"Home"- und "Flair"-Verleger hätte gern "Miss" und "Autorevue"

11. September 2015, 17:56
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Ahead-Gründer Alexander Geringer auch gegenüber Verlagspartnern aufgeschlossen: "Werden zuhören, wenn der oder die Richtige kommt"

Wien – Er hat 1989 die Diva erfunden, nun würde er der Styria-Magazingruppe, in der das Magazin inzwischen erscheint, durchaus die Miss abnehmen, die jüngere Schwester der Modezeitschrift. Auch Autorevue, Yachtrevue und Golfrevue aus der News-Gruppe fände Alexander Geringer "sehr interessant".

Für sein eigenes Magazinhaus Ahead Media, das kommende Woche seine ersten 20 Jahre feiert, könnte er sich durchaus Partner vorstellen: "Wenn der oder die Richtige kommt und die Marken noch weiterbringt, werden wir auch gut zuhören", sagt der 49-Jährige im STANDARD-Interview.

Die erste Marke der Ahead Media gibt es nur noch im Firmennamen. Das Magazin Ahead erschien gut ein Jahrzehnt lang. Mit dem "Seelenprodukt, frei von kommerziellen Zwängen", wie er es nennt, begann er sein Medienunternehmen. Kommerziell half, dass Silhouette-Brillen Geringers Ahead zehn Jahre für sich werben ließ, dass Nespresso und Chopard ihn mit internationalen Kundenmagazinen beauftragten. Die Konsummagazin-Legende Wallpaper von Tyler Brûlé entstand 1996 bei Ahead, erinnert sich Geringer; und wenige Wochen nach der ersten Ausgabe von Wallpaper folgte, was Geringer dessen "nationale Fassung" nennt: Home.

Die Wohnzeitschrift erscheint inzwischen in Versionen für Deutschland, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien und, in Kooperation mit dem deutschen Magazinriesen Burda, in Russland und der Ukraine. Ahead produziert die Architekturzeitschrift Domus in Lizenz für den deutschsprachigen Raum. Seit 2007 eine Wiener Lizenzausgabe des italienischen Modemagazins Flair, und seit 2013, als ein Hamburger Verlag nach schon neun Ausgaben aufgab, auch Flair für Deutschland.

Was ging beim ersten Anlauf des Klambt-Verlags mit Flair in Deutschland schief? Keine Erfahrung in diesem Segment, sagt er. Und "eindeutig von manchem zu viel: ein bisschen Mode, ein bisschen Design, zwei Cover in einem Heft, keine Opening Spread, Hochglanzfotos auf einem rauen Papier und viele große Ankündigungen. Nur von einem hatten sie zu wenig: Ausdauer."

86 Erscheinungen im Jahr

Davon zeigt Geringer indes recht viel. Sein so multinationaler Verlag soll um die 13 Millionen umsetzen. Das wäre nur grob ein Achtel der Österreichs Magazinmarkt beherrschenden Verlagsgruppe News und doch im Zeitschriftengeschäft dieses Landes eine wesentliche Größe.

Geringer lobt die "Energieeffizienz" seiner Firma mit "rund 100 festen" Mitarbeiterin. Die stemmen einiges, und sei es, Produktionen in mehrere Sprachräume zu vervielfältigen. Geringer zum Pensum: "Wir haben 86 Erscheinungen mit insgesamt 12.000 produzierten Seiten pro Jahr."

Größenwunsch

Der Verleger und Medienmacher hat noch ambitionierte Pläne insbesondere für Home: "Ziel wäre es schon, dass Home die größte internationale Wohnmagazinmarke wird." Dafür müssten weit größere Schwergewichte wie etwa Elle Decor das Heft aus Österreich überholen lassen.

Partner an Bord zu holen, ist für Geringer offenbar durchaus Thema nach den ersten 20_Jahren mit 99,6 Prozent an Ahead, Langzeitmitstreiter Thomas Machhörndl hält 0,4 Prozent. Geringer zu potenziellen Partnern: "Wir sind glücklich, wie es ist, aber die Reise ist noch nicht zu Ende."

In den nächsten Monaten will er zwei Onlineportale starten, über die er noch nichts verraten will. Zumindest eines davon wohl im Bereich Wohnen und Einrichten. Wegen Miss, Autorevue und Co. gebe es übrigens keine konkreten Kontakte oder Gespräche, sagt Geringer.

STANDARD: Was wurde eigentlich aus "Ahead" als Magazin, das der Gruppe den Namen gab? Der Bestand in der Nationalbibliothek endet 2006.

