, nur noch mehr Chaos sowie Todesgefahren für viele Menschen mit sich bringen. (Irene Brickner, 13.9.2015)

  • Freiwilliger Helfer mit Flüchtlingskindern am Wiener Westbahnhof.
    foto: apa/neubauer

    Freiwilliger Helfer mit Flüchtlingskindern am Wiener Westbahnhof.

Share if you care.