Wie Chinas Führung die großen Turbulenzen kleinredet

12. September 2015, 12:00
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Beruhigen, das Positive hervorheben: Chinas ist bemüht, Ängste über den Zustand der Wirtschaft zu zerstreuen

In Peking liegen die Nerven blank. Noch nie – weder in der Asienkrise 1997 noch in der Weltfinanzkrise 2008 – hat Chinas Führung so viele Wirtschafts- und Finanzpolitiker auf einmal losgeschickt. Sie werben um Vertrauen in die Stabilität der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Sie versichern ihrer eigenen Bevölkerung und einem immer stärker besorgten Ausland, dass es keine Krise um Chinas Wachstum gibt.

"Wir steuern mit unserer Wirtschaft nicht auf eine harte Landung zu", sagte Premier Li Keqiang, der für die Beruhigungstour ganze zwei Tage reservierte. Das Wachstum stabilisiere sich 2015 bei den prognostizierten sieben Prozent. Die Währung werde nicht noch stärker abgewertet, und die Börsenkurse würden nicht weiter ins Bodenlose fallen.

Peking wolle auch nicht die Geldschleusen öffnen oder mit neuen Ankurbelungsprogrammen die Konjunktur stimulieren, ließ er am Donnerstag die 1700 Teilnehmer des China-Davos-Forums in Dalian, dem Ableger des Weltwirtschaftsforums (WEF), wissen. "Unsere Wirtschaft ist schockresistent und widerstandsfähig."

Folgen der Finanzkrise

Am Vortag hatte der Premier in einer exklusiven Begegnung mit internationalen Unternehmern versucht, auf die Negativnachrichten zu Chinas Wirtschaft zu antworten, und alle Schuld auf die Weltwirtschaft geschoben. "Die jüngste Volatilität ist eine Nachwirkung der Folgen der globalen Finanzkrise 2008", sagte er. "China ist nicht die Ursache für diese Risiken, sondern bleibt die Quelle für das Wachstum, das die Weltwirtschaft weiter antreibt."

Zumindest hätte Peking gern, dass alle Welt es so sieht. Das ist der Hintergrund für die ungewöhnliche Werbetour. Die Nachrichten über den einbrechenden Außenhandel, Wachstumsschwäche, Börsencrash oder Abwertung spielten als erste Notenbanker Zhou Xiaochuan und Finanzminister Lou Jiwei herunter.

Sie reisten zur G20 in die Türkei und versuchten, auch den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu überzeugen, dass Chinas Renminbi im Kurs gegenüber dem Dollar wieder stabil und internationalisiert genug sei, um in den IWF-Währungskorb zu kommen. Das soll vor 2016 passieren, wenn der nächste G20-Gipfel in Chinas Hangzhou stattfindet.

Erklärungsstress

Unter welchem Erklärungsstress die hochrangigen Vertreter bei der G20 standen, offenbarte Finanzchef Lou. Erst vergangenes Jahr hatte ihn Premier Li zurückgepfiffen, weil Lou im Ausland kundgab, dass die Wirtschaft der Volksrepublik künftig auch um weniger als sieben Prozent wachsen würde. Der Finanzminister musste das nachträglich als Missverständnis darstellen. Diesmal preschte er bei der G20 vor. Er sei überzeugt, dass China in den kommenden vier bis fünf Jahren weiter jährlich um sieben Prozent wachsen werde.

Ins gleiche Horn blies in Dalian auch der Leiter der NDRC-Entwicklungs- und Reformkommission Xu Shaoshi. Der oberste Wirtschaftsplaner des Landes, der zuständig für die Ausarbeitung des nächsten Fünfjahresplans 2016 bis 2020 ist, sagte. "Wir sind in der Lage, unsere Wachstumsziele 2015 zu erreichen."

Konzertierte Aktion

Auch Wirtschaftsfunktionär Liu He, der einflussreichste Wirtschaftsberater von Staats- und Parteichef Xi Jinping, musste mit an die Öffentlichkeit gehen. Auf einer Inspektionsreise durch Ostchinas Provinz Zhejiang ließ er jetzt öffentlich das Land wissen, dass die derzeitigen Schwierigkeiten im Abklingen seien.

Die Welt könne wieder Vertrauen in China haben. In Dalian sagte ein erfahrener Wirtschaftsanalyst, der seinen Namen nicht genannt sehen wollte, er habe noch nie eine solche konzertierte Aktion der chinesischen Regierung erlebt, die offenbar ihre Probleme "schönzureden" versucht. Peking stehe unter "großem Erklärungszwang."

Fokus auf Seidenstraße

Premier Li gestand ein, dass die Wirtschaft unter starkem Abwärtsdruck steht. "Wir werden wegen einiger fallenden Kennziffern jedoch weder an Zuversicht verlieren, noch diese Zahlen auf die leichte Schulter nehmen."

Mit dem hohen Wachstum, mit zwar abschmelzenden, aber mit 3500 Milliarden US-Dollar immer noch den höchsten Devisenreserven, mit einer positiven Handelsbilanz, beherrschbarer Verschuldung und einem Beschäftigungszuwachs um sieben Millionen Arbeitsplätze im ersten Halbjahr 2015 stünden die Aussichten für China weiter gut.

Volle Kraft voraus heißt es beim Seidenstraßenprojekt. China sei mit 15 Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Kooperationen im Gespräch. Projekte reichten vom Bau von Fabriken bis zu Infrastrukturvorhaben. Zwölf chinesische Industriebranchen, die besonders unter Überkapazitäten leiden, sind auf chinesischer Seite involviert, darunter Stahl, Schiffbau und Eisenbahn.

China hilft auch bei der Finanzierung, etwa durch seinen mit 40 Milliarden Dollar kapitalisierten Seidenstraßenfonds oder über die kommende asiatische Infrastrukturbank (AIIB). Premier Li sagte, aus den Plänen zur "industriellen Kooperation zwischen China mit den Entwicklungs- und den Industrieländern, könnten neue Antriebkräfte zur Erholung der globalen Wirtschaft werden". (Johnny Erling aus Dalian, 12.9.2015)

  • Eine Fließbandarbeiterin in einem Batteriewerk im Osten Chinas: Trotz Sorgen um eine harte Landung der Wirtschaft im Westen beruhigt die russische Führung, alles werde gut.
    foto: ap/liangzhen

    Eine Fließbandarbeiterin in einem Batteriewerk im Osten Chinas: Trotz Sorgen um eine harte Landung der Wirtschaft im Westen beruhigt die russische Führung, alles werde gut.


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