Album der Woche: Helena Hauffs "Discreet Desires"

11. September 2015, 10:41
5 Postings

Helena Hauff ist an und für sich als DJ für harten analogen Techno bekannt. Auf "Discreet Desires" gibt sie es sanfter

Geschichte ist zumindest in den Künsten längst zum Stillstand gekommen. Alles scheint durchdekliniert. Zukunft findet nur in der Beschäftigung mit rückwärts gerichtetem Futurismus statt. Der Film Blade Runner stammt zum Beispiel aus dem Jahr 1982 und spielt im Jahr 2019. Der unterkühlte, melancholische, manchmal mit Saxofon schwülstig aufgeladene, meist jedoch düster bleibende Soundtrack stammt von Synthesizer-Pionier Vangelis.

werkdiscs

In vier Jahren findet also die Zukunft statt. Die Deutung derselben liegt gut 30 Jahre zurück. Damals fanden ungefähr zeitgleich mit Blade Runner auch dunklere Underground-Phänomene wie auf Korg-Synthesizern produzierte und mit emotionslosem Gesang im Hallraum behübschte Cold und Minimal Wave statt. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, die mit dem Album Alles ist gut wesentliche Pionierarbeit im Muskel disco-Genre geleistet hatte, trennte sich ebenfalls im Jahr 1982 das erste Mal. Die ebenfalls nicht unwesentlichen The Human League feierten zu dieser Zeit mit Dare! den Übergang vom Underground zum Welterfolg. Aus Being Boiled wurde Don’t You Want Me. In Folge rumsten Electronic Body Music und New Beat durch die Darkrooms des Planeten. Tanzmusik aus der Muckibude.

Analoger Techno

All das ist nun im Mikro- wie auch im Makrobereich auf dem Debütalbum der Hamburger DJ und Produzentin Helena Hauff zu hören. Die Tracks auf Discreet Desires führen die aus dem Umfeld des Pudel Clubs kommende Frau weg von ihrem bisherigen Schaffen, das darauf konzentriert war, harten analogen Techno mit Acid- und Industrial-Einflüssen zu produzieren und DJ-Sets hinzulegen, bei denen aufgrund der Lautstärke der Staub von der Decke rieselte.

Die produktionstechnisch mehr auf alte Kisten wie Roland Drum Machines als auf Klappcomputer vertrauende Helena Hauff hat auf Albumlänge auch die sanftere Vintage-Seite in sich entdeckt. Discreet Desires ist in seinem stimmigen Gesamtbild die exakte Schnittmenge oben beschriebener Zukunftsnostalgie. Was jetzt aber mit der Zukunft selbst geschehen soll, bleibt völlig unklar. (schach, Rondo, 11.9.2015)

  • Helena Hauff – Discreet Desires (Werkdiscs/Hoanzl)
    cover: werkdiscs

    Helena Hauff – Discreet Desires (Werkdiscs/Hoanzl)

Share if you care.