Peter Süß: "Wer Realismus will, soll Dokumentarfilme schauen"

Interview12. September 2015, 09:00
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Frau trifft Mann, Mann ist verheiratet, andere Frau verliebt sich, Mann ist frei, Schicksalsschlag: 60.000 Szenen in zehn Jahren hat Peter Süß für "Sturm der Liebe" erfunden. Warum die Fließbandarbeit für den Chefautor noch immer ein großer Spaß ist

STANDARD: Was bedeutet das Jubiläum für Sie: Hat Sie ein Sturm der Liebe erfasst?

Süß: Ich muss gestehen, ich konnte es mir nicht vorstellen, als wir vor mehr als zehn Jahren begonnen haben, dass wir diese Serie bis weit in die 2000er bringen werden. Ein Sturm der Liebe ist es für mich persönlich nicht, weil ich als Macher und Betrachter unser Tun mit Abstand sehe. Sonst könnte ich nicht mehr den nötigen Sachverstand walten lassen, der bei so einem Programm erforderlich ist.

STANDARD: Wie entsteht denn nun eine Folge von "Sturm der Liebe"?

Süß: Das Zauberwort ist Teamarbeit. Zweimal im Jahr sitzen wir zusammen und denken uns mit zehn Storylinern grob die nächste Hauptgeschichte aus. Danach werden Futures ausgearbeitet – Papiere zwischen fünf und 30 Seiten, die schon relativ genau ins Detail gehen. Was in der einzelnen Woche passiert, entsteht hier tatsächlich jeden Tag. Drei Kollegen schreiben drei Wochen ihren Block, das sind fünf Folgen, und dann kommen die nächsten. Die Bücher gehen an die Redaktion und dann zu Dialogautoren. Es ist ein Fließbandsystem. Wir haben einen Flow und ein Team, an dem 30 Autoren beteiligt sind.

STANDARD: Wie beugen Sie vor, dass Szenen sich nicht wiederholen?

Süß: Sie werden nicht von mir hören, dass ich das für jeden Dialog ausschließen kann. Wir sind bei der Folge 2305, das sind ungefähr 60.000 Szenen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich da ein Dialog nicht wiederholt. Das Risiko, dass wir eine ganze Storyline abkupfern, ist aber verhältnismäßig gering. Wenn mir das passiert, wäre ich derjenige, der sich am meisten schämt. Aber selbst wenn wir eine ähnliche Kon stellation haben – Frau trifft Mann, Mann ist verheiratet, Frau lernt einen anderen kennen, Mann trennt sich, der Weg ist frei, und dann passiert ein Schicksalsschlag –, habe ich nichtsdestotrotz andere Charaktere am Werk als die, denen das vor vier Jahren passiert ist. Dadurch komme nicht in die Gefahr, dass sich Muster wiederholen.

STANDARD: Arbeiten Sie mit Textbausteinen?

Süß: Nein! Nehmen wir die Geschichte, die wir jetzt erzählen: Ich wollte etwas Archaisches, und deshalb haben wir für diese Staffel eine weibliche Hauptfigur mit einem körperlichen Makel: Sie hat einen Buckel. Das hatten wir noch nie. Wir hatten schon einmal eine, die im Rollstuhl saß, eine, die war etwas zu dick – Figuren, wie im Märchen vom hässlichen Entlein. Wir fangen etwas an, werfen ein Netz über die Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir vorher nicht. Das ist das Tolle daran, weil man rumspinnen kann. Dass das im Team passieren muss, ist klar. Ein Einzelner kann sich das alles gar nicht ausdenken.

STANDARD: Was hat sich in zehn Jahren an den Geschichten geändert?

Süß: Wir waren am Anfang sehr konventionell. Das hat sich geändert. Ich kann mich an keine deutsche Serie erinnern, in der die Heldin einen Buckel hat und trotzdem nicht nur eine leidende Figur ist, sondern die auch etwas Tapferes hat, die auch kämpft. Es war von Anfang an möglich, stark polarisierende Figuren ins Spiel zu bringen. Von unserem Hoteldirektor angefangen, oder jetzt Sebastian, dem männlichen Helden, der zuletzt noch der Antagonist war. Wir wagen ein bisschen mehr als andere.

