Das Unbewusste, das sich im Museum versteckte

11. September 2015, 09:00
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Das Mumok lud Studierende des Fachbereichs Critical Studies der Akademie der bildenden Künste ein, in seiner Kollektion zu stöbern. Herausgekommen ist die Ausstellung "Blühendes Gift", die quasi Museum und Kunst auf die Psychoanalyse-Couch legt

Wien – Finden Sie den Fehler in der folgenden Aufzählung von sechs Männern und einer Frau aus der österreichischen Kunstszene der 1960er-Jahre. Achtung: Steiger, Kalb, Pichler, Attersee, Graf, Wiener, Ingrid. Und? Natürlich geht es darum, dass Ingrid Schuppan-Wiener als Einzige mit dem Vornamen angeführt ist. Zu lesen ist es so auf einem Gruppenfoto, das Christian Skrein 1968 schoss.

Ein kritisches Echo fand das Foto zwanzig Jahre später. Als sich die Wiener Künstlerinnengruppe Die Damen 1988 für das Foto Die vier neuen Mitglieder des Ersten Wiener Männergesangsvereins in Szene setzte, zitierten nämlich Egerer, Jürgenssen, Strobl und Ona B die leicht herablassenden Posen auf Skreins Porträt. Nun hängen die beiden Bilder im Museum moderner Kunst Wien (Mumok) nebeneinander. Und zwar inmitten einer ganzen Reihe anderer Arbeiten, die man in der Ausstellung Blühendes Gift zu Genderfragen und Blickpolitik in der Kunstwelt konsultiert.

In der Tiefe des Museums

Dass Frauen lange Zeit nur Beobachter des Kunstbetriebs waren, soll etwa ein Foto von Margherita Spiluttini zeigen, auf dem man Aufbauarbeiten für eine Ausstellung des Minimalisten Sol Le Witt anno 1988 sieht. Für den kritischen weiblichen Blick, der sich später entwickelte, steht die Fotografin Candida Höfer. Ihr Tableau Zentralinstitut für Kunstgeschichte München IV (2002) wirkt nämlich nur auf den ersten Blick wie Architekturfotografie. Tatsächlich will Höfer die Aufstellung der klassischen Skulpturen, die Säulen, das Lichtdesign nicht bloß dokumentieren. Vor allem will sie soziokulturelle Mechanismen hinter dem musealen Arrangement sichtbar machen.

Die Ausstellung Blühendes Gift versucht einen nicht unähnlichen Blick unter die Oberfläche des Museumsbetriebs zu werfen. Kuratiert wurde die Schau mit dem Untertitel Zur feministischen Appropriation des österreichischen Unbewussten von Studierenden des Fachbereichs Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Auf Einladung des Mumok durchforsteten sie dessen Sammlung. Beim Begutachten von rund zehntausend Arbeiten entschied man sich, den Fokus auf das Unbewusste der Kollektion, deren "blinde Flecken" zu legen.

Die Kunstwerke sollten gegen den Strich gelesen, kunsthistorische Etikettierungen zugunsten einer feministisch-queeren Lesart ausgeblendet werden. "Kunstblickachsen durchbrechen" heißt das in der Critical-Studies-Fachsprache. Die Studierenden suchten also neue rote Fäden durch die jüngere Kunstgeschichte und fanden diese in Fragestellungen des Familienlebens, der Subkulturen oder der heterosexuellen Normen. Die Schau unterteilt sich in insgesamt fünf Kapitel (wie "Imitating the Imitations of the Imitators" oder "Taking Pictures of the Boys"), die einander im Zeichen des Feministisch-Queeren freilich auch "durchdringen". Keine Machtstruktur bleibt dabei unentdeckt.

Minimalismus und Liebe

So repräsentiert das reduziert-geometrische Stahlobjekt 5-Segment-Triangle (1976) von Carl Andre im Abschnitt Love nicht etwa den Minimalismus. Der Wandtext beschwört vielmehr die Künstlerin Ana Mendieta, Andres Lebensgefährtin. Erzählt wird die Geschichte ihres mysteriösen Todes; sie stürzte nach einem Streit mit Andre aus dem 34. Stockwerk. Dieser wurde nach dreijährigem Prozess freigesprochen. Die Verteidigung argumentierte dabei unter anderem – dieses bizarre Detail verrät die Ausstellung nicht – mit einer Todessehnsucht Mendietas, die man aus ihrer Kunst folgerte: Darin hatte sie zeitlebens die Verschmelzung mit der Natur gesucht.

Mendieta ist übrigens in der Sammlung des Mumok gar nicht vertreten. Für die Macher von Blühendes Gift gehören solche ankaufspolitischen "Leerstellen" (oder Häufungen) auch zum erforschten Unbewussten. Besonderes Interesse erweckten Künstler, die selten gezeigt oder von denen nur wenige Werke angekauft wurden.

Ein leicht skurriles "Highlight" ist etwa die Arbeit Kurt Schlögl schenkt dem Mumok sein Herz (2010), ein Objekt, das einen Plüschhodensack aus einem Porzellanhäferl wachsen lässt. Österreichisches Unbewusstes, grüß Gott! Tatsächlich handelt es sich um eine Schenkung des Künstlers an das Mumok, als sein Freund Edelbert Köb Direktor war. (Roman Gerold, Spezial, 11.9.2015)

Bis 24. 4. Zum Auftakt von "Blühendes Gift" und zum Ende von "Ludwig Goes Pop" veranstaltet das Mumok am Sonntag, 13. 9., einen Tag der offenen Tür (10.00-19.00).


Spezial Mumok ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • "Kurt Schlögl schenkt dem Mumok sein Herz" heißt dieses Objekt. Wahrscheinlich wird der Künstler zwei gehabt haben.
    foto: mumok / deinhardstein

    "Kurt Schlögl schenkt dem Mumok sein Herz" heißt dieses Objekt. Wahrscheinlich wird der Künstler zwei gehabt haben.

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