Schmiermittel der Weltwirtschaft im Abverkauf

Analyse13. September 2015, 08:00
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Noch vor kurzem schien ein Engpass bei Rohöl realistisch. Jetzt gibt es mehr Öl denn je, der Preis ist am Boden

Im Radio trällerte Vicky Leandros von der Liebe, die sie gesehen habe, ein Nachrichtensprecher meldete den Tod der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann – und dann war da noch ein anderes Ereignis, das die Welt am 17. Oktober 1973 in Atem hielt: mit Folgen, die teils heute noch nachwirken. Die Kraftprobe zwischen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und dem Westen, die an Bachmanns Todestag in einer Preisexplosion bei Öl gipfelte, ging als erste Ölkrise in die Geschichtsbücher ein.

"So eine Panik habe ich bei Autofahrern nie zuvor und nie mehr danach erlebt," erinnert sich Ernst Wohlfahrt an jene Wochen und Monate vor gut 40 Jahren. Wohlfahrt, damals 25, hatte eine Tankstelle am Aumannplatz in Wien-Währung.

"Die Autos sind Schlange gestanden, es gab heftige Diskussionen, manche Leute sind regelrecht ausgerastet", erzählt er. "Viele wollten nicht nur volltanken – sie hatten auch Colaflaschen, leere Doppelliterflaschen und andere Behältnisse dabei und wollten im Keller einen Benzinvorrat anlegen." Er habe von Shell klare Anweisungen bekommen, was möglich und was nicht möglich sei. Wohlfahrt: "Colaflaschen und Doppler, das ging gar nicht. Da hätte ja ein Haus in die Luft fliegen können."

foto: hasan jamali
Mehr Rohöl denn je wird aus dem Boden gepumpt, konventionelles (im Bild eine Ölförderstelle in Bahrain) genauso wie unkonventionell gewonnenes Schwarzes Gold, etwa durch Fracking.

Einmal Volltanken für 100 Schilling

Auslöser der Panik war die Drosselung der Ölförderung durch die Opec. Die arabischen Länder wollten Druck erzeugen, um den Westen von der Unterstützung Israels abzuhalten. Zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, war Israel zuvor von ägyptischen und syrischen Truppen überfallen worden.

Die Ölpreise schnalzten daraufhin um gewaltige 70 Prozent in die Höhe. Von einem Tag auf den anderen kostete eine Tankfüllung gut 100 Schilling, das sind nach heutigem Geld rund 7,20 Euro.

"Das war damals sehr viel", sagt Wohlfahrt. "Und niemand wusste, ob Benzin nicht bald das Doppelte kosten würde, sofern es überhaupt welches gab."

Drei Monate später mussten alle Autos ein schwarz-weißes Pickerl auf der Windschutzscheibe haben. MO stand für Montag, SA für Samstag. Am häufigsten nachgefragt wurde in den Trafiken die Buchstabenfolge DI. Besitzer eines solchen Pickerls konnten an jedem Tag außer dienstags fahren.

Der autofreie Tag hielt sich nur einen Monat. Die Energieferien, auch eine Erfindung von damals, haben als Semesterferien hingegen bis heute überlebt.

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Preisspirale

7,20 Euro für eine ganze Tankfüllung – das klingt heute zu schön, um wahr zu sein. Ein Mix aus Inflation, Spekulation sowie geopolitischen Ereignissen und nicht zuletzt das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage haben die Ölpreise in der Zwischenzeit in teils schwindelerregende Höhen getrieben. Heute muss man für eine Tankfüllung mehr als das Achtfache hinblättern – vor gut einem Jahr reichte oft das Zehnfache nicht. Der Ölpreis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in einem Zickzackkurs bewegt, meist nach oben, immer aber auch mit Ausreißern nach unten.

Einen so steilen Absturz wie jenen von 2014 auf 2015 hat es bei den Ölpreisen aber noch nie gegeben. Und wieder war es nicht ein einzelnes Ereignis, das den Preis für das Fass Rohöl (je 159 Liter) von deutlich über 100 auf zeitweise unter 45 Dollar gedrückt hat, sondern ein ganzes Bündel. Fracking, da sind sich die meisten Beobachter einig, gehört zu den wichtigeren Tatsachen. Dank einer neuen Fördertechnologie, bei der Sand, Chemikalien und Wasser mit hohem Druck in den Boden gepresst werden, sind die USA von einem Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur bei Öl geworden.

Ein weiterer Grund für den Preisabsturz ist die Finanz- und Wirtschaftskrise, die in Übersee ihren Ausgang genommen und nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 für Schockwellen rund um den Globus gesorgt hat. Die Folgen sind noch immer spürbar, der Wirtschaftsmotor will in vielen Ländern nicht und nicht auf Touren kommen. Folge ist, dass der Verbrauch an Öl weniger stark steigt als das, was Tag für Tag aus dem Boden gepumpt wird.