Geringer: Das Magazin "Ahead" ist ja eigentlich eine "Print-Albertina der angewandten Kunst" gewesen. Als solches war es immer ein Seelenprodukt und frei von kommerziellen Zwängen. Wir sind damit an die Grenzen gegangen und hatten unglaubliche Anerkennung. Wie wie man an dieser Frage erkennt, ist "Ahead" noch immer präsent – das ist doch wirklich ein Kompliment, obwohl es schon zehn Jahre in sich ruht.

STANDARD: Das Medienhaus heißt noch immer Ahead, daher die Frage.

Geringer: "Ahead" hat unsere Leben verändert: Ohne "Ahead" hätten wir nie und nimmer zehn Jahre die Werbung für Silhouette-Brillen machen dürfen, und beim erfolgreichen Pitch um das Nespresso Magazin war es auch hilfreich.

STANDARD: "Ahead" bezeichnete sich als "unisex-magazine for fashion, entertainment, future and all-day-art". Wie wird aus einem solchen Heft eine recht erwachsene österreichische Mediengruppe mit Magazinen und Ausgaben für neun Länder?

Geringer: Ganz einfach: Nach "Ahead" haben wir den Welterfolg "Wallpaper" mitgegründet und mitfinanziert. Das erste Heft ist überhaupt im 9. Bezirk bei uns produziert und gestaltet worden. Sechs Wochen danach kam die nationale Fassung für modernes Design, "Home" in Österreich auf den Markt. Dann haben wir mit einem Streetstyle Magazin für die Bank Austria in der Marktforschung gegen "Krone"/Büro X gewonnen. Ein gleichartiges Magazin mit dem Namen "IQ Style" haben wir dann mit New Yorker in Deutschland umgesetzt. Vor der Jahrtausendwende ist dann die "Home" Deutschland beim Nachbarn auf den Markt gekommen: Dann kam das Wiedersehen mit meinem Ex-Wallpaper-Partner Tyler Brulé beim Pitch um das Nespresso Magazin. Das haben wir dann gewonnen und in acht Sprachen und einer Millionenauflage umgesetzt. Danach durften wir das Chopard Magazin in zwölf Sprachen machen. 2007 haben wir "Home" in den Nachbarländern CZ, HU, SI, SK herausgebracht, Mondadori hat uns dann den Titel "Flair" anvertraut. In Österreich sind wir bestimmt das beste Modemagazin, und in Deutschland haben wir es 2013 übernommen. Im gesamten deutschsprachigen Markt liegen wir jetzt in der harten Währung der deutschen Auflagenkontrolle IVW (2/2015) bei Kioskverkauf und Abos vor dem gleichzeitig gestarteten "Harper’s Bazaar". Im gleichen Jahr haben wir die Mutter aller Architekturmagazine, "Domus", als Lizenz herausgebracht. Seit 2014 machen wir jetzt mit Burda "Home" in Russland und Ukraine. Das war die Reise bisher – kurz gefasst.

STANDARD: Warum schafft eigentlich ein österreichischer Verleger offenbar, was einem deutschen Verlag nicht gelang – eine deutsche "Flair"-Ausgabe so zu führen, dass es für den Verleger Sinn ergibt?

Geringer: Ich machen seit meinem 20. Lebensjahr Premiummagazine und hier vor allem Mode und Design. Da bin ich zuhause. Für den Hamburger Verlag, der neun Ausgaben von "Flair" gemacht hat und nur Mass-Market-Produkte am Start hatte, war das Neuland.

STANDARD: Was haben Ihre Vorgänger aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

Geringer: Bei einem Magazin ist das Erfolgsrezept immer eine grosse Kunst und ein grosses Geheimnis. Man kann schnell von dem einen zu viel und von dem anderen zu wenig haben. Klambt hatte eindeutig von manchen zu viel: ein bisschen Mode, ein bisschen Design, zwei Cover in einem Heft, keine Opening Spread, Hochglanzfotos auf einem rauhen Papier und viele grosse Ankündigungen. Nur von einem hatten Sie zu wenig: Ausdauer. Letztlich müssen Sie aber Klambt fragen, warum Ihnen die Luft ausgegangen ist. Wir haben unser klares Erfolgskonzept gemacht und viel wichtiger: Wir haben fast punktgenau geliefert, was wir angekündigt haben. Hefte verkaufen wir gesamt an die 90.000 Exemplare.

