Wenn das Gehirn gedopt wird

18. September 2015, 15:00
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Im Silicon Valley boomen Pillen, die angeblich die Gehirnleistung steigern. Hirndoping gibt es aber nicht, sagen Experten

Ein besseres Konzentrationsvermögen, mehr Kreativität, kurz gesagt: mehr Leistung – das wünschen sich viele in ihrem beruflichen Alltag. Wem ausreichend Schlaf und der tägliche Nachmittagskaffee nicht reichen, der stößt im Internet auf allerhand leistungssteigernde Mittel.

Mehr Kontaktfreudigkeit, bessere soziale Fähigkeiten, bessere Problemlösungsfähigkeiten werden Müden da versprochen – und das angeblich ganz ohne Nebenwirkungen. Nootropika werden diese Substanzen genannt. Sie sollen sich im kalifornischen Silicon Valley verkaufen wie die warmen Semmeln.

"Gehirn ist für Doping zu komplex"

Neu seien weder das Thema noch der Begriff, sagt Wolfgang Fleischhacker, Leiter des Departments für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Innsbruck. Der Begriff Nootropika sei alt, mittlerweile würde man stattdessen von "Neuro-Enhancers" sprechen. Und schon seit Jahrtausenden würden Menschen – etwa mithilfe von Nikotin oder Koffein – versuchen, ihrer Gehirnleistung auf die Sprünge zu helfen.

"Ich verstehe die Hoffnung, die dahintersteckt", sagt Kurosch Yazdi, Leiter des Zentrums für Suchtmedizin an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Er wird immer wieder danach gefragt: "Aber Hirndoping gibt es nicht – dafür hat das Gehirn eine zu komplexe Struktur."

Zahlen dazu, wie viele gesunde Menschen diese Nootropika konsumieren, gibt es laut Fleischhacker nicht. Im Internet stößt man jedenfalls auf allerhand Pillen, die Inhaltsstoffe wie Fettblatt, Rosenwurz, Gingko und Fischöl enthalten – und die wahre Wunder bewirken sollen.

Kontroversielle Studien zu Gingko

"Dahinter steckt hauptsächlich Geschäftemacherei", vermutet Fleischhacker. Eine Wirkung bezweifelt er. "Und wenn es wirkt, dann ist es meist ein Placebo-Effekt." Lediglich zu Gingko gibt es einige kontroversiell diskutierte Studien in Zusammenhang mit Alzheimer, die eine positive Wirkung bescheinigen.

Zwei gängige Medikamente im Bereich der Neuro-Enhancers sind Ritalin, das bei Patienten mit ADHS zum Einsatz kommt, und das Antidepressivum Bupropion, besser bekannt unter dem Handelsnamen Wellbutrin. Yazdi betont, dass man sich durch derartige Mittel zwar möglicherweise wacher fühlt – das Gehirn deshalb aber nicht besser arbeitet, die Leistungssteigerung daher ausbleibt: "Man nimmt die Müdigkeit nur nicht mehr so wahr."

Auch von dem Wirkstoff Piracetam wird immer wieder in Zusammenhang mit einer Leistungssteigerung des Gehirns gesprochen. Die Wirksamkeit wurde in einer Studie zu Hirnleistungsstörungen von Alkoholkranken bewiesen – später jedoch nicht mehr repliziert, so Fleischhacker.

Qualitätsüberprüfung nicht möglich

Er warnt, dass viele Onlineanbieter von Substanzen zwar wissenschaftliche Studien zitieren, diese aber an Patienten mit einer bestimmten Erkrankung durchgeführt wurden – und nicht an gesunden Menschen. Auch das selektive Zitieren sei ein Problem, denn oft würden nur positive Studien erwähnt. "Eine Qualitätsüberprüfung für den Laien ist also unmöglich."

Letztendlich sei die Suche nach einem Wundermittel für mehr Leistung auch ein Zeichen der Zeit: "Der Leistungsdruck auf allen Ebenen nimmt vor allem subjektiv zu, obwohl das nicht immer den objektiven Anforderungen entspricht", sagt Fleischhacker. "Die Leute glauben selber, dass sie zwölf Stunden arbeiten müssen. Das hat sich in unserer Leistungsgesellschaft ein wenig verselbstständigt."

Ausreichend Schlaf, wenig Alkohol und eine gesunde Ernährung sind laut Yazdi ohnehin die einzige wirkungsvolle Art des Hirndopings: "Das Silicon Valley ist mit Sicherheit nicht deshalb so erfolgreich, weil jeder vermeintlich leistungsfördernde Substanzen einnimmt." (Franziska Zoidl, 18.9.2015)

  • Kreativere Ideen und eine bessere Konzentrationsfähigkeit – das erhoffen sich viele von den Pillen.
    foto: reuters/edgar su/files

    Kreativere Ideen und eine bessere Konzentrationsfähigkeit – das erhoffen sich viele von den Pillen.

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