Nerdurlaub mit Nachwehen und Calamari

Kolumne11. September 2015, 17:42
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Am Strand ist es ein wenig wie im Supermarkt knapp vor Geschäftsschluss

Die Nachsaison hat neben den sinkenden Preisen noch andere Vorteile zu bieten: Am Meer ist es gerade noch warm und angenehm windig.

Jene aufgewärmten Steinplatten, auf denen Menschen noch vor ein paar Wochen in der Dichte und Lautstärke einer ansehnlichen Seelöwenkolonie entspannten, bieten nun luxuriösen Abstand zwischen ausgerollten Handtüchern.

Quallen ist offensichtlich zu kalt. Seeigel sind durch die ein- und wieder abgezogenen Plastiksandalenhorden entweder schon partiell in diversen kindlichen, halbwüchsigen und erwachsenen Hinterteilen, Fersen und Handflächen verteilt, oder sie haben den Rückzug angetreten.

Die Kellner atmen auf und sind um einiges wohlgesonnener. Es sei denn, man trifft auf jene hartgesottenen Exemplare, denen der bloße Anblick verzweifelt Landessprachbrocken hervorwürgender Gäste Perchtenausdruck ins sonnengegerbte Gesicht treibt. Die Calamari sind so knusprig, wie es sich gehört und die frisch gepflückten Tomaten immer noch knackfrisch.

Das Posieren am Strand fällt nicht mehr so explizit aus, man ist der Inszenierung seiner selbst und der Inszenierung anderer Körper schon leicht überdrüssig geworden. Am Strand ist es ein wenig wie im Supermarkt knapp vor Geschäftsschluss, wenn die Theke bereits geplündert ist und der übrig gebliebene Rest etwas unmotiviert in der Gegend herumliegt, ohne auf seine Form zu achten.

Die Vergänglichkeit versteckt sich ein bisschen, bevor sie hinter den welkenden Büschen hervorspringt. Auch der geborgte Sommer ist bald vorbei, es dauert nicht mehr lange, dann fallen die Blätter, fallen wie von weit.

Wer jetzt kein WLAN hat, findet keines mehr. Wer offline ist, der wird es lange bleiben. Und hartgesottene Internetaddicts wie ich werden übel enttäuscht werden, wenn sie hoffnungsvoll den Laptop zücken und jenen Laden ansteuern, über dessen Eingang in großen blauen Buchstaben "Surfcafe" und "sub-net" geschrieben steht und vor dem mehrere Plastiktische mit Stühlen herumstehen. Drinnen befindet sich nämlich eine ganz normale, jetzt allerdings am Saisonende kaum noch genützte Tauch- und Segelschule. (Julya Rabinowich, 11.9.2015)

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