Koller: "Wir wollen uns keine Grenzen setzen"

9. September 2015, 17:57
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Teamchef Marcel Koller hat am Tag nach der Qualifikation für die EM in Frankreich ein optisches Zeichen gesetzt. Inhaltlich sprach er über die Klasse, den Stolz und das Vertrauen in seine Fußballer

Wien – Am Mittwochvormittag, es war wohl die erste ruhige und private Minute seit ein paar Tagen, hat Teamchef Marcel Koller einen Blick auf die Tabelle der Gruppe G geworfen. Unglaublich hat er sich gedacht, 22 Zähler nach acht Runden, lediglich England ist eine Spur besser. Um 13.30 Uhr ist Koller dann offiziell geworden, die Nachbetrachtung im Medienzentrum des Happel-Stadions stand an. Er hatte eine schwarze Baskenmütze aufgesetzt, trug ein Baguette unterm Arm. Der 54-jährige Koller lächelte die Müdigkeit weg (Ankunft aus Stockholm war um vier Uhr früh), setzte sich hinters Pult und sagte, er sei rundum "glücklich und stolz", freue sich sehr "für die Spieler, den Betreuerstab und alle Fans". Dennoch schwebe er nicht auf Wolke sieben. "Es geht immer weiter, im nächsten Spiel ist das vorangegangene egal", wobei das 4:1 gegen Schweden schon ein bahnbrechendes Erlebnis, ein Meilenstein fürs Selbstvertrauen gewesen sei. "Das Highlight meiner Trainerkarriere." Der Schweizer konnte "Wir sind noch nicht über die Linie getreten" aus dem Wortschatz streichen. "Jetzt gilt: Frankreich wir kommen."

Am Dienstag hatte sich in Solna Fußballhistorisches zugetragen, Österreich konnte sich erstmals sportlich für eine EM qualifizieren. Auf eine fulminante Art, sieben Pflichtspiele hintereinander wurden gewonnen. Montenegro und Liechtenstein sollten folgen, dann wären es neun. Bereits sieben hat noch kein ÖFB-Teamchef geschafft. Koller wurde in der Friends Arena von den Kickern in die Luft geworfen, er hatte kurz Angst, "dass sie unter mir weglaufen". Da es sich um eine wohlerzogene Mannschaft und keine Masochisten handelt, haben sie den Chef aufgefangen. Sie brauchen ihn. Das galt auch für Verbandspräsident Leo Windtner, der sich über den Beinamen "Der g'schupfte Leo" amüsierte.

Unbeirrt, ohne Seilschaften

Koller erzählte von den Anfängen vor vier Jahren, als er sich in Österreich zunächst mit einer merkwürdigen Euphorie, einem falschen Optimismus konfrontiert sah. Aber der Schweizer hat sein Konzept durchgezogen. Unbeirrt, ohne Seilschaften. Er wiederholte zum x-ten Mal die Eckpfeiler des Erfolgs: "Zuerst wurde im taktischen Bereich gearbeitet, die Defensive geordnet, ein aufwendiger Spielstil eingeführt. Es ging ums Vertrauen, ich setzte auf die gleichen Spieler. Auch wenn sie Probleme bei ihren Vereinen hatten. Sie gaben mir das Vertrauen immer zurück." Es sei gelungen, eine Wohlfühloase zu schaffen. "Sie kommen alle gerne, sie haben sich als Freunde gefunden, sie geben alles, sind mit Begeisterung dabei, setzen die Ideen um." Marko Arnautovic sagte in Solna: "Wir sind eine Familie."

Windtner verspürte "eine große innere Freude". Mit Koller sei die Nachhaltigkeit in den österreichischen Fußball eingezogen, wobei die Nachhaltigkeit schon vor zwölf Jahren ihren Ursprung hatte, "als die Akademien eingeführt wurden". Windtner verwies auf das 4:3 der U21 gegen Russland. "Es kommt etwas nach." In den nächsten Wochen oder Monaten wird der ÖFB-Präsident mit Koller über eine Vertragsverlängerung verhandeln. "Ich will vor der EM wissen, wer nach der EM Teamchef ist." Koller ist es davor und während. Windtner: "Ich will unbedingt, dass er bleibt. Natürlich kann die Zukunft nicht nur von einer Person abhängen."

Die Qualifikation wird vollendet, am 17. November steigt in Wien ein Test, wohl gegen die Schweiz. Davor wird in Spanien ein Trainingslager abgehalten. In Bälde wird das EM-Quartier in Südfrankreich gefunden sein. Gelost wird am 12. Dezember in Paris. Die Endrunde startet am 10. Juni, endet am 10. Juli 2016.

Koller sagte noch: "Über diese Mannschaft wird man den Enkelkindern erzählen. Wir wollen uns keine Grenzen setzen." Der Kader werde unverändert bleiben, die Familie kaum Zuwachs bekommen. "Aber wir halten die Augen offen." In der neuen Weltrangliste wird Österreich Elfter sein.

Die schwarze Baskenmütze hat Koller übrigens schon einmal getragen. Es war damit vor die versammelte Mannschaft getreten. "Sie hat eindrucksvoll kapiert, was ich damit gemeint habe." (Christian Hackl, 9.9. 2015)

  • Marcel Koller gönnte sich einen Bissen Brot. Es ist überall, aber besonders in Frankreich erhältlich.
    foto: apa/hochmuth

    Marcel Koller gönnte sich einen Bissen Brot. Es ist überall, aber besonders in Frankreich erhältlich.

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