Jens Lehmann: "Damals hat man das als verrückt abgetan"

Interview10. September 2015, 12:53
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Jens Lehmann galt einst als einer der besten Tormänner der Welt. Im Interview spricht er über Ausflüge außerhalb des Strafraums, das Flankenfangen als Königsdisziplin der Torleute und die Kraft der Meditation

Er habe noch keinen kompletteren Tormann als sich selbst gesehen, sagt Jens Lehmann. Mangelndes Selbstvertrauen kann man ihm auch vier Jahre nach seinem Karriereende nicht vorwerfen. Zum Interview mit dem ballesterer hat Lehmann ins mondäne Münchner Hotel Bayrischer Hof geladen – und erscheint im Freizeitlook: enges, blaues Langarmshirt, schwarze Hose, Turnschuhe. Auf die Fragen antwortet er überlegt und spricht dabei leiser, als es seine Aussagen vermuten lassen.

ballesterer: Was bedeutet der Tormann fürs Fußballspiel?

Lehmann: Er macht den Reiz eines Spiels aus. Keiner würde aufs Tor schießen wollen, wenn kein Tormann drinstehen würde. Insofern ist er der wichtigste Spieler auf dem Platz – für die Motivation der Gegenspieler.

ballesterer: Wirklich? Der wichtigste Spieler?

Lehmann: Es ist wie beim Schach, da muss ich den König matt setzen. Im Fußball muss ich den Tormann bezwingen. Ich würde ihn aber zum Beispiel nicht über den linken oder rechten Verteidiger stellen. Doch im Gegensatz zu jedem anderen Feldspieler ist er für die Zielsetzung des Spiels unverzichtbar. Wenn ein Tormann vom Platz fliegt, muss er ersetzt werden. Ohne ihn würde das Spiel nicht funktionieren.

ballesterer: Haben Sie sich eher als Einzelkämpfer oder Teil einer Mannschaft gesehen?

Lehmann: Ich habe nicht bis 41 spielen können, weil ich so spektakuläre Paraden gemacht habe oder körperlich so überlegen war, sondern weil ich das Zusammenspiel mit meinen Vorderleuten extrem gut beherrscht habe, von denen ich auch abhängig war. Letzten Endes ist der Tormann einer von elf Spielern.

ballesterer: Was macht einen guten Tormann aus?

Lehmann: Wenn er jeden Ball hält, braucht er sonst nichts anderes mehr zu können. Das wäre der optimale Tormann, den gibt es aber nicht. Um zu vermeiden, dass Bälle überhaupt aufs Tor kommen, muss er einen 180-Grad-Blick haben und seine Vorderleute organisieren können. Er muss einen guten Pass auf seine Mitspieler spielen können, auch unter Bedrängnis. Er muss anhand des Laufweges eines Spielers erkennen, was dieser vorhat. Er muss Bälle 30, 40 Meter vor dem Tor abfangen können. Aber um ein Top-Torhüter zu sein, muss er das Schwierigste können, nämlich Flanken abfangen. Das ist die einzige Aktion, die in der Regel Ruhe ins Spiel bringt. Basis für einen perfekten Tormann ist dabei Mut.

ballesterer: Wer war Ihr Vorbild?

Lehmann: Toni Schumacher, er hat mich mit seiner Leidenschaft und Aggressivität beeindruckt.

ballesterer: Und wegen seiner Abwürfe, die über die Mittellinie gekommen sind?

Lehmann: Ja, die fand ich super. Er war auch ein Grund, warum ich 1987 zum FC Schalke 04 gewechselt bin. Präsident Günter Siebert hat mir damals gesagt: "Du kannst mit dem Toni Schumacher trainieren."

ballesterer: Sie haben in Deutschland, England und Italien gespielt. In Ihrer Biografie steht, Sie hätten erst beim AC Milan unter Alberto Zaccheroni verstanden, was Raumdeckung ist. Wie hat das Ihren Stil geprägt?

Lehmann: Ich habe noch besser begriffen, wo ich stehen muss und wie ich mich mit der gesamten Mannschaft zu bewegen habe. Wir haben viel Verschieben geübt, und ich habe gelernt, wie eine Dreier- oder Viererkette zu funktionieren hat. In der Theorie und Anwendung auf dem Platz war Zaccheroni ein super Trainer, manchmal hat ihm die emotionale Herangehensweise ein bisschen gefehlt.

ballesterer: Sie haben Milan nach einem halben Jahr wieder verlassen. Sind Sie dort gescheitert?

