Jerry Lee Lewis: Der Verrückte

13. September 2015, 09:00
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Ende September wird er 80. Die Welt nennt ihn den Killer. Er hat den Rock 'n ' Roll gefährlich gemacht und das wie durch ein Wunder überlebt. Ohne Kompromisse, mit dem Gottvertrauen eines Sünders

Ob er überrascht ist? Wahrscheinlich nicht. Und wenn, wird er es sich nicht anmerken lassen. Das ist ihm nicht gegeben. Er war immer von sich überzeugt. Doch der Rest der Welt hätte keinen Cent darauf gewettet, dass Jerry Lee Lewis einmal 80 Jahr alt werden würde. Dieser Verrückte? Niemals. Doch Lewis erwies sich als zäher, als ihn sich die Welt vorstellen konnte. Am 29. September wird er tatsächlich 80 Jahre alt.

Jerry Lee Lewis hat den Rock 'n' Roll gefährlich gemacht, für sich selbst sogar lebensgefährlich. "Sex and Drugs and Rock 'n' Roll" – er hat's erfunden. Er personifiziert den Irrsinn des Geschäfts und den Wahnwitz der Kunst. In ihm kollidieren Religion und Gottlosigkeit, gehen Gottesfürchtigkeit und Blasphemie Hand in Hand – begleitet von hämmerndem Klavierspiel. Ausgerechnet mit diesem von der Klassik kontaminierten Instrument sollte er die Welt erobern.

Zwar zeigten andere vor ihm, dass diese 88 Tasten in Verbindung mit den dunklen Mächten stehen können, aber keiner provozierte den Teufel damit wie Jerry Lee Lewis. Und er ließ sich in keiner Sekunde davon abbringen. Als er zu Beginn seiner Karriere bei der Suche nach einem Label immer wieder hörte: "Du solltest das Klavier sein lassen und dir eine Gitarre umhängen, dann schaffst du es vielleicht", antwortete er: "Du kannst dir deine Gitarre in den Arsch schieben." An die Spitze kommt man nicht mit Kompromissen. Doch dort wollte er hin, und dort kam er hin.

Der Weg führte über ein kleines Label in Memphis: Sun Records. Das gehörte Sam Phillips, der seit 1952 hauptsächlich schwarze Bluesmusiker aufnahm. Und Elvis Presley. Als der schon war, was Jerry Lee sein wollte – reich und berühmt -, fuhr Lewis mit seinem Vater nach Memphis, um bei Phillips vorzusprechen. Zuerst wollte der nichts mit ihm zu tun haben. Schließlich beugte er sich dem begehrlichen Mann und nahm ihn auf, und bald sollte er ihn als den talentiertesten Musiker bezeichnen, mit dem er je zu tun hatte.

Himmel oder Hölle

Den Durchbruch schaffte Jerry Lee Lewis mit Whole Lotta Shakin' Goin' On . Ein Donnerwetter von zwei Minuten und 52 Sekunden Dauer. Nach der Aufnahme soll es im Studio mucksmäuschenstill gewesen sein, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Lewis grinste und ging auf ein Steak. Als er das Lied in der im ganzen Land ausgestrahlten Steve Allen Show spielte, war das sein Durchbruch, der Song verkaufte sich millionenfach. Jerry Lee Lewis war ein Star, sein erster Scheck 40.000 Dollar fett, das war mehr als RCA für Elvis bezahlt hatte. Jerry Lee ging shoppen. Autos, ein paar Häuser, Schnaps. Er war glücklich. So gut es eben ging.

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Denn selbst an guten Tagen erscheint die Welt des Jerry Lee Lewis wie ein düsteres Versprechen. "Du kommst in den Himmel, oder du fährst zur Hölle. Dazwischen gibt es nichts", sagt er in Nick Tosches Biografie Hellfire. Eingeschrieben hat ihm diese Sichtweise der Bible Belt, unten in Louisiana. Dort, wo das Gute und das Böse in Person von händeringenden Predigern um die Seelen ungebildeter Hinterwäldler warben und eine Messe erst in Fahrt kam, wenn die Besucher in religiöse Ekstase kippten. Von dort kam er, und von dort kam er nie los.

