Die Emanzipation der Cecily Corti

18. September 2015, 09:59
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Die Regisseurin Jacqueline Kornmüller spürte den Lebensthemen der Obdachlosenhelferin und Betreiberin der Vinzi-Einrichtungen nach

Eine Biografie kann eine Nacherzählung sein. In diesem Fall lässt sie ein Leben Revue passieren, seine Höhen und Tiefen, für die es meist weitere Persönlichkeiten öffentlichen Interesses als Zeugen gibt – denn anders fehlte das biografische Interesse.

Oder aber ein Biograf – eine Biografin – sucht nach dem Lebensthema der handelnden Person; ein besonders sensibles Unterfangen, wenn es sich um einen direkten Zeitgenossen – eine Zeitgenossin – handelt. Denn dann wird sozusagen am lebenden sozialen Körper operiert, an den familiären, freundschaftlichen Verbindungen. Wenn der Eingriff klappt, entstehen so Abstraktion und Dramaturgie.

Cecily Corti, Betreiberin der Vinzi-Einrichtungen für Obdachlose, und die Theater- sowie Filmregisseurin Jacqueline Kornmüller sind den zweiten Weg gegangen. Kornmüller hat die bisherigen Lebensstationen Cortis aufgezeichnet und hat dabei die schwierigere, herausforderndere, psychologische Herangehensweise gewählt. In diesem Fall ist es auch eine esoterische – weil zunehmende Verinnerlichung bei Corti eine wichtige Rolle spielt.

Dieser Versuch ist gelungen. Entstanden ist eine vielschichtige Biografie, die gleichzeitig auch ein Zeitzeugnis ablegt am Beispiel der Selbstfindung, also Emanzipation einer Frau von den 1940er-Jahren bis heute.

Das zarte Geflecht früher Erinnerungen

"Greift man einmal in das zarte Geflecht der frühen Erinnerungen hinein, scheint doch gleich zu Beginn dieses Lebens ein Thema gesetzt, das immer wieder einmal aufflackert, um sich schließlich vollends zu verdichten", schreibt Kornmüller im Nachwort des Buches. Konkreter wird sie diesbezüglich nicht – und lässt Leser damit Raum für persönliche Annäherungen an Cecily Corti.

Was ist es, dieses Thema? Wie drückt es sich aus? Wo im Leben dieser Frau aus adeliger Familie wurzelt es, die als Kind miterleben musste, wie ihr Vater verschleppt wurde und die Mutter fast nicht darüber hinwegkam? Damals wie später sei "Trennung vom geliebten Menschen, Trennung von mir selbst, Trennung, die dem Leben den Boden entzieht", für sie "immer wieder Thema gewesen", gibt Kornmüller in Cortis Namen einen ersten Hinweis.

Kurz widmet sich die Biografie der Ziellosigkeit der 20-jährigen Cecily. Ihrer Unentschlossenheit, als der Regisseur und Publizist Axel Corti in ihr Leben trat. Der sie eroberte, ja überrollte.

Die Ehe als Liebes-, Kampf- und Leidensort

Die Ehe, geführt nach dem in den 1960er-Jahren üblichen traditionellen Rollenmodell, wird als Liebes-, Kampf- und Leidensort geschildert. Von einem Mann und einer Frau, die einander untrennbar verbunden waren – zu sein hatten. So hatte es auch Cecily Cortis Mutter gesehen, als sie ihren Mann bitter vermisste, schreibt Kornmüller in Cortis Namen. "Zwei Menschen, die zusammengehören ... die können nicht weiterleben ohne den anderen", habe die Mutter gesagt.

Als Axel Corti 1993 starb, blieb Cecily Corti fassungslos zurück. Auch sie selbst erkrankte in der Folge schwer. Im Zen-Buddhismus sowie in freiwilliger Hilfe für die sozial Schwächsten erkannte sie die Chance, zu sich selbst zu finden: eine grundlegende Voraussetzung, um fortan "bessere Beziehungen" zu führen.

Diese versucht Cecily Corti in den von ihr gegründeten Vinzi-Einrichtungen zu leben. Sie und ihre Mitarbeiter würden Obdachlose und Flüchtlinge dort als Gleiche behandeln, heißt es in dem Buch. Kein Mitleid, wenig Hierarchie, vielmehr Offenheit und permanente "Übung". "Wenn wir eine gerechtere Welt wollen, müssen wir zuerst lernen, anders miteinander umzugehen. Gute Beziehungen sind ein gesellschaftlicher Wert", betont Corti; so weit ihr aktuelles Lebensthema. (Irene Brickner, 12.9.2015)

Cecily Corti
Man muss auf dem Grund gewesen sein

Aufgezeichnet von Jacqueline Kornmüller
Verlag Brandstätter 2015
160 Seiten, 19,90 Euro

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