STANDARD: Nach einem kurzen Blick in die deutsche Auflagenkontrolle IVW für das zweite Quartal 2015 können wir berichten: 82.602 Exemplare stehen dort unter Verkauf für Deutschland und Ausland inklusive Österreich. Wie organisiert man so ein recht umfangreiches Portfolio eigentlich mit – kolportiert – rund 13 Millionen Jahresumsatz? Oder anders gefragt: Wie funktioniert Ahead Media?

Geringer: Aheadmedia ist ein Boutique-Verlag und ich muss sagen, in der Organisationstruktur und Energieeffizienz ist Ahedamedia eine Benchmark. Wir haben 86 Erscheinungen mit gesamt rund 12.000 produzierten Seiten im Jahr. Das schafft ein großartiges Team von rund 100 festen Mitarbeitern in sieben Ländern – der Kern des Teams ist mehr als 10 Jahre bei aheadmedia. Herausgeberin Desirée Treichl-Stürgkh und ich sind unglaublich stolz auf jeden Einzelnen. Hilfreich waren natürlich Redaktionssysteme und das gesamte digitale Set-Up, um die Distanzen zu überwinden. Wir waren bestimmt der erste Magazinverlag mit einem Redaktionssystem in Österreich.

STANDARD: Das – mutmaßliche – wirtschaftliche Herzstück Home gibt es in neun Ländern. Sagt Gründer Alexander Geringer nun: Plafond erreicht an Ländern und Ausgaben, mehr will ich gar nicht? Oder: Was haben Sie sich denn noch vorgenommen? Was steht in Ihrem Drehbuch für die nächsten 20 Jahre? "Elle Decor" einholen?

Geringer: Wir haben neun Länderausgaben. Ziel wäre es schon, dass "Home" die größte internationale Wohnmagazinmarke wird. In Zentraleuropa ist "Home" jedenfalls schon mal bestimmend, zumal wir gesamt das einzige Premiummagazin sind, das wächst. Aktuell liegen wir in der verkauften IVW-Auflage gesamt klar vor "AD" und "A&W". Und für Österreich ist die "Home"-Story ohnehin eine einzigartige Geschichte.

STANDARD: Gesamt meint da?

Geringer: Die Gesamtauflagen der Hefte laut IVW insgesamt, also Deutschland und Österreich.

STANDARD: Ginge mehr überhaupt als praktisch unternehmerischer Einzelkämpfer? Oder ist es langsam Zeit für eine Partnersuche auch auf Gesellschafterebene? Gibt es womöglich Interessenten, Gespräche? Ist die "Home"-Partnerschaft mit Burda für Russland, Kasachstan ein Indiz für einen möglichen Investor/Partner/Käufer?

Geringer: Wir sind glücklich wie es ist, aber die Reise ist noch nicht zu Ende. Strategisch sind wir an allen Modellen interessiert, die zu unserem Premium-Portfolio passen und werthaltig sind. Wenn der oder die Richtige kommt und die Marken noch weiter bringt, werden wir auch gut zuhören. Andererseits würde ich auch das eine oder andere etwa von Styria oder News-Verlag übernehmen, wenn es zum Verkauf steht.

STANDARD: Welche Magazine würden Sie denn bei der Styria beziehungsweise bei der Verlagsgruppe News interessieren?

Geringer: Ich finde die "Miss" (Styria) und den gesamten "Revue"-Block sehr interessant.

STANDARD: Die Styria hat zumindest im Sommer nach der Trennung von Wiener, Motorradmagazin und Sportwoche erklärt, von weiteren Titeln wolle sie sich derzeit nicht trennen. Und ob die News-Gruppe so dringend "Autorevue"/"Golfrevue"/"Yachtrevue" loswerden will? Haben Sie Indizien für Verkaufsbereitschaft, führen Sie Gespräche?

Geringer: Nein, weder Kontakte noch Anzeichen. Aber die Styria hat in den vergangenen Monaten eben schon einige Titel abgegeben und die News-Gruppe befindet sich auch in einem Umstrukturierungsprozess.

STANDARD: Ahead Media wirkt auf den ersten Blick sehr printorientiert: Wann rüstet Ahead Media digital auf?

Geringer: Ein zweiter Blick lohnt sich: Aheadmedia hat 2010 interaktive Ipad-Apps herausgebracht. Da waren wir im deutschsprachigen Markt klar die Ersten – dank eines Adobe-Prerelease-Programms, wo Aheadmedia ausgewählt wurde. Mit dem online-affinen "Flair" haben wir 20.000 Facebook-Freunde und rund 200.000 Unique Visits im deutschsprachigen Raum mit rund 10 Millionen Page Impressions im Monat. Das kann sich sehen lassen.

