"Eins im Andern": Wenn die Liebe laufen lernt

10. Oktober 2015, 13:09
posten

Selber schuld, wenn man versucht, die Liebe zu verstehen: Monique Schwitters neuer Roman "Eins im Andern" scheitert an seinen eigenen Vorgaben

Anlauf zu nehmen, um über Liebe einen literarisch neuartigen Text zu schreiben, ist allein schon ein Wagnis. Wahrscheinlich haben über neunzig Prozent der Weltliteratur etwas mit Liebe zu tun, von der Herz-Schmerz-Literatur und den heute in Massen produzierten Chick-Lit-Büchern ganz zu schweigen.

Die Schweizer Autorin Monique Schwitter geht mit ihrem Roman Eins im Andern dies Wagnis ein. Im Klappentext ist zu lesen: "Was ist das, die Liebe? Wieso kann sie kommen und gehen? Wohin geht sie, wenn sie geht?" Das sind sicher existenzielle Fragen, die man früher mit dem Rezitieren eines Gedichts von Erich Fried beantwortet hätte. Damals, als man noch jung und unbedarft war, irgendwie "unbefleckt".

Dieser Gedanke führt direkt zum Covermotiv von Schwitters Roman: eine Madonnenfigur, deren Herz erstrahlt und von einem Dolch durchstoßen ist. Nach christlicher Ikonografie meint das die Leiden Mariens, also sie selbst als "mater dolorosa".

Aha, denkt man! Im Roman von Schwitter wird die Liebe unserer Tage mit christlichen Liebesgeboten verbunden und diese Verbindung kritisch oder ironisch hinterfragt. Falsch! Gottessachen tauchen selten auf, gegen Schluss wird kurz über den heiligen Christophorus erzählt. Übrigens: Falls sich im Roman ein Funke Ironie verbergen sollte, dann ist es eine Form von calvinistischer Ironie – geschmunzelt wird hinterm Vorhang.

Aber noch einmal halt! Sind die zwölf Männer, die die Ich-Erzählerin auf ihrer Tour d'Amour begleiten, nicht die zwölf Apostel? Ja, nach der Namensgebung irgendwie schon. Aber das war's dann auch. Ein Liebesabendmahl ergibt Schwitters Roman sicher nicht. Was soll also die ganze christliche Ikonografie? Man weiß es nicht. Doch wird nicht im Roman auch viel über den Tod gesprochen? Ja, das schon. Doch da sei die Bemerkung erlaubt: Gestorben wird überhaupt viel, ob mit oder ohne christlichen Hintergrund.

Auch Tiere sind im Roman wichtig, vornehmlich Ratten. Ha! Das könnte auf das chinesische Horoskop verweisen: Ratten-Männer lieben manchmal so heftig wie ein Orkan – und treu sind sie auch nicht. Ja, von Treu und Untreu der Männerwelt handelt Schwitters Roman allemal. Aber was ist mit dem Orkan? Obwohl die Ich-Erzählerin ja mit vielen Männern zusammen ist, erfährt man wenig über Sex. Muss ja nicht sein, es geht doch um die Liebe! Doch einmal hat die Erzählerin ein heftiges Liebesabenteuer auf einer öffentlichen Toilette. Zu dieser Szene kann man nur eines sagen: Unerotischer geht es nicht. Man knickt emotional ein, ertappt sich beim Mikroschläfchen.

Die Begegnungen mit zwölf Männern ist der erzählerische Reigen von Eins im Andern. Die Klammer bildet der Tod: Zu Anfang des Romans erfährt die Ich-Erzählerin vom Selbstmord ihres ehemaligen Geliebten: "Petrus". Der Schluss des Textes ist eine Art Klagelied über den jung verstorbenen Bruder der Ich-Erzählerin.

Dieser letzte Teil der Prosaarbeit ist absolut gelungen. Monique Schwitter versteht es hier, den Leser sprachlich in den Bann des Leidens zu ziehen. Man fühlt nur zu gut, welche Trauer, welchen fast unauslöschlichen Schmerz der Tod eines geliebten Menschen verursachen kann. Nur: In welcher Verbindung steht der Tod des Bruders zum Rest der Erzählung? Und wenn der Roman mit dem Suizid von Petrus einsetzt, so ist das Gelingen des Romanverlaufs noch nicht dadurch gesichert, dass er viele Brüder hat, darunter einen gewissen "Andreas".

Die zwölf Kapitel wirken manchmal so als wären sie als einzelne Geschichten geplant gewesen. Dann wieder taucht der Ehemann der Ich-Erzählerin mehrfach auf. Auch ihre zwei Kinder. Befremdlich auf den Leser wirken die Telefongespräche, die die Ich-Erzählerin mit dem jüngeren Sohn führt. Wie süß, er kann noch nicht richtig sprechen! – "Der kleine Kleine fragt: Mama? Mama? Mama? Ja, mein Schatz. Mama? Ja, hier ist Mama. Mama? Ja, mein Liebling. Mama? Gibst du mir mal Oma? Oma? Ja, gib sie mir mal. Mama? Ja! Oma! Ja, genau gib sie mir mal." Solche hochkarätigen Dialoge sind im Roman keine Seltenheit. Und schon beutelt einen wieder das Mikroschläfchen.

"Selber schuld, wenn man glaubt, man könne das Leben schreibend bändigen, ordnen, vorführen, selber schuld, wenn man glaubt, man könne die Liebe packen, untersuchen und – vor allem – verstehen!" Das ist die wahrscheinlich tiefste Erkenntnis in Schwitters Roman. Liebe im Abrollen alltäglicher Ereignisse darzustellen, selbst wenn zeitweise der Tod das Zepter schwingt, ist eine haarige Sache.

Wo die kunstvollen und vielleicht auch etwas gekünstelten Metaphern der Liebesbeschwörungen fehlen, lauert die Banalität einer Sprache, die schlicht Realität abbilden will. Diese Wirklichkeit hat dann den Geschmack eines verrunzelten Granatapfels.

Die Liebesfrucht mutiert zur Dörrpflaume. Man macht das Buch Eins im Andern zu und denkt: Vielleicht sollte man doch wieder zu einem uralten Liebesschinken greifen, sogar zu etwas Biblischem – Salomos "Hohelied" auf die Liebe bietet sich an. (Andreas Puff-Trojan, Album, 15.8.2015)

  • Wo ist die Liebe? Und wo ist das Leben? Monique Schwitter.
    foto: apa / gert eggenberger

    Wo ist die Liebe? Und wo ist das Leben? Monique Schwitter.


  • Monique Schwitter, "Eins im Andern". EURO 19,00 / 232 Seiten. Droschl, Graz 2015
    cover: droschl verlag

    Monique Schwitter, "Eins im Andern". EURO 19,00 / 232 Seiten. Droschl, Graz 2015

Share if you care.