Grenzzaun zwischen Ungarn und Serbien: Die letzten Tage der Westbalkanroute

Reportage11. September 2015, 18:04
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An der ungarisch-serbischen Grenze steht der von Budapest initiierte Zaun vor der Fertigstellung. Was danach kommt, weiß niemand

Die Räder des roten Lasters wirbeln Schlamm auf. Die kleine Anhöhe kurz vor den Gleisen schafft er erst beim dritten Versuch. Dann kann er endlich das Zaungitter bei den Arbeitern ausladen. Die Häftlinge aus dem Gefängnis Nagyfa arbeiten unter Hochdruck. Schließlich soll der doppelte Zaun so schnell wie möglich fertig sein. Wenn sie in diesem Tempo weiterarbeiten, ist es nur eine Frage von wenigen Tagen, bis diese dann größte Hürde auf der für Flüchtlinge so beliebten Westbalkanroute steht.

Bis zu zwölf Stunden arbeiten sie täglich unter ständiger Beobachtung der mit Schlagstöcken ausgerüsteten Gefängnisaufseher. Ein Großteil des doppelt geführten Zauns steht mittlerweile schon. Im Hintergrund erstreckt sich der Stacheldraht, davor vier Meter hohe Gitter. Polizei und Militär patrouillieren gemeinsam entlang des Zauns.

Soldaten im Grenzeinsatz

Die Soldaten patrouillieren, bewaffnet mit einer Kalaschnikow, auf dem Feldweg auf und ab. Bis vor kurzem war es noch ungewiss, ob das Militär mit oder ohne Waffen in die Grenzregion geschickt wird. Geplant war ursprünglich, dass sie erst ab kommenden Dienstag zum Einsatz kommen. Momentan sind es nur einige Dutzend Soldaten, bald sollen bis zu 3.800 Heeresangehörige die ungarisch-serbische Grenze schützen.

Noch gibt es eine Lücke im Zaunsystem. Über die Bahngleise zwischen Horgos und Röszke windet sich eine nicht enden wollende Schlange von Flüchtenden nach Ungarn. Die meisten schauen erschöpft und kraftlos aus. Beim Grenzübergang fragen einige die dort stehenden Journalisten und Polizisten, ob sie schon in Ungarn seien. Manche überlegen kurz vor der Grenze, ob sie weitermarschieren sollen oder nicht. Als sie merken, dass die Polizisten niemanden aufhalten, gehen auch sie weiter.

Ein paar Hundert Meter später werden sie von einer Gruppe freiwilliger Helfer empfangen. Darunter befinden sich arabisch sprechende Volontäre, Angehörige karitativer Organisationen und internationaler Ärztevereine. In den Zelten des Ad-hoc-Lagers neben einem Kornfeld hält sich kaum jemand auf. Die durch den Regen der vergangenen Tage aufgeweichten Böden erschweren den Zugang.

Weitertransport mit dem Bus

Eine fünfköpfige Familie, die gerade aus Serbien angekommen ist, versucht sich in dem Lager zu orientieren. Die Polizisten deuten mit Gesten in Richtung Autobus. Die Helfer kümmern sich umgehend um sie. Sie werden, wie auch die anderen Flüchtlinge, mit Schuhen, Kleidung, Lebensmitteln und Arznei versorgt.

All dies geschieht unter den Argusaugen der Exekutive. Die Beamten warten einige Augenblicke, bis die Flüchtlinge ein wenig Kraft gesammelt haben. Dann bitten sie, mit Mundschutz und Handschuhen ausgestattet, die Abgekommenen, in den wartenden Bussen Platz zu nehmen, die sie zur Registrierungsstelle in Röszke und in der Folge in die verschiedenen Flüchtlingslager zu transportieren.

Dutzende Busse fahren heute den ganzen Tag hin und her. Sie bilden eine Kolonne vor der Registrierungsstelle. Die Aufnahme der Daten der Flüchtlinge erfolgt in einer Hochsicherheitszone, die für Journalisten unzugänglich ist.

Warten auf die Registrierung

Die in Ungarn angekommenen Flüchtlinge müssen mehrere Stunden vor der Registrierungsstelle in den Bussen ausharren. Ahmed, ein Ingenieur aus Damaskus, wartet mit seiner Frau und zwei Kindern auf die Prozedur. Mehr als zwei Stunden wird er im Bus direkt vor dem Eingang des Registrierungslagers bleiben müssen. Sie wollen nach Schweden, weswegen sie, wie so viele andere, ihre Fingerabdrücke nicht in Ungarn hinterlassen wollen.

Dennoch zeigt Ahmed sich froh darüber, mit seiner Familie die ungarisch-serbische Grenze vor der endgültigen Sperre passiert zu haben. Er weiß, dass es für die Flüchtlinge in Zukunft schwieriger wird, diese Hürde zu bewältigen. Sorgen macht er sich um seinen Bruder, der sich noch in Mazedonien aufhält. "Ob er es schafft, vor dem Grenzschluss rüberzukommen, weiß ich nicht. Und wie es danach klappen soll, weiß auch keiner." (Reportage: Balazs Csekö, Sinisa Puktalovic aus Röszke, 11.9.2015)

  • Ein syrischer Flüchtling greift nach einem Kleidungsstück, bevor er mit dem Bus ins Aufnahmelager in Röszke gebracht wird.
    foto: ap

    Ein syrischer Flüchtling greift nach einem Kleidungsstück, bevor er mit dem Bus ins Aufnahmelager in Röszke gebracht wird.

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