Lehmann: Ich bin zu früh gegangen, das bereue ich. Der dortige Tormanntrainer hat aber auch versucht, meinen Stil zu verändern. Die italienische Tormannschule ist nicht wirklich gut, weil sie zu viel auf Spekulieren abzielt, wo der Ball hingehen könnte. Wenn es gut geht, sieht es toll aus. Aber nicht, wenn der Tormann nach links springt und der Ball nach rechts geht.

ballesterer: Nach Ihrer Zeit beim BVB sind Sie 2003 nach England gegangen. Wie war die Umstellung auf Arsenals One-Touch-Fußball?

Lehmann: Alles war auf einmal viel schneller und härter. Aber mein Vorteil war, dass die anderen Spieler bald gemerkt haben, dass hinten einer drinsteht, der mitspielt. Anfangs bin ich in den Medien deswegen zerrissen und ausgelacht worden. "Sweeper keeper" haben sie mich genannt, weil ich Bälle sehr weit vor dem Tor geklärt habe. Damals hat man das als verrückt abgetan, heute nennt man das modernes Tormannspiel.

ballesterer: Ihren Spitznamen "Mad Jens" haben Sie aber auch wegen Ihres mitunter aggressiven Auftretens bekommen.

Lehmann: Wenn Sie in England zur Flanke rausgehen und einen Ellbogen abkriegen, müssen Sie sich Respekt verschaffen. Dann gibt es schon mal Konfrontationen.

ballesterer: Wie wichtig war Trainer Arsene Wenger für Ihre Entwicklung?

Lehmann: Er hat mich psychisch so unter Druck gesetzt, dass ich an meine Leistungsgrenze gehen musste. Dadurch habe ich am besten gespielt, wenn der Druck am höchsten war. Er hat mir zu verstehen gegeben: "Es ist nicht schlimm, wenn du einmal einen Fehler machst, das passiert jedem. Aber wenn du den zweiten machst, bist du raus."

ballesterer: Er hat Sie auf die Bank gesetzt und stattdessen Manuel Almunia spielen lassen.

Lehmann: Wenger hat mir gesagt: "Du bist nicht frisch genug und zu alt. Ich habe zweimal den Fehler gemacht und einen Tormann zu lange spielen lassen, den mache ich kein drittes Mal." Das war natürlich ein Schock. Zum Glück für mich hat Manuel auch eine Schwächephase gehabt, sodass Wenger mich wieder reingenommen hat. Da hat die beste Phase begonnen, die ich je gespielt habe, weil ich vor jedem Match ein wenig Angst hatte, einen Fehler zu machen. Dementsprechend habe ich mich auf die Spiele eingestellt und dann anderthalb Jahre keinen Fehler mehr gemacht. Der erste war dann ausgerechnet im Champions-League-Finale 2006, als ich Samuel Eto’o vor dem Strafraum gefoult habe.

ballesterer: Was es heißt, die Nummer zwei zu sein, wissen Sie aus Ihrer Zeit als Ersatzmann von Oliver Kahn im Nationalteam.

Lehmann: Wenn ich die Spiele, die ich auf der Bank verbracht habe, noch hinzuzählen könnte, wäre ich wahrscheinlich Rekordnationalspieler.

ballesterer: War es ein typischer Konkurrenzkampf zwischen zwei Torleuten?

Lehmann: Nein, das war schon etwas Besonderes, weil der Oliver wahrscheinlich gemerkt hat, dass er nicht nachlassen darf. Das hat ihn wohl zusätzlich angetrieben. Und mich auch.

ballesterer: Hat der Ersatztormann die undankbarste Rolle, die es gibt?

Lehmann: Es lehrt einen, härter zu arbeiten. Was macht der andere gut, was mache ich gut, was schlecht. Die Selbstkritik war mein ständiger Begleiter. Irgendwann habe ich ein Niveau erreicht, wo ich technisch ziemlich perfekt und damit nicht mehr so angreifbar war, auch wenn es mal ein, zwei Spiele nicht so gut gelaufen ist. Aber das war ein langer, von Enttäuschungen begleiteter Prozess.

ballesterer: Wie haben Sie die Selbstzweifel besiegt?