Lewis präsentierte sich der Welt als gockelhafter Südstaatenaristokrat aus dem Geschlecht der Schwarzbrenner. Sogar der Arzt, der seine Geburt überwachen sollte, war, vom Schnaps besoffen, unfähig, die Niederkunft von Mamie Ethel Lewis fachkundig zu begleiten. Also musste sein Vater ran, Elmo. Der kam eben erst aus dem Knast: illegaler Schnaps. Aber das galt in der Gegend ja fast als ehrenhaft. Es wurde eine schwierige Geburt, die die Mutter fast das Leben gekostet hat. Jerry Lee Lewis kam am 29. September 1935 in Ferriday mit den Füßen voran zur Welt. Er sei in die Welt gesprungen, sagte er später, und er habe nie damit aufgehört.

Gott soll es richten

Jerry Lee war das zweite Kind seiner Eltern, sein Bruder Elmo Jr. starb, als er kaum drei Jahre alt war. Ein Betrunkener verlor die Beherrschung über sein Auto und tötete den neunjährigen Jungen. Die Mutter wollte den Fahrer nicht vom irdischen Gesetz belangt sehen, Gott, sagte sie, würde das richten. Die geprüfte Familie umhegte nun Jerry Lee, und den faszinierte nichts so sehr wie die Musik. Die Lieder seiner Eltern und Nachbarn und die Songs im Radio. Also verpfändete sein Vater das Haus, um ein Klavier zu kaufen. Lewis besitzt es bis heute.

Der Killer wird geboren

Doch anstatt darauf gottergebene Lieder zu spielen, wie sie seine Mutter gerne gehört hätte, malträtierte er es mit wildem Boogie. Den hörte er in den schwarzen Clubs von Ferriday. Haney's Big House war seine Schule fürs Leben. Dort sah er Ray Charles, Fats Domino, Junior Parker oder Bobby Bland, dort sah er das Publikum wie angestochen tanzen, dort hatte er ein Erweckungserlebnis: Auch seine Musik sollte die Kraft haben, die Menschen zu verzaubern.

Die richtige Schule war zu der Zeit längst nebensächlich geworden. Als er dennoch einmal vorbeischaute, geriet er mit seinem Lehrer in einen Streit darüber, welche Schulstufe ihm zustünde. Es gab ein Handgemenge, Jerry Lee würgte den Lehrer mit der Krawatte, bis der blau anlief. Der Killer war geboren.

Und der legte nach. Nach Whole Lotta Shakin' Goin' On nahm er Great Balls of Fire auf. Ein lüsternes Manifest, ein Anschlag auf die guten Sitten, keine zwei Minuten lang, wieder ein Donnerwetter. In zehn Tagen verkaufte es sich eine Million Mal. Lewis: "Es war bloß ein Liebeslied, aber eines, das mit 140 Sachen um die Ecke biegt." Der Killer stand im Zenit. Es folgten die Hits Breathless und High School Confidential. Elvis gab klein bei, Lewis triumphierte.

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In New York spielte er Chuck Berry an die Wand: Er zündete das Klavier an und trat es von der Bühne. "Es war das erste Mal, dass ein Schwarzer weiß im Gesicht wurde." Jerry Lee spielte mit den Fäusten, den Füßen oder den Ellbogen. "Man kann auch mit dem Arsch Klavier spielen", sagte er. "Aber es muss ein perfekter Arsch sein. So wie meiner."

Vom Star zum Aussätzigen

Damals war er zum zweiten Mal verheiratet. Auf die Scheidung dazwischen hat er vergessen, er war amtlich ein Bigamist. Das war in Ferriday ein behebbares Problem, in ein größeres manövrierte er sich im Dezember 1957, als er Myra Gale Brown ehelichte. Er war 22, sie 13 und seine Cousine. Als Lewis 1958 auf Englandtournee ging, von wo er als Millionär zurückkommen wollte, ahnten Freunde und Verwandte Schlimmes, denn Lewis nahm Myra mit. Als die Familienkonstellation und ihr Alter in England bekannt wurden, ergab das einen Riesenskandal.

