Filmisches Fleisch in einer Welt von Duplikaten

9. September 2015, 16:49
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Das Filmfestival von Venedig punktet mit dem niedrig budgetierten Animationsfilm "Anomalisa" von Charlie Kaufman / Duke Johnson – und stellt in "11 Minutes" von Jerzy Skolimowski die Ampeln auf Eskalation

Ein Filmfestival ist ein Ort der unerbittlichen Wiederholung. Hinein ins Kino, hinaus aus dem Kino. Zwischen den Screenings ein Espresso, ein kurzes Gespräch, ein paar Sonnenstrahlen. Nach einer Woche führt dieser Rhythmus unweigerlich dazu, dass man von Fluchtwegen träumt, und so tritt man per Vaporetto die Überfahrt vom Lido in die Lagunenstadt an, um sich in der Kunstbiennale umzusehen.

Slalom durch den Raum

Dort haben viele Filmregisseure längst eine zweite Heimat gefunden, und im günstigeren Fall hat das den Vorteil, die Ordnung des Kinos einmal räumlich zu erweitern. Die belgische Regisseurin Chantal Akerman hat in ihrer Installation Now beispielsweise mehrere Leinwände so aufstellen lassen, dass man sich wie in einem Slalom durch den Raum bewegen muss. In unterschiedlichen Einstellungsgrößen wird man zum Zeugen einer rasenden Fahrt durch die Wüste. Auf der Tonebene meint man Schüsse, Zurufe, vereinzelt Schreie zu hören.

Ähnlich wie in Albert Serras Installation Singularity, die im katalanischen Pavillon zu sehen ist, wird hier der Blick des Zuschauers mobilisiert. Bei Serra ist es bei fünf simultan bespielten Leinwänden gar nicht mehr möglich, eine stabile Position einzunehmen. Dennoch entwickelt diese Anordnung von Tableaux, die von der kontinuierlichen Ablöse des Körpers im Computerzeitalter erzählen, erstaunliche Intimität.

Doch auch am Lido fand sich mit Charlie Kaufmans und Duke Johnsons Anomalisa endlich ein großartiger Film, der mit unseren Sehgewohnheiten spielt. Anomalisa ist ein mit kleinem Budget in Stop-Motion-Technologie gefertigter Animationsfilm mit leicht gedrungen wirkenden Menschenpuppen. Ihre Gesichter wirken dennoch realistisch, sieht man einmal von einer kleinen Lücke zwischen der oberen und unteren Hälfte ab. Die Puppen unterhalten sich wie wir, ja sie führen dasselbe armselige Dasein: So kommt es, dass man sich auf diese Geschichte um einen Experten in Dienstleistungskultur, der in Cincinnati Station macht, ganz so einlässt, als wäre sie mit richtigen Darstellern gefilmt.

Doch Anomalisa ist eben auch ein Film von Charlie Kaufman, dem geistreichen Kopf von Filmen wie Eternal Sunshine of a Spotless Mind oder Being John Malkovich. Die Geschäftsreise des innerlich ausgebluteten Michael (gesprochen von David Thewlis) gerät gleichsam zu zärtlicher Metaphysik, sobald er in seinem Hotel auf eine Frau trifft, die gerade ihre vermeintlichen Makel zum Unikum machen.

Lisa ist die Ausnahme, die Anomalie in einer Welt voller Duplikate – ein Umstand, dem der Film auch dadurch zum Ausdruck verhilft, dass alle anderen Figuren mit monotoner Stimme von Tom Noonan gesprochen werden. Kaufman reichert seine im Grunde recht überschaubare Geschichte mit absurden Einfällen, feinsinnigen Details an und findet einen betörend melancholischen Tonfall. Und wann hat man schon zwei Puppen im Kino bei einem ersten vorsichtigen Liebesakt zugesehen?

Auch die neuen Filme von Marco Bellocchio und Jerzy Skolimowski haben zuletzt das Niveau des bisher recht mittelmäßigen Festivals gehoben. Bellocchios Sangue del mio sangue (Blood of My Blood) vereint zwei Geschichten aus Bobbio um einen alten Konvent.

Ein Adrenalinschub

Die erste, ein Historienstück, dreht sich um eine angeblich vom Teufel besessene Frau, die anderen, eine grelle Gegenwartssatire, verweist auf den Ausverkauf Italiens an internationale Finanziers. Bellocchio treibt hier gleich mit mehreren heiligen Kühen Italiens seine Späße und wechselt dabei vergnügt die Tonarten.

Skolimowksi hingegen beweist in 11 Minutes seine Qualitäten als visueller Choreograf. Aus elf Minuten aus dem Leben seiner Figuren erstellt er ein Panorama paralleler Abläufe, in denen alle Ampeln auf Eskalation geschaltet sind. Das Ergebnis ist nicht so sehr als Erzählung interessant, sondern als formal souveräne Versuchsanordnung, die einen filmischen Raum in der Simultanität öffnet. Auch ein Adrenalinschub wie dieser tut der Mostra hin und wieder ganz gut. (Dominik Kamalzadeh, 9.9.2015)

  • Augenblick aus einem Panorama paralleler Abläufe: Jerzy Skolimowskis Film "11 Minutes" (im Bild: Dawid Ogrodnik) glänzt bei der Mostra als ein Musterbeispiel für gekonnte visuelle Choreografie. Ein dringend willkommener Vitaminstoß für das diesjährige venezianische Filmprogramm.
    foto: jaworski

    Augenblick aus einem Panorama paralleler Abläufe: Jerzy Skolimowskis Film "11 Minutes" (im Bild: Dawid Ogrodnik) glänzt bei der Mostra als ein Musterbeispiel für gekonnte visuelle Choreografie. Ein dringend willkommener Vitaminstoß für das diesjährige venezianische Filmprogramm.

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