Corbyns Sieg: 60 Prozent sind keine Minderheit

Kommentar12. September 2015, 18:59
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Wie linksradikal ist der neue Chef der britischen Labour-Partei wirklich?

Mit 60 Prozent der registrierten Labour-Unterstützer hat Jeremy Corbyn die Urwahlen in Großbritannien gewonnen. Im ersten Wahlgang bereits. Eine Minderheit, die ihn wählte? Einer, der die Labour-Party spalten würde? Zwei Positionen seiner Gegner in Partei und Publizistik, die dem Ausgang dieser Abstimmung nicht standhalten, denn 60 Prozent sind ein klares Votum. Hätte es ein Kandidat oder eine Kandidatin der Labour-Mitte erhalten, britische Medien wären in Jubel verfallen – und kontinentale mit ihnen.

Corbyn steht eindeutig links von der geltenden Parteilinie und er ist bisher zweifellos ein Außenseiter. Aber ist er linksradikal? So wird er seit Monaten eingestuft und erst vor wenigen Tagen hat ihn eine Kommentatorin der Londoner "Times" als "regierungsunfähig" bezeichnet, obwohl er noch keinen einzigen Tag regiert hat. Warum ist er linksradikal? Weil er die britische Bahn wieder verstaatlichen will – eine Bahn, die nach ihrer Privatisierung durch John Major heruntergewirtschaftet wurde. Und deren Kontrollmechanismus nach wie vor von den Eigentümern betrieben wird – mit dem Resultat verheerender Zugunglücke. Oder weil er Energieunternehmen wieder in Staatsbesitz nehmen möchte? In Frankreich ist das dominante Energieunternehmen (mit seinen Atomkraftwerken) in Staatsbesitz – selbst der konservative Präsident Sarkozy hat das nicht geändert.

Verrückte Medienwelt

Schließlich eine absurde Spitze gegen Corbyn: Er sei linksradikal, weil er die Atomwaffen abschaffen möchte. Realpolitisch eine zweifellos diskutable Position angesichts der wieder aufgeflammten Ost-West-Spannungen. Aber würde der neue britische Oppositionsführer mehr Atomwaffen verlangen, man würde ihm offenbar applaudieren. Eine verrückte Medienwelt, ein Journalismus voller Schreibtischtäter.

Er, Corbyn, vertrete die linke Politik der 80er Jahre, bevor Tony Blair Labour mit einem abgemilderten Thatcher-Programm zum Sieg führte. Aber wie erfolgreich war der ehemalige Premier, der jetzt massiv gegen Corbyn auftritt, wirklich? Er hat grandiose Wahlsiege gefeiert und er hat sie dazu benützt, in der Partei den Einfluss der Gewerkschaften zurückzudrängen. Aber er hat sich im Irak-Krieg mit George W. Bush solidarisiert und damit auch die EU torpediert. Und er hat in Großbritannien den Neoliberalismus gestärkt. Das heißt: Die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch vergrößert.

Last but not least: Ist jemand ein Linksradikaler, der verlangt, dass Großbritannien wenigstens halb so viele Flüchtlinge aufnimmt wie Deutschland? Noch dazu, wo die Briten, ebenso wie Deutschland, die gebildeten mittelständischen und noch dazu Englisch sprechenden Flüchtlinge in Wirtschaft und Industrie gut gebrauchen könnte.

Wir werden sehen, ob sich Corbyn vom Buhmann zur überparteilichen Erfolgsfigur entwickelt. Die Insel ist jedenfalls mit dem Sieg Corbyns auf einmal ein Hot Spot der europäischen Politik geworden. Wir sollten genau hinschauen und uns vor Vorurteilen hüten. (Gerfried Sperl, 12.9.2015)

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