Energieexpertin: "Befinden uns mitten in einem Krieg ums Öl"

Interview13. September 2015, 07:59
47 Postings

Was sich derzeit auf den Rohölmärkten abspielt, ist kein Zufall, sondern Strategie, sagt Energieexpertin Claudia Kemfert. Es sei es ratsam, Alternativen zu forcieren

STANDARD: Rohöl ist der Schmierstoff, der die Wirtschaft am Laufen hält. Wie lange noch?

Kemfert: Zumindest so lange, bis ausreichend Alternativen vorhanden sind. Derzeit hängen vor allem der Verkehrs- und Gebäudesektor, aber auch die Industrie noch stark am Öl. Neben der konsequenten Verbesserung der Energieeffizienz sollten vor allem alternative Antriebsstoffe und Antriebstechniken in den Fokus rücken. Öl ist zu kostbar, um es zu verbrennen.

STANDARD: Bei Preisen von über 100 Dollar je Fass dachte man, dass sich Alternativen eher über kurz als über lang durchsetzen würden?

Kemfert: Die Investitionen in Alternativen sind langfristiger Natur, sodass die erwarteten Ölpreise über mehrere Jahrzehnte ausschlaggebend sind. Da Öl keine unbegrenzte Ressource ist, wird man kaum mit dauerhaft niedrigen Ölpreisen rechnen können.

STANDARD: War "Peak Oil", das Fördermaximum, nach dem es nur mehr bergab geht, eher Wunschdenken als eine durch Fakten gestützte Theorie?

Kemfert: Wir sehen heute in vielen Feldern Peak Oil. Die Ölnachfrage dagegen nimmt global gesehen weiter zu statt ab, was auch an dem starken Wachstum in Schwellenländern und dem Mangel an alternativen Technologien liegt. Unkonventionelle Quellen werden trotz erheblicher Umwelt- und Klimagefahren erschlossen werden. Die Ölförderung ist jedoch nicht unendlich erweiterbar. Wenn wir es schaffen, uns rasch vom Öl zu verabschieden, bleibt Peak Oil Theorie. Dies wäre wünschenswert, scheint derzeit aber wenig realistisch.

STANDARD: Mit Fracking scheint man noch weitaus mehr Öl aus dem Boden holen zu können?

Kemfert: Unkonventionelles Öl ist in alle geopolitischen Prognosen stets eingeflossen. Es gibt geologische Unsicherheiten über das Potenzial unkonventioneller Ölförderung. Wichtiger sind jedoch die politischen Unsicherheiten: So haben sich beispielsweise die USA in erster Linie aus geopolitischen, nichtwirtschaftlichen Gründen entschieden, massiv ins Fracking zu investieren: um damit andere Länder zu schwächen.

STANDARD: Ist Krieg um Öl, wie er zuletzt im Irak geführt worden ist, heute noch vorstellbar?

Kemfert: Wir befinden uns mitten in einem Krieg ums Öl, nur wird er diesmal anders geführt. Billiges Öl schwächt die Lieferländer und senkt die Energiekosten importierender Staaten. Heute versucht man, die Ölpreise durch gezielte geopolitische Entscheidungen künstlich tief zu halten, um Öllieferländer zu schwächen. Der Machtkampf einiger großer Volkswirtschaften hat immer schon die Ölmärkte mit einbezogen.

STANDARD: Und die Bemühungen, den globalen Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen?

Kemfert: Ein hoher Ölpreis ist kein Garant für Klimaschutz. Zahlreiche klimaschädliche Technologien rechnen sich erst bei einem hohen Ölpreis – Kohleverflüssigung etwa oder die Gewinnung von Öl aus Teersanden. Ein hoher Ölpreis kann zwar zu mehr Energiesparen anregen. Die Klimapolitik sollte aber nicht auf steigende Ölpreise setzen, sondern klimaschonende Technologien fördern und vor allem CO2 verteuern.

STANDARD: Heizöl ist billig. Warum sollte einer der 800.000 österreichischen Haushalte mit Ölheizung auf ein anderes System switchen?

Kemfert: Weil man nicht nur auf ein Jahr schauen sollte, sondern auf den gesamten Lebenszyklus: Da lohnt sich der Einbau eines alternativen Systems auf jeden Fall. Etwas lohnt sich immer: Energiesparen. (Günther Strobl, 12.9.2015)

Claudia Kemfert (46) leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Kemfert studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld, Oldenburg und Stanford.

  • Energiesparen lohnt sich immer, sagt Expertin Claudia Kemfert.
    foto: standard/regine hendrich

    Energiesparen lohnt sich immer, sagt Expertin Claudia Kemfert.

Share if you care.