Flüchtlinge: Die Wohltaten des Offensivfußballs

Kommentar der anderen11. September 2015, 17:13
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Eine gemeinsame europäische Asylpolitik wird Europa zum Positiven verändern. Dass dies schnell und geradlinig passieren wird, steht allerdings zu bezweifeln. Überlegungen zur Flüchtlingskrise

Vor einigen Wochen fragte ich unseren Bürgermeister, ob wir nicht einen Artikel über unsere syrischen Flüchtlinge in der Gemeindezeitung publizieren sollten. Die Abwehr dieses Ansinnens war ebenso bezeichnend wie die Beteuerung, dass er ja privat meiner Meinung sei, dass man den Flüchtlingen helfen sollte. Aber ich könne mir ja gar nicht vorstellen, wie groß der Widerstand in Teilen der Bevölkerung sei. Ich entgegnete ihm, das sei wie im Fußball. Wenn man immer nur defensiv spiele, dann wird der Gegner am Ende ein Tor machen.

Ängstlich ...

Mittlerweile sind die Flüchtlinge bei uns eingetroffen, und es hat auch ein Willkommensfest gegeben. Der Bürgermeister ist wirklich ein anständiger Mensch, aber leider ist er auch ängstlich. So ängstlich wie viele seiner Kollegen und wie viele Landes- und Bundespolitiker, die sich freiwillig gegen den großmäuligen hellbraunen Angreifer in die Defensive begeben.

Dass sich die Stimmung im Lande Österreich verändert hat, verdankt sich neben einer neuen Zivilcourage vieler Bürger vor allem medialen Bildern: die 71 Toten auf der A4, der tote syrische Bub an einem türkischen Meeresstrand, die eingesperrten Flüchtlinge in einem ungarischen Internierungslager, die Bilder helfender Menschen in Wien, vor allem aber in München. Das ästhetisch und ethisch problematische Bild mit dem toten syrischen Kind hat selbst den hartgesottenen arroganten Nationalkonservativen David Cameron in die Knie gezwungen. Wenn Heinz-Christian Strache sich kürzlich mit Viktor Orbán solidarisierte, dann hat er womöglich die Stimmungslage seiner potenziellen Wähler falsch eingeschätzt: Denn so böse, dumm und herzlos wollen nicht alle von ihnen sein.

... und doch hilfsbereit

In der gegenwärtigen Krise kann sich unser Land in seiner Güte sonnen, ohne dass es uns große Mühen kostet, sind es bis heute oftmals freiwillige Helfer, die in Hegyeshalom, Wien und Salzburg den völlig erschöpften Asylanten "erste Hilfe" anbieten. Wären die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten besser informiert, würden sie vielleicht zu Tausenden Asyl in unserem Land beantragen, in dem die soziale Infrastruktur gewiss nicht schlechter ist als im großen, von den Flüchtlingen mythisierten Nachbarland, das derzeit den Preis einer verfehlten europäischen Asylpolitik entrichtet.

Wie die Behörden zu München in verblüffender Schnelligkeit die Flüchtlinge in die verschiedenen Bundesländer verteilten, macht sinnfällig, wie absurd Traiskirchen wirklich ist. Österreich, aber auch die gesamte Europäische Union hätten sich schon vor Jahren auf die bevorstehende Migration einstellen können. Der ungarische Premier, keineswegs der einzige Mauerbauer in der Union, führt uns mit seinem aggressiven "Dienst nach Vorschrift" unfreiwillig vor, wie absurd die bisherige Asylpolitik der Europäischen Union ist. Er beharrt auf ihr, weil er mit Blick auf den Machterhalt im nationalen Eigenheim eine europäische Asylpolitik verhindern möchte. Zu dieser gehörte übrigens, in den Anrainerstaaten, die ja oftmals Beitrittskandidaten sind (Serbien, Türkei, Montenegro, Bosnien-Herzegowina), EU-Botschaften einzurichten, in denen die ankommenden Flüchtlinge sich registrieren lassen und dann ein sicheres Asyl zugewiesen bekommen.

Die Finanzkrise, der "Fall" Griechenland und die Flüchtlingsproblematik haben eines gemeinsam: Sie fordern das europäische Projekt auf dramatische Weise heraus. Entgegen einer neonationalistischen Rhetorik lassen sich diese Problemen nur handhaben, wenn Europa näher zusammenrückt und in all diesen Bereichen eine gemeinsame Linie findet, im konkreten Fall in der Asyl-, Sicherheits- und Außenpolitik.

Neue Nationalismen ...

Die neuen Nationalismen haben keine Lösungen, sie wollen nur den Erhalt des Status quo, das heißt den eigenen Machterhalt im gemütlichen Eigenheim. Die Durchsetzung einer gemeinsamen Asylpolitik bedeutet freilich auch für all die Menschen, die zu uns nach Europa kommen, dass sie sich nicht automatisch das Land aussuchen können, in dem sie Aufnahme finden. Das könnte für beide, die Flüchtlinge wie für die weniger wohlhabenden Länder der Union, eine Chance bedeuten.

... und Märchen

Es ist eine Mär, dass (arme) Länder durch Migration dauerhaft ärmer werden. Ganz im Gegenteil. Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als zehn Millionen (!) Vertriebene aufnehmen musste, und Österreich sind hierfür schlagende Beispiele. Flüchtlinge sind potenziell eine gute Zukunftsinvestition.

Die europäische Politik wäre gut beraten, einen substanziellen Beitrag für eine Nahost-Friedenskonferenz (mit schmerzlichen Kompromissen gegenüber dem Assad-Regime) zu leisten. Dass die einstigen Kolonialmächte Frankreich und England militärisch in das Kriegsgeschehen eingreifen wollen, hat einen neokolonialen Hautgout und ist realpolitisch betrachtet zu wenig. Die Wanderung der Flüchtlinge nach Europa wird dadurch wohl kaum zum Stillstand kommen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit ihrer Entscheidung, die syrischen Flüchtlinge vorerst ungehindert nach Deutschland einreisen zu lassen, den Defensivfußball der politisch Verantwortlichen durchbrochen. Es war ein etwas verstolperter Glückstreffer – für die Flüchtlinge wie für Europa.

Weiterwursteln

Eine erfolgreiche gemeinsame transnationale Asylpolitik wird Europa und seine Mitgliedsstaaten positiv verändern. Dass dies geradlinig geschehen wird, steht zu bezweifeln. Mit Weiterwursteln ist zu rechnen. Gut möglich, dass einige Länder noch umdenken werden, weil sie die aktive Teilnahme am europäischen Projekt nicht verspielen wollen. (Wolfgang Müller-Funk, 11.9.2015)

Wolfgang Müller-Funk (geboren 1952 in Bremen) lebt in Drosendorf im nördlichen Waldviertel und in Wien. Er ist Literatur- und Kulturwissenschafter sowie Essayist. Derzeit unterrichtet er Literaturwissenschaften am Institut für Finno-Ugristik der Universität Wien. Zuletzt erschienen ist sein Essayband "Jenseits von Resignation und Nostalgie" (Sonderzahl, Wien).

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