Dauerkrise in Beirut: Den Libanesen stinkt es

Kommentar10. September 2015, 17:42
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Die Krise hat das Bewusstsein vieler dafür geschärft, dass ihr Staat, wenn er funktionieren soll, eine andere Grundlage braucht

Die Regierung in Beirut verkündet wieder einmal das Ende der Abfallkrise: Dem Libanon, über dem zuletzt neben dem Gestank des Mülls auf den Straßen auch die Wolke eines jahreszeituntypischen Sandsturms hing, sei die Lösung wenigstens dieses einen Problems vergönnt. Die rund um den Müllnotstand neu entstandenen zivilgesellschaftlichen Bewegungen, deren berühmteste mit dem Namen "Ihr Stinkt" durch die internationalen Medien ging, werden bestimmt ein Auge darauf haben, dass die Errichtung von neuen Deponien und die Beauftragung neuer Firmen nicht gleich wieder im politisch-konfessionellen Quotensumpf steckenbleiben.

Im Libanon scheint sogar der Mist eine religiöse Zugehörigkeit zu haben. Die Krise hat jedoch das Bewusstsein vieler dafür geschärft, dass ihr Staat, wenn er funktionieren soll, eine andere Grundlage braucht als nur eine ausverhandelte Verteilung der Posten und Pfründe unter den religiösen Gemeinschaften. Weiters kam ein sozialer Aspekt dazu, als unterentwickelte, ärmere Landesteile dagegen aufmuckten, zum Mistkübel der Reichen zu werden.

Abfall stinkt: Den Libanesen stinkt aber auch, dass kein Staatspräsidenten gewählt und keine Parlamentswahlen abgehalten werden können. Es stinkt ihnen immer mehr, dass sie Geiseln der Feindschaft zwischen den Gruppen im eigenen Land sind – und jener zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien. (Gudrun Harrer, 10.9.2015)

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