Ursula Berner: "Gute Kulturpolitik ist wie ein Walt-Disney-Film"

12. September 2015, 12:00
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Grünen-Kultursprecher Klaus Werner-Lobo verlässt den Wiener Gemeinderat. Ursula Berner soll übernehmen

Wien – Ein Café in Rathausnähe, aber keines von den allzu schicken. Es sei in den letzten Jahren zum zweiten Wohnzimmer geworden, meint Klaus Werner-Lobo. Seit 2010 Kultursprecher der Wiener Grünen, tritt er den Posten nach der Wahl unfreiwillig ab. Doch zuerst nimmt er auf der Bank in der hintersten Ecke Platz und bläst noch einmal zum Sturm. Nicht auf das Kuchenbuffet, sondern auf "verkrustete Strukturen" und jene "die auf ihren Pfründen sitzen, die sich bisher immer alles aufgeteilt haben und die Macker waren und auf eine herrschaftliche Art Kultur gemacht haben".

Die Vergangenheitsform wählt er bewusst. Zum ersten Mal in der Stadtregierung vertreten, habe man "Leuchttürme gesetzt, wie wir es uns für die gesamte Kulturpolitik vorstellen." Gerald Matts Absetzung als Direktor der Kunsthalle etwa nennt er zufrieden als konkretes Beispiel ("Freunderlwirtschaft"), das einen Strukturwandel nach sich gezogen habe.

Mut durch Grüne

Objektivität, Transparenz und Vielfalt als urgrüne Werte, die in der rot-grünen Koalition nun regierungsfähig werden? Die Roten zögen zunehmend mit, "weil immer mehr Menschen in der SPÖ durch die grüne Mitregierung ermutigt werden", begrüßt er die jüngsten Berufungen von Anna Badora (Volkstheater), Matti Bunzl (Wien-Museum) und Tomas Zierhofer-Kin (Festwochen). "Da merkt man, dass sich was ändert."

Also stehen die Chancen wohl gut, dass von den Grünen zuletzt mit Projekten wie Wienwoche, kültür gemma! oder dem Divercity Lab erprobte Herangehensweisen zukünftig auch auf höheren Ebenen implementiert werden.

Dann allerdings unter der Verantwortung von Ursula Berner – so die Wiener Grünen bei der Wahl 13 Mandate, das ist eines mehr als 2010, erreichen. Warum Werner-Lobo nicht mehr zur Wahl steht?

Professionalität und Pragmatismus

"Ich glaube, es braucht verschiedene Arten zu kämpfen, um ans Ziel zu kommen. Wenn Sie so wollen, bin ich pragmatischer als er. Das habe ich in zehn Jahren Bezirkspolitik gelernt", sagt Berner zu Werner-Lobos Bedauern, die Partei hätte zuletzt neben Professionalität auch an Pragmatismus "in einem für mich schon bedenklichen Ausmaß" gewonnen.

Die von ihm beschworenen "kreativen Outlaws" und deren "Utopien" finden sich zwar auch bei Berner wieder, doch ist das Wording ("freie Szene und benachteiligte Gruppen") der bisherigen Vorsitzenden der Kulturkommission Neubau sanfter.

Und so erzählt sie von "Stellschrauben", die sie zu drehen gedenkt. Etwa investiere Wien viel in sein historisches Image, doch "die Gesellschaft verändert sich und viele interessante Leute und Ideen kommen neu auf. Es ist wichtig, dass sie eine Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln."

"Kultur mit allen"

Nicht Kultur für alle, sondern "Kultur mit allen" zu machen ist daher der Plan, "weil Kultur nur dann etwas abbilden kann, das gesellschaftsrelevant ist." Und so will sie mit möglichst vielen Beteiligten einen "Kulturentwicklungsplan Wien 2030" erarbeiten. Einige der Ziele: leistbare Arbeits- und Probenräume, Transparenz bei der Förderungsvergabe, mehr Mentorenprogramme für Künstler in schwierigen Situationen sowie mehr Bildungsarbeit in den Schulen und eine Stärkung, der Gedenk- und Stadtteilkultur. Statt Konzepte zu oktroyieren will sie "sehen, welche Projekte da sind, und diese dann stützen". "Ermöglichen" lautet die Devise.

"Gute Kulturpolitik", meint sie, sei wie ein Disney-Film. Sie müsse eine Richtung und ein Thema haben, dabei aber für jeden etwas bieten – weil "Kunst es schafft, Räume zu eröffnen, wo man noch analog Diskurse haben kann." (Michael Wurmitzer, 12.9.2015)

DER STANDARD spricht im Vorfeld der Wiener Gemeinderatswahl am 11. Oktober mit den Kultursprechern.

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  • Ursula Berner will nach der Wahl einige "Stellschrauben" drehen.
    foto: anna stöcher

    Ursula Berner will nach der Wahl einige "Stellschrauben" drehen.

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