"Tomorrow Today": Schneller sein als der Kapitalismus

18. September 2015, 10:34
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2015 geht es im Wiener Galerienprojekt "curated by" um das Verhältnis von Kunst und Kapital

Es ist ein Diskurs, der die Kunstszene schon länger beschäftigt. Die Rede ist vom spekulativen Realismus, der über eine Welt ohne den Menschen als Maßstab nachdenkt. Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev hat dies etwa bei der letzten Documenta (2012) verfolgt, und mittlerweile gibt es mit dem Akzelerationismus auch die dazugehörige politische Theorie.

Als ein wichtiger Vertreter dieser Denkrichtung gilt der in Wien geborene Literaturwissenschafter Armen Avanessian, der auch das Thesenpapier zu "curated by" 2015 geschrieben hat. In Anlehnung an den Autor J. G. Ballard geht er davon aus, dass die "Science-Fiction heute der bessere, wenn nicht sogar einzig mögliche Realismus ist". Tomorrow Today heißt sein Essay, in dem er vorschlägt, "die politische, ökonomische und künstlerische Gegenwart von der bereits angebrochenen Zukunft her zu betrachten". Die Beschleunigung (englisch acceleration) ist dafür grundlegend: So ist man bei der Aneignung der neuesten Kommunikationstechnologien besser vorn mit dabei, wenn man etwa mit einem alternativen Geschäftsmodell ("Gallery 2.0") den Postkapitalismus einläuten will.

Kontroversielle Essays

In der Vorbereitung von "curated by" haben sich an der Idee, die "künstlerische Imagination" solle den Kapitalismus zu Fall bringen, dann aber wohl doch ein paar Geister geschieden: Das lässt zumindest der Katalogbeitrag Nina Powers vermuten, die in Mitgegenwart Avanessians Thesen wieder komplett auseinandernimmt. Für die Kuratorinnen und Kuratoren dürfte beides, sowohl das Thesenpapier als auch die Replik, jedoch durchaus anregend gewesen sein. Das bestätigt jedenfalls ein erster Blick in die Galerien, in denen die Krise des Kapitalismus erwartungsgemäß großes Thema ist.

Davon ausgehend, dass wir gerade seinen Untergang bezeugen, hat die in London lebende Kuratorin Rózsa Zita Farkas in der Galerie Andreas Huber Werke versammelt, in denen seine Brüchigkeit sichtbar wird: Auf einem an ein Firmenlogo angelehnten Schriftzug liest man "All power emanates from the people" und weiß: Dieser Sogan passt so gar nicht zu seiner glänzender Aufmachung.

Während es Emily Jones darum geht, dass so manche Firma Menschenrechte mit Füßen tritt, hat sich Maja Cule mit dem Spruch "Do what you love" befasst. Hört man ihn, assoziiert man eher Turnschuhwerbung, Cule hat ihn jedoch in einen Grabstein geritzt. Warum, erklärt die Künstlerin in einem klugen Video, bevor sie auf einer Crowdfunding-Plattform für ihren Lebensunterhalt wirbt.

Ausgebeutete Körper

Zum alltäglichen Kampf passt in Rehearsals in Instability auch das Video Seroquel® von Sidsel Meineche Hansen sehr schön. Es erzählt von den Zusammenhängen zwischen körperlicher Erschöpfung, Depression und der stets eingeforderten Kontrolle des Selbst im Kapitalismus.

Auch wenn die Galerie Raum mit Licht nicht gleich um die Ecke ist, schließen dort einige Arbeiten an den Komplex "Körper und Kapitalismus" an – etwa jene von Ines Doujak, die die ausgebeuteten Körper von Lastenträgern mit unserer durchrationalisierten Welt in Beziehung setzt: Unter dem Titel Notes on Crisis, Currency and Consumption hat Kuratorin Ruth Noack je einem dieser Schlüsselbegriffe des Kapitalismus einen Raum gewidmet und Verbindungen mit sehr konkreten globalen Problemen hergestellt. Dafür hat sie Arbeiten von Ai Weiwei, Lili Dujourie oder Willem Oorebeek gewonnen sowie ein sehenswertes Video von Koen Theys: In Death Fucking Metal pfeifen ein paar erschöpfte Altrocker der Musikindustrie ein Liedchen.

Künstlerin Wu Dandan versetzt hingegen der modernen chinesischen Fashionindustrie ein paar Stiche. Ihre bezaubernden Stickereien sind zudem weit entfernt von dem angedachten Beschleunigungsparadigma, das man auch in der Galerie Krobath weit hinter sich lässt. Plädoyer für eine Entschleunigung heißt es vielmehr im Untertitel der Präsentation, in der Friederike Nymphius gezielt auf ein "sperriges" Medium, auf Skulptur, setzt. Inhaltliche Konzentration ist ihr Credo, und spätestens wenn man die ausgewählten Arbeiten (u. a. Martin Boyce, Tatiana Trouvé, Monika Sosnowska) sieht, weiß man auch, dass man die schweren Teile besser nicht in Bewegung versetzt. (Christa Benzer, 12.9.2015)

Tomorrow Today bis 17. 10. unter anderem in folgenden Wiener Galerien: Andreas Huber (4., Schleifmühlgasse 6-8), Raum mit Licht (7., Kaiserstraße 32), Krobath (1., Eschenbachgasse 9).

www.curatedby.at

  • An der modernen chinesischen Fashionindustrie herumsticheln? Das macht Wu Dandan in der Serie "Advertisements" (Galerie Raum mit Licht).
    foto: raum mit licht

    An der modernen chinesischen Fashionindustrie herumsticheln? Das macht Wu Dandan in der Serie "Advertisements" (Galerie Raum mit Licht).

  • Die Fäden dieses Objekts von Tatiana Trouvé sind aus Leder (Galerie Krobath).
    foto: galerie krobath

    Die Fäden dieses Objekts von Tatiana Trouvé sind aus Leder (Galerie Krobath).

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