STANDARD: Böse Stimmen meinen, es sei seichte Unterhaltung. Was sagen Sie dazu?

Süß: Ich kann mit dem Begriff der seichten Unterhaltung nicht viel anfangen. Ich möchte vor allem und ausschließlich unterhalten. Wir sind ein Programm für Ältere, haben aber auch bei den Jungen oft zweistellige Marktanteile. Wir können uns also schon einbilden, dass wir ein breites Spek trum abbilden. Ich weiß nicht, ob das ein seichter Konflikt ist, wenn ich eine Hauptfigur mit einem körperlichen Makel habe, die viel Geld erbt, und es plötzlich mehrere Männer gibt, die sich für sie interessieren. Wie viel ist davon gelogen?

STANDARD: Kommt drauf an, wie es ausgeht. Wenn der Buckel plötzlich weg ist, der "Eine" da bleibt und sie glücklich bis an ihr Ende leben, wär’s eher nicht so ...

Süß: Aber genau so erzähle ich die Geschichte ja nicht. Wobei: Ich fühle mich nicht ernsthaft bedroht, wenn mir jemand sagt, wir machen seichte Unterhaltung. Die größte Liebeserklärung bekamen wir von Margarete Mitscherlich, die im Hörfunk sagte, dass sie uns besonders gerne schaut. Gleichzeitig bekommen wir Komplimente von Zuschauern, die keinen Hochschulabschluss haben. Dass wir auch denen Freude bereiten – also damit kann ich leben.

STANDARD: Gescholten werden Sie auch für das Frauenbild oder die verkitschte Liebe. Wie lebt sich’s damit?

Süß: Kann man daran verzweifeln im realen Leben? Ich gebe Ihnen recht. Ich glaube allerdings, dass es doch irgendwo das Ideal ist. Wenn mir jemand erzählt, er hat mit romantischer Liebe abgeschlossen – na, ich weiß nicht, ob ich das glauben kann.

STANDARD: Was ist ein unverzeihlicher Fehler bei einer Telenovela?

Süß: All unsere Figuren transportieren Geschichten. Man muss über seine Stammfiguren die Geschichten erzählen. Deshalb muss ein Arzt in einer Serie fast alles können. Da kommt gerne der Vorwurf, das sei nicht realistisch. Wer Realismus will, soll Dokumentarfilme schauen. Das hat mit uns nichts zu tun.

STANDARD: Und zehn weitere Jahre würden Sie ohne weiteres stemmen?

Süß: Ich denke nicht so weit. Nach den ersten zehn Wochen hatte ich eine Krise. Wir hatten einen schwierigen Block, ich war mit den Autoren nicht zufrieden. Wir waren zuerst auf 100 Folgen begrenzt, und ich dachte, nach zehn Wochen bin ich hier durch und wieder weg. Wir machen es, solange es uns Spaß macht und es dem Publikum gefällt. So langsam jedes Jahr ein paar Prozent verlieren, das würde ich mir nicht bis zum Ende antun.

STANDARD: Möchten Sie nicht auch einmal etwas ganz anderes schreiben?

Süß: Es reizt mich natürlich, umgekehrt habe ich hier auch jedes Jahr etwas Neues. Ich versuche mir Freiräume zu schaffen, und das heißt nicht unbedingt, dass ich dann eine neue Serie entwickle. Ich habe Theaterstücke und Bücher geschrieben. Vielleicht werde ich das wieder tun oder einen Gedichtband schreiben.

STANDARD: Stürmische Liebesgedichte vermutlich?

Süß: Das weiß ich doch jetzt noch nicht!

Peter Süss (51) ist studierter Historiker, er schrieb Bücher über Charlotte von Mahlsdorf und Lotti Huber. Seit zehn Jahren entwickelt er "Sturm der Liebe". Am 22. September feiert die von Bavaria produzierte Telenovela mit einer Musicalfolge ihren zehnten Geburtstag. Folge 2305: 15.10 Uhr, ORF 2. (Doris Priesching, 12./13.9.2015)

  • Peter Süss entwickelt seit zehn Jahren "Sturm der Liebe".
    foto: bavaria fernsehproduktion/ ann paur

    Peter Süss entwickelt seit zehn Jahren "Sturm der Liebe".

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