"Masters of Sex" mit Block und Bleistift

10. September 2015, 12:47
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Als Sexualforscher in den Sixties bewegt sich Michael Sheen auf glitschigem Parkett. Die dritte Staffel gibt es auf DVD und ab 15. September bei Sky

Wien – Dass jemand auf die Idee kommen könnte, "Masters of Sex" mit "Mad Men" zu vergleichen, ist für Michael Sheen "nicht nachvollziehbar". Nur weil beide Serien in den Vereinigten Staaten der 1960er-Jahre mit aufwendigen Requisiten und originalgetreuer Kleidung spielen? Das sei doch kein Grund, sagt Sheen: "Viele Filme spielen in der Zeit. Kein Mensch käme auf die Idee, sie miteinander zu vergleichen", sagt der Hauptdarsteller von "Masters of Sex". Abgesehen davon habe er "Mad Men" "nie gesehen". Punkt.

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Trailer zur dritten Staffel von "Masters of Sex".

Nun ja, ein Standpunkt. Fakt ist aber doch, dass die Serie über das Sexualforscherpaar William Masters und Virginia Johnson nicht nur beim Sixties-Style frappante Ähnlichkeiten aufweist und in etwa dieselben Themen – Fortschritt, Umbruch, Prüderie, Machotum, erstarkende Frauenrechte, sexuelle Revolution – mit Schwung und Chic verhandelt. Umgekehrt wird definitiv weniger geraucht, vielleicht auch weniger Alkohol getrunken. Und "Mad Men" ist seit Mai Geschichte, "Masters of Sex" seit Juli in der dritten Saison, in Österreich startet sie auf Sky Atlantic HD am 15. September.

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Trailer zur ersten Staffel von "Masters of Sex".

Nach realem Vorbild forscht Michael Sheen mit Filmpartnerin Liz zy Caplan. Masters und Johnson studierten ab den 1950er-Jahren Sexualpraktiken. Sie zeichneten penibel jedes Rubbeln, Reiben, Schieben, Stoßen, Stöhnen auf, das ihnen beim Geschlechtsverkehr als bedeutsam erschien und entwickelten Modelle und Muster – zu jener Zeit ein empörend offener Zugang zum tabuisierten Thema.

Ziemliches Unbehagen

Der verkorkste Umgang mit dem Thema ist für Sheen kein Ding der Vergangenheit: Das Thema Sex sei einerseits "kommerzialisiert und sensationalisiert, und es besteht ein großes Interesse daran", sagt der 46-jährige Brite. "Aber gleichzeitig erzeugt die Art, wie wir mit unserer Sexualität umgehen, ein ziemliches Unbehagen. Wenn wir Sex haben, sind wir nackt, physisch, aber auch emotional. Wir versuchen die Zuschauer damit zu konfrontieren."

foto: showtime
Michael Sheen in "Masters of Sex".

Sheen spielt den Doktor mit größtmöglicher Zurückhaltung und Bemühen um Korrektheit in allen Lebenslagen. Die Figur so anzulegen war für ihn schlüssig: "Nachdem ich das Drehbuch zur Pilotfolge und das Buch über William und Virginia gelesen hatte, bekam ich ein Gefühl, wie dieser Mann wurde, was er war."

Vierstufenmodell

Das Geheimnis steckt in der Kindheit, sagt Sheen: "William wurde als Kind von seinem Vater missbraucht. Für mich entstand das Bild eines Mannes, der als Kind sehr verletzt wurde. Es war faszinierend, einen Charakter zu erforschen, der so hochmotiviert, so intelligent und so rational vorging und gleichzeitig in gewisser Weise psychisch verkrüppelt und sehr defensiv war.

Mit ihrem "Vierstufenmodell der sexuellen Reaktion" waren Masters und Johnson ihrer Zeit voraus. Kritisiert wurden sie später vor allem für Therapieansätze zur "Heilung" von Homosexualität.

foto: showtime
Frau oder Studienobjekt? Dr. William Masters (Michael Sheen) wägt offensichtlich ab.

Für eine Serie bietet all das reichlich Gelegenheit für Dialoge und Handlungen, die sich im spannungsreichen Spagat zwischen trockenem Forschersinn, feuchter Materie und glitschigen Alltagssituationen bewegen.

Denn die Wissenschaft ist das eine – aber die andere Herausforderung ist die Realität, und so müssen auch Forschermütter mit der neuerdings so offensiv ausgelebten Sexualität ihres Nachwuchses Probleme leben lernen, und an Männern – selbst wenn sie so sensibel wie William Masters sind – verzweifeln, weil Fehlverhalten in Zeiten der Gleichberechtigung einfach stärker auffällt.

foto: showtime
Wissen sich manchmal keinen Rat: Caitlin Fitzgerald und Lizzy Caplan (rechts).

Dass eine Journalistenmeute das nicht wahrhaben will und die Präsentation des bahnbrechenden Werkes in der Luft zerreißt, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Die Zeiten werden härter – und besser.

Das spielfreudige Ensemble gewinnt mehr und mehr an Schwung, was nicht darüber hinweghilft, dass die Einschaltzahlen seit längerem schwächeln. Nichtsdestotrotz ist eine vierte Staffel bestätigt. (Doris Priesching, 10.9.2015)

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