STANDARD: Die Daten stammen aus der deutschen IVW, die neben Auflagen auch Zugriffe auf Websites prüft?

Geringer: "Flair" ist online vorerst noch nicht in der IVW.

STANDARD: Und bei den Online-Aktivitäten bleibt es für’s Erste?

Geringer: In den folgenden Monaten launchen wir zwei Internet-Portale.

STANDARD: Vermutlich werden Portale nicht weit entfernt von der Home-Einrichtungs-Welt verortet?

Geringer: Mehr kann ich dazu heute nicht sagen.

STANDARD: Ein Langzeitthema noch: Sie streiten und prozessieren seit – gefühlt – mindestens einem Jahrzehnt mit der Media-Analyse. Der Anlass: Die Reichweiten von Konkurrenz-Wohntiteln seien nicht in Einklang zu bringen seien mit deren Auflagenzahlen. Wo stehen die Verfahren denn derzeit?

Geringer: Ihr Gefühl trügt Sie nicht, aber eigentlich ist die Geschichte noch älter: Bevor wir zu Gericht gegangen sind, haben wir zehn Jahre lang versucht im guten Austausch die Media-Analyse davon zu überzeugen, dass dies Vorgehensweise falsch und unverantwortlich ist.

STANDARD: Was wollen Sie von der MA?

Geringer: Wir wollten, dass der gleiche internationale Standard eingeführt wird wie in Deutschland. Das bedeutet, dass zu jedem Reichweitenergebnis als Plausibilitätskontrolle der Leser-pro-Exemplar-Faktor auf Basis geprüfter und veröffentlichter Auflagendaten angeführt wird. Wir wollten, dass die Werbewirtschaft weiss, dass bis zu 27 Leser ein Exemplare lesen und selbst entscheidet, ob Sie das glaubt. Die Media-Analyse hat sich bis heute dagegen gewehrt. Jedes Mal höre ich, die MA ist die harte Währung und leider weiss ich aus Erfahrung, dass Mediaplaner und Werber dies auch so glauben und den Zahlen vertrauen. Das hat den Markt verzerrt und die Aheadmedia Millionen an verdienter Anerkennung unserer Markt- und Lebensleistung gekostet. Zweimal sind wir beim Obersten Gerichtshof gelandet.

STANDARD: Wo steht der Rechtsstreit derzeit?

Geringer: Heute steht das Verfahren kurz vor einer richtungsweisenden Entscheidung. In jedem Fall haben wir die Marktwahrheit jetzt schon verbessert. Die Media-Analyse kümmert sich nun schon mal intern, leider nicht öffentlich darum, in welchen Bezug die erhobenen Reichweiten mit richtigen Auflagendaten stehen. Das ist schon ein toller Erfolg für uns und ein Vorteil für die Werbewirtschaft.

(Harald Fidler, 11.9.2015)

  • Ahead-Gründer Alexander Geringer.
    foto: phillip kreidl

    Ahead-Gründer Alexander Geringer.

  • Die Konsummagazin-Legende "Wallpaper" von Tyler Brûlé entstand 1996 bei Ahead.
    foto: ahead

    Die Konsummagazin-Legende "Wallpaper" von Tyler Brûlé entstand 1996 bei Ahead.

  • Wenige Wochen nach der ersten Ausgabe von Wallpaper folgte, was Geringer dessen "nationale Fassung" nennt: "Home".
    foto: ahead

    Wenige Wochen nach der ersten Ausgabe von Wallpaper folgte, was Geringer dessen "nationale Fassung" nennt: "Home".

  • Seit 2007 produziert Ahead eine Wiener Lizenzausgabe des italienischen Modemagazins Flair, und seit 2013, als ein Hamburger Verlag nach schon neun Ausgaben aufgab, auch Flair für Deutschland.
    foto: ahead

    Seit 2007 produziert Ahead eine Wiener Lizenzausgabe des italienischen Modemagazins Flair, und seit 2013, als ein Hamburger Verlag nach schon neun Ausgaben aufgab, auch Flair für Deutschland.

  • Nespresso und Chopard beauftragten Geringers Ahead mit internationalen Kundenmagazinen.
    foto: ahead

    Nespresso und Chopard beauftragten Geringers Ahead mit internationalen Kundenmagazinen.

  • Chopard.
    foto: ahead

    Chopard.

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