Wie Flüsschen und Bäche zur Entwicklung Wiens beitrugen

13. September 2015, 07:00
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Wiener Ausstellung zeigt einen historischen Rückblick – inklusive der Lehren, die daraus für die Gegenwart zu ziehen sind

Wien – Heute fließt der Donaustrom gut reguliert in einigem Respektabstand am Zentrum der Stadt vorbei, und viele der kleineren Gewässer, die vorwiegend aus dem Wienerwald kommen, sind im Untergrund verschwunden. Doch vom Mittelalter bis teilweise zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie dynamische Systeme, die den Stadtbewohnern mitunter große Schwierigkeiten machten, aber auch viel zur Entwicklung Wiens beitrugen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und anschauliche Geschichten dazu präsentiert die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Uni Klagenfurt mit Kollegen in einer Ausstellung im Wiener Stadt- und Landesarchiv.

Kein Wachstum ohne Infrastruktur

Als Wien Stadt Ende des 19. Jahrhunderts rasch wuchs, waren die Fließgewässer zum Beispiel wichtig für die Versorgung der Wiener mit ihrem täglichen Brot. Weil Mehl in vorindustriellen Zeiten fast nicht transportabel war, musste man es an Ort und Stelle aus hergekarrtem Korn mahlen. Die Plätze, wo man Getreidemühlen anlegen konnte, waren aber bald besetzt, erklärte Winiwarter. "Es gab etwa am Wienfluss etliche Mühlbäche, in die so viel Wasser ausgeleitet wurde, dass man im Sommer in seinem trockenen Bett spazieren gehen konnte", sagte sie. Wer heute die Mollardgasse in Wien-Mariahilf entlanggeht, folge übrigens genau dem Pfad eines solchen früheren Mühlbaches.

Die Stadt wuchs weiter und die Menschen stellten Mehl bald zusätzlich in Schiffsmühlen her. "Es gab eine unglaubliche Zunahme an Schiffsmühlen, zum Beispiel an der heutigen Alten Donau gab es hunderte Liegeplätze", so die Forscherin. Dort entstanden bald Vergnügungszentren mit Freuden- und Gasthäusern, in denen sich die Leute aufhielten, während ihr Getreide gemahlen wurde. In einem vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt, dessen Ergebnisse in der Ausstellung präsentiert werden, habe man gelernt, dass die Siedlungsentwicklung von den Schiffsmühlen mitgeprägt wurde.

Von Sumpfgebieten bis zur Kanalisation

Eine weitere neue Erkenntnis sei, dass die Wiener die Liesing schon viel früher als bisher angenommen zu zähmen versucht haben. Im Oberlauf wand sich das Flüsschen durch ein breites Schotterbett, danach mäanderte es durch ein Sumpfgebiet. "Dieses wurde trockengelegt, und es gibt noch heute Reste von Drainagekanälen", sagte Winiwarter. "Wir wissen nun sicher, dass schon 1755 eine große Entwässerung durchgeführt worden ist, und nicht erst bei den großen Regulierungen ab 1939", erklärte sie. Die trockengelegten Flächen konnten fortan landwirtschaftlich genutzt werden.

"Viele Wienerwaldbäche sind heute unverzichtbarer Teil der Kanalisation, die eine der wirksamsten Maßnahmen gegen die Cholera war", so Winiwarter. Sie verlaufen nun unterirdisch, wie etwa der Währinger Bach, der im Stadtplan heute als "Bertha-Löwi-Weg" (Alsergrund) sichtbar ist. "Weil man nicht direkt auf dem Bach bauen konnte und durfte, ist dort eine winzige Schneise freigeblieben, und die Bachbettverbauung ist heute ein begrünter Fußweg", sagte sie.

Die Nummer 1 unter den Flüssen

Die Schau kommt natürlich nicht ohne die Donau aus, "weil sie ein entscheidender Teil des Gewässersystems ist", erklärte die Forscherin. So wird etwa ein Archivfoto eines Eisstoßes 1929 mit der Reichsbrücke im Hintergrund gezeigt. Eisschollen würden an Brückenpfeilern leichter hängen bleiben und einen Damm aus Eis bilden. Dadurch wurden öfters die Brückenpfeiler beschädigt, wie die Forscher etwa auch aus englischen Zeitungen aus den Spätwintern 1718, 1726, 1743 und 1747 erfahren konnten. Durch den Brückenbau hätten sich die Menschen "selbst empfindlicher gegen ein Naturphänomen gemacht, etwas, das man auch in Zeiten des Klimawandels bedenken sollte", so Winiwarter.

Regulierung versus natürliche Dynamik

In der Ausstellung und dem begleitenden Katalog zeige man auch die Gewinner und Verlierer der Gewässer-Modernisierung. "Seit dem 19. Jahrhundert homogenisierten die Stadtplaner und Ingenieure diese einst vielfältige Gewässerlandschaft und kontrollierten sie damit", sagte sie.

Früher hätten hingegen zum Beispiel Müller, Brückenbauer, Eisschneider (die in Au-Kellern im Winter gesammeltes Eis als Kühlmittel lagerten), Glas- und Ziegelmacher (die das rasch wachsende Auholz für ihre Öfen benötigten), Fischer und Militärstrategen diverse Interessen an dem Flussgebiet gehabt und lokal in das Gewässernetzwerk eingegriffen. "Solche oft faszinierenden Einzellösungen wurden durch eine große infrastrukturelle Gesamtlösung ersetzt", so Winiwarter. Aus dem multifunktionalen Gewässersystem entstand so eine monofunktionale technische Infrastruktur.

Doch die Dynamik der Natur würde niemals aufhören. "Die Wiener und Wienerinnen wurden durch das Wasser ebenso diszipliniert wie umgekehrt", erklärte die Umwelthistorikerin. Heutzutage seien die Städter gezwungen, zu erhalten, was ihre Vorfahren errichtet haben. Womit diese sich von den Zwängen der Natur befreiten, würde die Menschen heute einschränken. (APA/red, 13. 9. 2015)


Ausstellung "Wien und seine Gewässer. Eine turbulente Umweltgeschichte" im Wiener Stadt- und Landesarchiv; 11., Guglgasse 14; Zugang über Gasometer A, Foyer im 4. Stock, geöffnet bis 26. Februar, Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag: von 9.00 bis 15.30 Uhr, Donnerstag: von 9.00 bis 19.00 Uhr

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