Überangebot

Das Überangebot, das die Ölpreise seit Juli 2014 auf Talfahrt geschickt hat, wurde von Saudi-Arabien noch forciert. Gegen den Widerstand anderer Opec-Länder, darunter der Erzrivale Iran, ließ das von den Saudis dominierte Kartell die Förderhähne trotz des heftigen Preisverfalls bis zum Anschlag offen. So rasch dürfte sich daran auch nichts ändern.

"Saudi-Arabien will die Konsolidierung in der Branche rasch vorantreiben," sagte Johannes Benigni dem STANDARD. Der Marktexperte sitzt für den Ölbroker JBC in Singapur. Am Ende der Konsolidierung sollten die kapitalschwachen Ölunternehmen von der Bildfläche verschwunden sein.

In den USA geht die Ölproduktion seit Juli wieder leicht zurück. "Wenn man in Betracht zieht, dass die USA zuletzt Jahr für Jahr eine Million Fass pro Tag mehr aus dem Boden geholt haben, ist das ein deutliches Signal," sagt Benigni. "Der Dampf ist draußen." Daran ändert auch der Umstand wenig, dass US-Konzerne erstmals seit 40 Jahren wieder darauf hoffen können, Öl im Ausland zu verkaufen. Ein entsprechender Gesetzentwurf hat in der Nacht auf Freitag in Washington die erste Hürde genommen.

Benigni erwartet, dass die Ölpreise heuer im Schnitt bei 55 Dollar je Barrel verharren, um 2016 auf durchschnittlich 65 Dollar je Fass zu steigen. Die eigentliche Trendwende erwartet Benigni aber erst im zweiten Halbjahr 2016: "Bis das Überangebot vom Markt ist, braucht es Zeit."

Billiges Öl gut für die Konjunktur

Für die Weltwirtschaft sind die derzeit vergleichsweise niedrigen Ölpreise ein Geschenk. Kaum auszudenken, wenn sich die Prognosen bewahrheitet und die Ölpreise 200 Dollar erreicht hätten. Ein Hunderter pro Tankstopp hätte dann wohl kaum gereicht. Die Arbeitslosigkeit wäre weit höher als heute, weil das Geld für den Konsum anderer Produkte noch knapper bemessen wäre. Das wiederum würde auf den Absatz vieler Unternehmen wie ein Bremsklotz wirken und eine Spirale aus Produktionskürzung und Stellenstreichung in Gang setzen.

Doch ewig wird die Ölschwemme nicht anhalten. Öl ist kein nachwachsender Rohstoff, irgendwann ist Ende. Und sei es, dass irgendwann einmal tatsächlich eine strengere Umweltgesetzgebung greift und das Verbrennen fossiler Energien mit Bann belegt, weil dabei das klimaschädigende Kohlendioxid (CO2) entweicht.

"Öl ist zu kostbar, um es zu verbrennen," sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin (siehe Interview). Billiges Öl verleite zur Verschwendung. Daher sei es wichtig, mit gezielter Politik gegenzusteuern und zumindest die Subventionen für fossile Energien komplett abzuschaffen.

Fracking

Andererseits gehe ein hoher Ölpreis nicht automatisch mit mehr Klimaschutz einher. Viele sehr schmutzige Technologien, wie etwa die Gewinnung von Öl aus Teersanden, rechneten sich erst ab einem gewissen Preis. Auch beim Fracking, das vor fünf Jahren abzuheben begann, dachte man an ein vorübergehendes Phänomen. Tatsache ist, dass es auch hier Produktivitätsfortschritte gab. Ölquellen, die vorher erst bei Preisen von 80 Dollar je Fass und mehr wirtschaftlich ausgebeutet werden konnten, lassen sich heute zu einem Bruchteil der Kosten aufsprengen.

Andererseits gibt es Fracking-Firmen, die noch nie einen Cent verdient und nur dank der Banken überlebt haben. Gerade die Banken könnten diesen nun die Daumenschrauben ansetzen. "Viele werden Assets verkaufen müssen, damit der Schuldenberg sinkt," prognostiziert der Marktkenner Benigni. 16 US-Ölfirmen sind nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's heuer schon bankrottgegangen. Acht Ölproduzenten sind so schlecht geratet, dass sie in spätestens in einem Jahr ohne Geld dastehen werden.

Doch die Suche nach Öl geht weiter. Es scheint wie eine Ironie der Geschichte, dass als nächstes Ziel für die Ausbeute von Öl- und anderen Rohstofflagerstätten die Arktis gilt. Die Eisschicht dort ist wegen der Klimaerwärmung schon dünn geworden. US-Präsident Obama, jüngst auf einer Klimaschutztour im ewigen Eis unterwegs, hat schon einmal laut über Eisbrecher nachgedacht. (Günther Strobl, 13.9.2015)

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