Gute Noten für Wirtschaftsjournalismus

10. September 2015, 12:54
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Akademie der Wissenschaften untersuchte Berichterstattung in Österreich. Umfang, Transparenz und Objektivität gut

Ein positives Zeugnis stellt die Akademie der Wissenschaften dem österreichischen Wirtschaftsjournalismus aus. Der Anteil der Wirtschaftsbeiträge sei höher als erwartet, die Quellentransparenz gut, Defizite gebe es bei der Vielfalt der Positionen, erklärte Josef Seethaler vom Institut für Medien- und Kommunikationsforschung der Akademie bei einer Enquete zur Qualität im Wirtschaftsjournalismus.

Seethaler betonte zugleich, dass Qualität ein vielschichtiger Begriff sei, der vielen Einflussfaktoren unterliege. Die Kommunikationsforscher der Akademie der Wissenschaften untersuchten das tagesaktuelle Informationsangebot des Jahres 2014 in 36 österreichischen Medien aus den Gattungen Presse, Fernsehen, Radio und Online. Insgesamt wurden 25.180 Beiträge an verschiedenen Tagen analysiert. Präsentiert wird die erste umfassende Studie zur Qualität im österreichischen Journalismus am 21. September. Sie wurde von der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) in Auftrag gegeben wurde.

Mängel bei "Vielfalt der Positionen"

Mittwochabend stellte Seethaler bei einem vom Internationalen Forum für Wirtschaftskommunikation, APA Campus und der Initiative Qualität im Journalismus veranstalteten Forum erste Teilergebnisse vor: Der Anteil der Wirtschaftsberichterstattung in der tagesaktuellen Information ist demnach in der Presse am höchsten und im Fernsehen am niedrigsten. Privatsender sowie Boulevard- und Gratiszeitungen zeigten das geringste Engagement in Sachen Wirtschaftsberichterstattung.

Die Urheber- und Quellentransparenz sei bei Presse und TV sehr gut, bei Online hingegen schwach ausgeprägt. Weniger gut schneide die Wirtschaftsberichterstattung bei der Vielfalt der Positionen ab. Die Zahl der zitierten Akteure liege pro Beitrag im Schnitt nur etwas über einem Akteur. "Es ist nicht verständlich, warum so wenig Akteure zu Wort kommen", meinte Seethaler.

ZiB 2 "Messlatte für Objektivität"

Journalistische Qualität wurde von den Forschern über die Merkmale Transparenz, Vielfalt, Relevanz, Professionalität definiert. Untersucht wurden aber auch Objektivität und Diskurspotenzial der Beiträge. "Quer über die Mediengattungen hinweg scheint österreichischer Journalismus den Objektivitätskriterien zu folgen", so Seethaler. Ganz oben stehe dabei der öffentlich-rechtliche Rundfunk. So schnitt punkto Objektivität in der Wirtschaftsberichterstattung die "Zeit im Bild 2" am besten ab. Seethaler: "Die 'ZiB 2' ist die Messlatte für Objektivität. Das Flaggschiff ORF erfüllt hier seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag. Am anderen Ende der Skala liegen die Boulevardmedien. Das ist genau das, was wir uns erwartet haben."

Kritik an mangelndem Interesse

Beim Diskurspotenzial beziehungsweise der Einordnung der Inhalte gerate das Weltbild hingegen etwas durcheinander, berichtete der Kommunikationsforscher. Hier stehen ATV, Puls 4 und die "ZiB 20" auf ORF eins ganz oben. "Da ist etwas in Bewegung geraten. Da geht etwas von Objektivität in Richtung einordnenden Journalismus. Wir müssen als Wissenschafter hier mit unterschiedlichen Dimensionen von Qualität hantieren."

Reinhard Christl, Leiter des Wirtschaftslehrgangs von APA Campus, kritisierte unterdessen das mangelnde Interesse an Wirtschaft. "Es ist schwer, Talentierte zum Wirtschaftsjournalismus zu motivieren. Wirtschaft ist bei Studienanfängern extrem unpopulär und wird bei Ressortwünschen am seltensten genannt." Grund dafür sei ein Versagen der Schule, vor allem des Gymnasiums. "An AHS gibt es das Fach Geografie und Wirtschaftskunde. Das ist österreichisches Unikum und absurd. Man könnte genauso gut Turnen und Wirtschaftskunde oder Latein und Wirtschaftskunde machen, das wäre ähnlich sinnfrei. Nur zehn Prozent der Geografielehrer interessieren sich für Wirtschaft. Aus den AHS kommen heute Leute, die keine Ahnung vom Steuersystem, von Buchhaltung oder Volkswirtschaft haben."

Wirtschaftsjournalismus "besser als sein Ruf"

Dazu gelte es in Österreich als "chic", nichts von Wirtschaft zu verstehen. Es brauche deshalb mehr Wirtschaftsjournalismus, der den Leuten das Abenteuer Wirtschaft nahebringe. Als Vorbilder nannte Christl den "Economist" oder das deutsche Magazin "brand eins". Skandalgeschichten seien wichtig, es brauche aber auch konstruktive Geschichten und Erklärstücke, so Christl.

Hans-Peter Siebenhaar, seit zwei Jahren Österreich-Korrespondent des "Handelsblatt", brach am Beispiel der Hypo-Alpe-Adria-Berichterstattung eine Lanze für den österreichischen Wirtschaftsjournalismus. "Ich war erstaunt über die gute Qualität und die Tiefe der Berichterstattung hier in Österreich, und auch wie investigativ und mit welchen scharfen Kommentaren gearbeitet wurde. Man legt hier die Finger in die Wunden."

Dass der heimische Wirtschaftsjournalismus "besser als sein Ruf" sei, fand auch Bettina Gneisz-Al-Ani vom Forum für Wirtschaftskommunikation. Gneisz-Al-Ani betonte, dass auch Manager und Wirtschaftsunternehmen Interesse an gutem Wirtschaftsjournalismus hätten: "Je besser ausgebildet der Wirtschaftsjournalist, desto besser sind auch die Geschichten." (APA, 10.9.2015)

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