"If": Ohne Melanin der Tod, ein trockenes Knacken

11. September 2015, 18:02
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Das Schaufenster am Donaukanal zeigt "If", eine dokumentarische Performance über okkulte Verarbeitungen menschlicher Körper, die unter die Haut geht

Wien – Zum respektvollen Umgang mit Kulturen gehört auch, sich mit deren Schattenseiten auseinanderzusetzen. Wie in Europa u. a. Konsumwahn, wirtschaftlicher Kolonialismus und erstarkende Rechtsradikale zu kritisieren sind, so muss das auch mit unmenschlichen Phänomenen anderswo geschehen.

Solche zu benennen bedeutet in jedem Fall, dezidiert keine Freibriefe für Verallgemeinerung und Vorurteilsbildung auszustellen, wie das bestimmte politische Brandstifter gerne tun. Unter diesem Aspekt ist die dokumentarische Leseperformance If des Wieners Hannes Wurm (das Schaufenster) zu verstehen, die noch bis Sonntag im Glashaus Adria am Donaukanal bei der Salztorbrücke gezeigt wird. Mit dabei sind Künstlerpersönlichkeiten wie Yosi Wanunu, Christine Standfest und Jack Hauser sowie die Musiker Andreas Hamza und Boris Kopeinig.

Tansania, Ostafrika: Erst kurz berichten Medien über Anschläge auf Menschen mit genetisch bedingtem Melaninmangel, gemeinhin "Albinos" genannt. Man hackt ihnen Gliedmaßen ab oder tötet sie, weil ihre Körper für vermeintlich glücksbringende Magie missbraucht werden. In manchen Gegenden bringt der Aberglaube gute Profite.

Für If wurde intensiv recherchiert. Dokumentarisches Material stammt nicht nur aus verschiedenen Medien, sondern auch von Aktivisten und NGOs, die sich gegen die mörderische Geschäftemacherei engagieren. Anders als in den Medien wird in der Performance auf illustrative Bildbelege verzichtet. Wanunu und Standfest lesen aus Berichten und Interviews, die Musik bildet einen überspannenden Reflexionsteppich, Hauser bricht dünne Äste.

Das trockene Knacken des Holzes knickt die Akustik der Sprache und der Töne. Das Publikum blickt durch die Scheiben des Glashauses hinter den Performern auf das Treiben am Donaukanal. If geht unter die Haut – weil es nicht um Anklage geht, sondern um eine besondere Dimension des Machtmissbrauchs. (Helmut Ploebst, 11.9.2015)

11. 9., 18.30, 20.00, 21.30
12. 9., 20.30

  • Ein Blick auf die Leseperformance "If" von Hannes Wurm. Im Vordergrund: Yosi Wanunu. Seit 1997 lebt der in Israel geborene Regisseur in Wien. Mit dem Label Toxic Dreams realisierte er bereits über 30 Eigenproduktionen.
    foto: simone scharf

    Ein Blick auf die Leseperformance "If" von Hannes Wurm. Im Vordergrund: Yosi Wanunu. Seit 1997 lebt der in Israel geborene Regisseur in Wien. Mit dem Label Toxic Dreams realisierte er bereits über 30 Eigenproduktionen.

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