"Hakoah Wien": Ronen vor, noch ein Tor

10. September 2015, 17:38
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Komödienhirnfutter im Wiener Volkstheater

Wien – Die vorerst schönste Komödie dieses Wiener Theaterherbstes trägt den Titel Hakoah Wien. Sie beginnt im Wiener Volkstheater als atemloser Spielbericht. Die Stimme vom Band (Franz Solar) überschlägt sich fast. Drei Kicker traben federnd im Trainingsanzug auf die Bühne (Ausstattung: Fatima Sonntag). Die gleicht einem hochkant gestellten Kunstrasenplatz. Der Reporter heißt die Schauspieler bei ihren bürgerlichen Namen willkommen. Er redet so unverantwortlich dummes Zeug, wie das – auf ihre entwaffnende Weise – nur "Matchkommentatoren" können.

Bald schon rast ein kräftiger Flitzer (Michael Ronen) über das Geläuf. Er wird sich, rasend, schnaubend, discotanzend, von der "Wirklichkeit" einholen und schließlich von ihr überwältigen lassen. Michael Fröhlich (Ronen) ist der Enkel eines Wiener Zionisten, der 1936 sein Glück in Palästina suchte und fand. Der Jungspund lebt im Hier und Jetzt und ist israelischer Soldat. Der Militäreinsatz in den besetzten Gebieten hat ihn, vornehm ausgedrückt: nachdenklich gemacht.

Die Armee schickt den Kugelblitz ausgerechnet nach Wien. Er soll Vorträge halten, für die Sache Israels ein gutes Wort vor tauben Ohren einlegen. Die Fabel dieser Kooperationsarbeit von Regie (Yael Ronen) und Schauspielteam hanebüchen zu nennen, wäre eine höfliche Untertreibung. Die Handlung kracht wie eine Kaisersemmel oder wie Mazze. Doch das ist vollkommen egal. Ronen und ihr Team haben Hakoah Wien vor drei Jahren am Grazer Schauspiel erarbeitet. Der Transfer nach Wien hat dieser heiter-melancholischen, Nestroy-dekorierten Besinnungsübung noch einmal gut getan. Die zweite Volkstheater-Premiere der so blutjungen Ära Badora ist der erste vollständig zufriedenstellende Erfolg.

Die Fäden sind schwer zu entwirren. Michael lernt in Wien die von der Midlife-Crisis gezeichnete Psychologin Michaela (sic!, Birgit Stöger) kennen. Beider Großelternteile waren in den 1930er-Jahren mehr als nur gut miteinander bekannt. Tatsächlich tanzen die Altvorderen wie Schattengespenster in die Gegenwart herüber. Opa war einst Fußballer beim jüdischen Herzeigesportklub Hakoah. Michaelas bessere Ehehälfte (Knut Berger) aber fristet das traurige Dasein eines sehr zeitgemäß frustrierten Ersatztorwartes.

Hakoah Wien gleicht einer nach Wien-Leopoldstadt verlegten Komödie von Woody Allen. Viele der Einzelszenen pulsieren auf die köstlichste Weise. Der panische, komische Israeli Michael aber verschwindet spurlos im Dickicht Wiens. Er läuft einem deutschlandstämmigen Hooligan (Sebastian Klein) in die erstaunlich soften Arme und findet bei ihm Aufnahme. Er beginnt, fern der Heimat die Geschichte seiner Vorfahren mit anderen Augen zu sehen. Der Weg zur Erkenntnis ist mit herrlichstem Slapstick gepflastert, wahlweise auch mit Charakterkunststückchen (brillant: Stöger). Der Fußballsport ist die herrlichste Metapher der Welt.

Der Ball ist rund, der Abend dauert etwa hundert Minuten, Ronens Team wird von den Fans jubelnd verabschiedet. Und am Schluss bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Die jüdische Kultur wurde von den Nazis zerstört, im Nahen Osten stehen die Zeichen unvermindert auf Sturm. (Ronald Pohl, 10.9.2015)

  • Sebastian Klein (links) und Michael Ronen bei der Devotionalienbetrachtung.
    foto: www.lupispuma.com / schauspielhaus graz

    Sebastian Klein (links) und Michael Ronen bei der Devotionalienbetrachtung.


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