"Trendwende" der Hilfsbereitschaft bei Betrieben

12. September 2015, 08:00
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Ob Geld, Waren oder Zeit – Firmen und Institutionen beschäftigen sich jetzt damit, wie spontane Hilfsbereitschaft in Zukunft weiterbestehen kann

Die Glücksforschung sagt schon lange, was tausende Menschen an Bahnhöfen, in Flüchtlingsunterkünften und an Grenzübergängen während der letzten Tage erleben konnten: Der Schlüssel zum Glücklichsein liegt in Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft. Diese wurde von Caritas-Generalsekretär Michael Landau als nichts weniger als "ein Stück europäische und österreichische Geschichte" bezeichnet, von Al Jazeera bis New York Times international gewürdigt und unzählige Male auf Facebook und Twitter beschrieben und bebildert.

So spontan wie die freiwilligen Helfer reagierten auch viele Unternehmen. "Das ist nicht die Zeit für Dienst nach Vorschrift", sagte Bahnchef Christian Kern im STANDARD-Interview und sprach damit vielen aus der Seele. Tausende bedankten sich via Social Media bei den ÖBB für eine "logistische Meisterleistung". Beteiligt waren aber auch viele andere.

Von Kleinunternehmen bis Riesenkonzern

Ob kleine Firma oder Riesenkonzern – der Einsatz hat viele Gesichter: Die Firma T-Systems ermöglichte allen Mitarbeitern einen freien, bezahlten Tag zur Flüchtlingshilfe, die Rewe-Gruppe spendete der Caritas eine halbe Million Euro für die Flüchtlingshilfe – zweckgewidmet für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Und auch bei dm kamen durch den Verkauf von Hilfspaketen seit Anfang August 350.000 Euro zusammen, die an Diakonie und Caritas gehen. Auch das Ausmaß an Sachspenden – allein am Wiener Westbahnhof kamen letztes Wochenende 27 Tonnen zusammen – wäre ohne den Einsatz vieler Firmen nicht erreicht worden.

Warum aber gerade jetzt? "Vor allem große Unternehmen haben das Gefühl, dass sie in dieser wichtigen Frage gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen müssen, und wollen einen Beitrag leisten", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas. Ermöglicht wurde das Engagement laut Schwertner auch durch den Stimmungswandel bei den Behörden. "In den letzten Wochen konnte man wirklich sehen, wie wichtig soziales Engagement vielen Firmen in Österreich ist. Das ist eine echte Trendwende."

Flüchtlinge am Arbeitsmarkt

Obwohl vielerorts noch Operatives und Nothilfe im Vordergrund stehen, beschäftigen sich einige Unternehmen, aber auch Bildungseinrichtungen, Interessenvertretungen und Politiker bereits mit Fragen der Nachhaltigkeit: Wie schafft man es, dass es zu einem gesellschaftlich bunten Zusammenleben und nicht zu einer Teilung in "die Asylwerber" und "die Österreicher" kommt? Und vor allem: Wie inkludiert man Fähigkeiten und Kompetenzen der Geflüchteten erfolgreich in den Arbeitsmarkt? Das heißt, auch die jetzt schon vielfach geäußerte Angst, Flüchtlinge würden Jobs wegnehmen, anzusprechen.

Bis dato dürfen Asylwerber nur in Ernte- und Saisonarbeit tätig sein. Baldige Verbesserungen sind aber wahrscheinlich: Dem Wunsch von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach einem Arbeitsrecht ab dem ersten Tag des Asylverfahrens steht Arbeits- und Sozialminister Rudolf Hundstorfer offen gegenüber. Für jene mit positivem Asylbescheid veranstaltet das AMS verstärkt Kompetenzchecks, um die Fähigkeiten und Stärken der Flüchtlinge zu eruieren, überlegt wird aktuell ein Integrationsjahr als Überbrückung zum Einstieg in den Arbeitsmarkt für Asylberechtigte und Subsidär Schutzberechtigte einzuführen.

Austausch, von dem Mitarbeiter profitieren

Viele Firmen werden indessen aber selbst aktiv: "Wir sind mit einigen Firmen in Kontakt, die vor allem jungen Flüchtlingen eine Chance bieten wollen und vermehrt Lehrstellen anbieten möchten", sagt Schwertner. Neben Geld- und Sachspenden ist vor allem langfristiger Einsatz, wie dieser, gefragt. Auch in Deutschland haben bereits mehrere Unternehmen angekündigt, vermehrt Flüchtlinge zu engagieren, darunter Daimler, Siemens und die Deutsche Telekom.

Es gibt aber auch andere Zugänge für nachhaltiges Engagement: "Es melden sich Unternehmen, die beispielsweise ihren Mitarbeitern einen Austausch ermöglichen wollen." Schwertner spricht dabei das an, was fachsprachlich "Corporate Volunteering" genannt wird. Hierbei können sich Mitarbeiter – wie bei T-Systems – direkt in sozialen Projekten und bei Organisationen engagieren.