Die Säle blieben leer, anstatt als König kehrte Lewis als Aussätziger zurück. Und der Skandal mit ihm: Radiostationen hörten auf, seine Songs zu spielen, große Häuser buchten ihn nicht mehr. Plötzlich war er wieder unten. Statt für 30.000 Dollar pro Abend spielte er wieder für 100. In Juke Joints, in Truckerhütten, in Dreckslöchern. Damals brachte Myra Steve Allen Lewis zur Welt.

Eine Knarre am Klavier

Es waren harte Jahre. Lewis tourte unablässig und fraß Amphetamine, als wären es M&M's. 1962 ertrank Steve Allen im Pool. Er wurde nur drei Jahre alt. Lewis wankte, aber machte weiter. Er betäubte sich mit Drogen und Musik. England vergab ihm, Deutschland wollte ihn. 1964 nahm er mit drei britischen Rotznasen im Hamburger Star Club ein Livealbum auf, das als eines der besten aller Zeiten gilt: besessen, am Anschlag, unpackbar. Doch der Musikgeschmack änderte sich langsam, Lewis' Kunst war immer weniger nachgefragt.

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Country rettete ihn. 1968 veröffentlichte er Another Place, Another Time und wurde wieder ein Star, endlich. 1971 starb seine Mutter. Lewis schwankte erneut, den Irrsinn stoppte es nicht. Er floh in die Arbeit. Der junge Bill Clinton holte sich damals sein Autogramm, John Lennon küsste ihm in Los Angeles die Füße. Sein Erstgeborener, Jerry Lee Lewis Jr., der das erstaunt miterlebte, starb 1973 bei einem Autounfall. Sein Wesen verdunkelte sich weiter.

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Bei Konzerten legte er nun gerne eine Pistole aufs Klavier und spielte ganze Nächte durch. Die (Ehe-)Frauen kamen und gingen oder starben unter merkwürdigen Umständen. Heute ist er zum siebenten Mal verheiratet. Die 1980er-Jahre überlebte er erfolgreich im Revivalzirkus, krepierte aber fast bei einer Magenoperation, die ihm sein jahrzehntelanger Drogenmissbrauch eingebracht hatte.

Langsam erholte er sich, verdiente wieder Geld, doch die Steuer nahm ihm fast alles ab. Seit Jahren ging das so, doch Lewis blieb auf Kurs, sah sein Schicksal in Gottes Hand liegen. 1989 verfilmte Jim McBride sein Leben, Lewis hasste den Film.

Last Man Standing

Die 1990er bremsten ihn merklich, er spürte sein Leben und das Alter, die Krankheiten häuften sich. Doch Lewis ist zäh. Ein Fels, der Rock im Rock 'n' Roll. 2006 nahm er das prominent besetzte Album Last Man Standing auf. Wieder war er in den Charts. 2012 veröffentlichte Jack White ein Livealbum von ihm, sein letztes Studioalbum erschien im Vorjahr. Über 70 gibt es. Manche sind schlecht, viele gut, einige genial.

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In Rick Braggs Biografie His Own Story blickt er auf sein Leben zurück. Irgendwo darin sagt er: "Oft habe ich absichtlich das Falsche getan und es als richtig bezeichnet. Immer alles richtig zu machen ist langweilig. Es tötet deine Träume. Das habe ich nie zugelassen." (Karl Fluch, 13.9.2015)

  • Klaviere pflastern seinen Weg: Jerry Lee Lewis war in seinem Leben ganz oben und ganz unten. Und er kennt alles dazwischen. Am 29. September wird er 80.
    foto: corbis/bettmann

    Klaviere pflastern seinen Weg: Jerry Lee Lewis war in seinem Leben ganz oben und ganz unten. Und er kennt alles dazwischen. Am 29. September wird er 80.

  • Greift nach wie vor in die Tasten: Der Killer bei einem Auftritt im vergangenen Jahr in Atlantic City, New Jersey.
    foto: owen sweeney/invision/ap

    Greift nach wie vor in die Tasten: Der Killer bei einem Auftritt im vergangenen Jahr in Atlantic City, New Jersey.

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