Von der Droge zur WM der Außenseiter

10. September 2015, 11:23
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48 Mannschaften spielen ab Samstag beim 13. Homeless World Cup. In die österreichische Auswahl für Amsterdam wurde auch Armin Leipert nominiert. Vier Jahre lang bestimmte Cannabis das Leben des Wieners

Obdachlose, Straßenzeitungsverkäufer, Flüchtlinge, aber auch trockene Alkoholiker und ehemalige Drogenabhängige: Es sind Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen oder vor kurzem standen, die ab Samstag beim Homeless World Cup in Amsterdam antreten. Ins Leben gerufen wurde das Straßenfußballturnier 2003 von der Caritas Steiermark und dem Weltverband der Straßenzeitungen, bei der Premiere auf dem Grazer Hauptplatz kürte sich die österreichische Auswahl gleich zum Weltmeister. Durch den sportlichen Erfolg, sagt Caritas-Präsident Michael Landau, sollen die Spieler Selbstvertrauen, Stolz und Bestätigung zurückgewinnen.

Auch Armin Leipert wird für das vom ehemaligen Bundesligaprofi Gilbert Prilasnig betreute österreichische Team auflaufen. "Es spielen hier Menschen mit, die alle mal in der Scheiße waren", sagt der 21-Jährige. Auch er blickt auf eine harte Zeit zurück. Seine ersten Joints rauchte Leipert mit 16 – anfangs nur an den Wochenenden, mit Freunden, rein aus Spaß. Mit der Zeit wurde sein Konsum exzessiver, er begann auch unter der Woche Marihuana-Zigaretten zu drehen, dröhnte sich immer öfter alleine zu. Oft gleich nach dem Aufstehen. "Viele glauben, Marihuana ist eh nur eine weiche Droge", sagt er. "Für mich war es aber fast der Untergang." Leipert begann sich zu verändern, kündigte seinen Job als Elektrotechniker bei Siemens, kapselte sich von Freunden ab. Der tägliche Rausch habe ihm die Flucht vor der Wirklichkeit ermöglicht. "Ich habe in meinem Leben überhaupt keinen Sinn gesehen und war leicht depressiv", nennt der gebürtige Wiener Gründe für seine Sucht.

Wieder leben lernen

Seit knapp 18 Monaten ist Leipert in Therapie. In Mönichkirchen am Wechsel bewohnt er das Haus Waldheimat, eine Einrichtung des Grünen Kreises. Der Verein hat sich die Rehabilitation und Integration suchtkranker Menschen zum Ziel gesetzt. Ärztinnen, Psychologen und Sozialarbeiter versuchen den Patienten in ein geordnetes Leben zu verhelfen. "Wenn ich gesagt habe, ich mache eine Therapie, haben sich die meisten eine Klapse darunter vorgestellt, mit Gittern und verrückten Menschen dahinter", sagt Leipert und lacht leise. Seine ab den Scheiteln langen, dunkelblonden Haare trägt er zu einem Zopf zusammengebunden. Sein unregelmäßig getrimmter Bart lässt ihn etwas älter aussehen, als er tatsächlich ist. Als er im Therapiezentrum ankam, habe er nicht schlecht gestaunt: Volleyballfeld, Tischtennisplatte, Wuzzler und Sauna. "Was für ein Luxus, habe ich gedacht."

Sein Alltag ist trotzdem streng reglementiert: Aufstehen um sieben. Dann eineinhalb Kilometer laufen, Frühstück, am Vormittag Beschäftigungstherapie, in der die Patienten verschiedenen Aufgaben nachgehen. Leipert war etwa Koch. "Am Anfang habe ich nicht einmal Zwiebeln schneiden können. Wenn ich Öl auf den Herd gestellt habe, hatte ich Angst, dass es gleich zu brennen beginnt", sagt er und lacht. An den Nachmittagen stehen zwei Stunden laufen, Krafttraining oder Fußball an. Mit Psychologen werden Strategien für den Umgang mit der Sucht entwickelt.

Geister der Vergangenheit

Der straffe Tagesablauf, sagt Leipert, sei "notwendig, um in das Leben der Patienten wieder eine Struktur zu bringen". Ebenso unvermeidbar: der Bruch mit Freunden, mit denen man früher gefeiert, getrunken, gekifft hat. Zu groß wäre die Gefahr, in negative Muster zurückzufallen. "Ich habe lange gebraucht, um den Kontakt abzubrechen", sagt er. Seine Stimme wird ernster.

Umso wichtiger sei es, neue Freundschaften zu schließen – etwa beim Homeless World Cup. Das österreichische Team trifft auf Griechenland, England, Polen, Peru und Simbabwe. "Ich freue mich auf den internationalen Austausch", sagt Leipert. "Da machen Menschen mit, die Ähnliches durchgemacht haben wie ich." (Kordian Prokop, 10.9.2015)

  • Armin Leipert spielt für das österreichische Homeless-Team in Amsterdam. Vier Jahre lang bestimmte Cannabis sein Leben.

    Armin Leipert spielt für das österreichische Homeless-Team in Amsterdam. Vier Jahre lang bestimmte Cannabis sein Leben.

  • Auf das Turnier in Amsterdam bereitet sich die österreichische Auswahl mit Trainingsspielen, Videoanalysen und Taktik-Besprechungen vor.
    foto: hwc-caritas

    Auf das Turnier in Amsterdam bereitet sich die österreichische Auswahl mit Trainingsspielen, Videoanalysen und Taktik-Besprechungen vor.

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