Natürlich regt sich bei so mancher Aktion der Verdacht, es könnte sich um eine PR-Aktion handeln. Aber: Selbst wenn nur das Firmenimage im Hintergrund stünde, bleibt dennoch als Ergebnis der Einsatz für Flüchtlinge bestehen. Soll die Unterstützung langfristig und nachhaltig sein, ist es sehr wohl wichtig, ob Weltbild oder Image im Vordergrund stehen. Schwierig sei es zum Beispiel, wenn für Corporate Volunteering nur ein freier Tag zur Verfügung stehe: "Das ist für uns mehr Aufwand als Unterstützung. Außerdem ist der Profit des Mitarbeiters, nämlich seine sozialen Kompetenzen zu stärken, kaum gegeben", sagt Martin Haiderer, Gründer und stellvertretender Obmann der Wiener Tafel.

Muss Hilfe selbstlos sein?

Soziale Kompetenz wird auch im Bildungsbereich verstärkt vermittelt. An der WU ist es beispielsweise Pflicht, im Bachelorstudium zwei Lehrveranstaltungen zu diesem Thema zu absolvieren. Die Tatsache, dass pro bono und Karriere Hand in Hand gehen, könnte die Zahl der Freiwilligen in Non-Profit-Organisationen und Vereinen in Zukunft noch wachsen lassen – Helfen in den Alltag vieler bringen: Es zeige sich nämlich, dass es die besonders Leistungs- und Führungsmotivierten sind, die sich schon während der Schulzeit und des Studiums freiwillig engagierten. "Da sich das alles aber herumspricht, steigt auch die Zahl derjenigen, die ein klein wenig Engagement bloß zwecks Impression-Management und Lebenslauf-Tuning vorgeben", sagt der Vizerektor für Lehre an der WU, Michael Meyer.

Ist das verwerflich? Muss Hilfe immer selbstlos sein? Natürlich geht es bei ehrenamtlichem Engagement immer auch um das eigene Wohl. Aber obwohl allzu öffentlich zur Schau gestelltes Eigenlob des eigenen Einsatzes nervt – die vielen Erfahrungsberichte sind erstens ein Signal an all jene, die nach geschlossenen Grenzen und Abschottung rufen, zweitens mindern sie den positiven Effekt des Helfens selten.

Aktionen an Hochschulen

Auch operativ ist an Hochschulen einiges geschehen, es werden Kräfte gebündelt, und man vernetzt sich, um die eigenen Kompetenzen in der Flüchtlingsfrage anzubringen: Unis und Studentenvertretungen bemühen sich einerseits darum, Flüchtlinge zu informieren, und bieten andererseits Hilfe an. Die Hochschülerschaft verzeichne verstärkt Anfragen, und die Uni Wien startet in der kommenden Woche eine eigene Website. Hier studieren momentan rund 100 Asylwerber oder Flüchtlinge. Die Technische Universität Wien veranstaltete im Sommer Informatikkurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Bereits seit 2010 gibt es an der Wirtschaftsuniversität Wien die mit Rewe und Caritas gemeinsam initiierte Initiative "Lernen macht Schule", wo sich mehr als 150 WU-Studierende als "Lernbuddies" für rund 220 sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche engagieren. Ab September ermöglicht eine neue Kooperation 20 Flüchtlingen viermal pro Woche Deutschunterricht an der WU. (Lara Hagen, 11.9.2015)

  • Ob in Nickelsdorf (wie hier am Foto), an mehreren österreichischen Bahnhöfen oder in Flüchtlingsunterkünften: Zehntausende Flüchtlinge wurden in den vergangenen Wochen verpflegt und verarztet.
    foto: christian fischer

    Ob in Nickelsdorf (wie hier am Foto), an mehreren österreichischen Bahnhöfen oder in Flüchtlingsunterkünften: Zehntausende Flüchtlinge wurden in den vergangenen Wochen verpflegt und verarztet.

  • Die großzügigen Warenspenden wurden von tausenden Privatpersonen und vielen Unternehmen geliefert. Im Bild ein Teil der Spenden in Nickelsdorf.
    foto: robert newald

    Die großzügigen Warenspenden wurden von tausenden Privatpersonen und vielen Unternehmen geliefert. Im Bild ein Teil der Spenden in Nickelsdorf.

  • Laut Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner konnte die "Trendwende" auch durch einen veränderten Zugang der Behörden erreicht werden.
    foto: apa/herbert oczeret

    Laut Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner konnte die "Trendwende" auch durch einen veränderten Zugang der Behörden erreicht werden.

  • Am Wiener Westbahnhof kamen vergangenes Wochenende laut Caritas 27 Tonnen an Hilfsgütern zusammen. Die Kommunikation mit Spenderinnen und Spendern lief großteils über soziale Netzwerke ab, wo ständig Updates über benötigte Dinge zu finden sind.
    foto: apa/hans punz

    Am Wiener Westbahnhof kamen vergangenes Wochenende laut Caritas 27 Tonnen an Hilfsgütern zusammen. Die Kommunikation mit Spenderinnen und Spendern lief großteils über soziale Netzwerke ab, wo ständig Updates über benötigte Dinge zu finden sind.

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