Chinas Online-Hype um ein Familienalbum

12. September 2015, 12:07
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Jedes Jahr seit seiner Geburt lassen sich Tian Li und sein Vater Tian Jun gemeinsam fotografieren. Die Doppelporträts sorgen online für unerwartete Resonanz

Nachwuchsregisseur Tian Li, der in Peking gerade seinen ersten abendfüllenden Spielfilm dreht, wird auf den Straßen oft von jungen Chinesen wie ein Star angehimmelt. Alle tun so vertraut, als ob sie ihn schon jahrelang kennen. Indirekt stimmt das auch. Sie besitzen online Fotos des 29-Jährigen aus jedem Jahr seines bisherigen Lebens, auch als er gerade auf die Welt kam. Da hielt ihn sein Vater innig im Arm.

foto: der standard

Jahr um Jahr folgen danach ähnliche Szenen, die den Vater mit ihm in der gleichen Pose zeigen – als Kleinkind, als Schüler, als pubertierender Junge, als Erwachsener. Der Clou ist das letzte Bild, das einen neuen Anfang setzt: Tian ist nun selbst Vater eines kleinen Sohnes. Sein zum Opa gewordener Vater ist natürlich auch wieder mit auf dem Bild.

Foto als Familientradition

"Ich hätte nie gedacht, dass diese Fotos so populär werden", sagte Tian jetzt dem STANDARD. Im Netz und über Facebook verbreiteten sie sich von China aus in die Welt. Es sind 28 Aufnahmen in Serie, die online zur Kultschau wurden. Alle hätten ihm gesagt, sie seien "auf den ersten Blick berührt" gewesen. Die Familiensaga im Zeitraffer komme ohne Worte aus, sei ein Fotoessay über Werden und Vergehen. "Der Vater altert Jahr um Jahr, der Sohn wächst heran. Dann beginnt die Geschichte wieder." Tian, der an Pekings Filmakademie studiert hatte, kam vor wenigen Wochen aus den USA zurück, wo sein Sohn geboren worden war. Als er herumliegende Familienfotos ordnete, kam ihm spontan die Idee, sie zu scannen und aus Spaß in sein chinesisches WeChat zu stellen. Das war am 26. Juli dieses Jahres. "Nach 24 Stunden erfuhr ich, wie viele sich das anschauten. Der Zähler stand auf über 100.000." Über Nacht verhundertfachte sich auch seine bis dahin bescheidene Schar von 50 Followern.

Zum Online-Hype um die Aufnahmen kam es ebenso zufällig, wie sie 1986 entstanden waren, als Tian im Juni in Guiyang in Südwestchina geboren wurde. Es sei drückend heiß gewesen, erzählte ihm sein Vater, der selbst ein bekannter Künstler ist. Mit unbekleidetem Oberkörper hielt er das Baby in den Armen. Die Mutter fotografierte. Ein Jahr später, zum ersten Geburtstag, ließen sich Vater und Sohn in der gleichen Pose knipsen. Als der Vater beide Bilder miteinander verglich, fand er den Wandel so interessant, dass er beschloss: "Das machen wir jetzt jedes Jahr wieder."

Gleichbleibende Szene

Daraus wurde ein Familienritual mit Vater und Einzelkind. Reihum drückten neben der Mutter auch die Großeltern oder die Haushaltshilfe auf den Auslöser. Zuerst nutzten sie den Fotoapparat, dann eine Digitalkamera und schließlich das Handy. Die Szene aber blieb immer die gleiche.

Auch nachdem Tian mit 18 Jahren zum Studieren nach Peking gegangen war, fuhr er regelmäßig für die Fotosession zurück nach Hause. "Sie gehörte zu uns, so wie die Tradition, jährlich zum Frühlingsfest nach Hause zu fahren." Tian glaubt, dass die Stärke der Aufnahmen, die inzwischen Millionen im Netz faszinieren, in ihrer Einfachheit und Authenzität liegt – vielleicht auch weil sie, ohne Worte, für ein "allgemein gültiges Wertegefühl" stehen. Es ende weder an Grenzen, habe nichts mit der Nationalität zu tun, der jemand angehört, "oder damit, woran er glaubt".

Tian hat nur eines verändert. "Die Fotos waren einst in Farbe. Sie sind nun Schwarz-Weiß, um die Kontraste besser hervorzubringen." Das Bild für 2014 fehlt. Da war er in den USA. Viele Freunde hätten ihn gedrängt, "nachträglich mit Fotoshop" die Serie komplett zu machen. Das werde nicht geschehen. "Die Lücke gehört für immer dazu." 2015 kam erstmals sein Sohn mit ins Bild. Jedes Jahr will Tian nun mit einem weiteren Foto die Saga von den mit bloßem Oberkörper kuschelnden Vätern mit Sohn fortsetzen, in die nächste und übernächste Generation. Was aber, wenn der künftige Enkel ein Mädchen ist? Dann komme sie ins Bild, sagt Tian, "natürlich im Bikini." (Johnny Erling aus Peking, 12.9.2015)

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