Lehmann: Es gibt einen Unterschied zwischen Zweifel und Selbstzweifel. Klar habe ich gezweifelt, ob ich meine Ziele erreichen werde. Selbstzweifel hieße aber, dass ich mein Können infrage stelle. Dafür habe ich zu viel trainiert. Ich habe gewusst, ich kann alles. Aber Zweifel – die habe ich immer gehabt: Was, wenn nicht gewonnen wird, werde ich dann verkauft?

ballesterer: Wie sind Sie damit umgegangen?

Lehmann: In England habe ich angefangen zu meditieren. Ich habe gewusst, dass ich irgendetwas anders machen muss, damit ich wieder eingesetzt werde und die WM 2006 spielen kann. Es war toll, was ich damit erreicht habe. Dass man seinen Geist so programmieren kann, dass sogar die nähere Umgebung beeinflusst wird. Ein halbes Jahr vor der WM hat Bayern-Präsident Uli Hoeneß gesagt: "Der Lehmann weiß doch heute schon, dass er bei der WM spielt." Dabei habe ich gar nichts gewusst. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat damals sogar gesagt, dass Kahn spielen würde, wenn jetzt WM wäre. Aber wenn man sich selbst auf den Erfolg programmiert, haben andere Menschen auch denselben Eindruck von einem. Man beeinflusst sozusagen unbewusst seine Umgebung.

ballesterer: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Lehmann: Ich habe jahrelang Probleme mit meinem rechten Knie gehabt, das war immer leicht geschwollen, die Ärzte haben nur gesagt, dass es gereizt ist. Irgendwann habe ich mich aufs Bett gelegt und mir immer wieder eingeredet, mein Körper wird Energie schicken und mein Knie heilen. Nach drei Monaten waren die Probleme weg. Und vor dem WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien habe ich geträumt, dass ich das Elfmeterschießen entscheiden und dann direkt vom Platz gehen werde. Und dann habe ich gehalten und sofort gedacht: "Jetzt muss ich vom Platz." Glücklicherweise, denn die anderen haben sich ja noch geschlagen.

ballesterer: Als 1992 die Rückpassregel eingeführt worden ist, haben viele Torleute kritisiert, dass sie dadurch eingeschränkt würden.

Lehmann: Weil viele der älteren Torleute nicht kicken konnten. Ich habe in der Jugend als Stürmer gespielt und damit Vorteile gehabt, wobei die Trainer das damals noch gar nicht zu nutzen wussten. Wenn der Ball zurück zum Tormann gekommen ist, ging es nur – bumm – nach vorne.

ballesterer: Heute gilt es als modern, als Tormann mitzuspielen. Nicht wenige sagen, Manuel Neuer habe das Spiel revolutioniert.

Lehmann: Na ja, ich habe seit 20 Jahren so gespielt, und er hat früher bei Schalke auch schon so gespielt. Er macht das super, Marc-André ter Stegen übrigens auch, der ist fußballerisch vielleicht sogar noch einen Tick besser.

ballesterer: Wenn Sie den heutigen Stil mit Ihrem vergleichen – sind Sie zu früh geboren?

Lehmann: Ja, wäre ich zehn Jahre später geboren, wäre Manuel jetzt mein größter Konkurrent.

ballesterer: Wird der Tormann noch offensiver werden?

Lehmann: Es kann sogar sein, dass wir irgendwann Feldspieler sehen, die gut im Tor sind und ab und zu dort spielen. Wozu brauche ich einen Tormann, wenn ich 0:1 hinten liege und permanent anrenne? Dann wechsle ich doch lieber einen Feldspieler ein und ziehe ihm ein Tormanntrikot über.

ballesterer: Sie haben einmal ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt. Was ist denn schöner – Tore schießen oder verhindern?

Lehmann: Tore schießen.

ballesterer: Das Dilemma des Tormanns, der insgeheim lieber ein Stürmer wäre?

Lehmann: Genau. (Jan Mohnhaupt, 10.9.2015)

Jens Lehman (45) stand beim FC Schalke 04, dem AC Milan, Borussia Dortmund, dem FC Arsenal und dem VfB Stuttgart im Tor. In seiner 23-jährigen Profikarriere gewann er den UEFA-Cup, einen deutschen, einen englischen sowie einen italienischen Meistertitel. Seit 2014 ist der ehemalige deutsche Teamtormann TV-Experte bei RTL.

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