Bekenntnis zum Atheismus: Die gottlose Pfarrerin aus Toronto

10. September 2015, 05:30
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Eine atheistische Pfarrerin bekennt sich öffentlich zu ihrer Einstellung und sät damit Aufruhr in der protestantischen United Church of Canada

Die christliche Pfarrerin Gretta Vosper findet einige Geschichten in der Bibel abscheulich. "Sie sollten nie in der Kirche vorgetragen werden", sagt sie. "Wir steinigen nicht mehr untreue Ehepartner oder töten unsere Kinder, wenn sie böse Worte an uns richten." Die 57-jährige Kanadierin aus Toronto macht kein Geheimnis daraus, dass sie weder an Gott noch an die Heilige Schrift glaubt.

Sie nennt sich öffentlich Atheistin und findet, dass Handlungen viel wichtiger seien, als das, woran man glaube. Für eine Pfarrerin der United Church of Canada (UCC), der größten protestantischen Kongregation im Land, sind das ungewohnte Töne. Lange hat die als liberal geltende Leitung der Kirche beide Augen zugedrückt.

Öffentlicher Brief

Aber dann erhielt sie einen öffentlichen Brief von Gretta Vosper, in dem sie die Kirchenoberen sinngemäß auffordert, sie sollten nun ernsthaft den Gebrauch des Wortes "Gott" überdenken. Als Antwort hat die Führung Schritte zu einem Verfahren eingeleitet, das zur Enthebung der kontroversen Pfarrerin führen könnte. So etwas ist in der Geschichte dieser Kirche noch nie vorgekommen.

"Ich bin schockiert", sagt Gretta Vosper. Sie sieht keinen Grund, warum sie als Pfarrerin entlassen werden müsste – selbst nach dem öffentlichen Brief. "Das war nach der brutalen und religiös motivierten Attacke auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo' in Paris", rechtfertigt sie sich. "Ich finde, es ist gefährlich, zu sagen, dass wir Dinge tun, weil Gott uns dazu auffordert." Grauenhaftes könne passieren, wenn Religion als Waffe eingesetzt werde.

Kein Vaterunser mehr

Die Mitglieder ihrer Kirchgemeinschaft in Toronto unterstützen Vosper, selbst wenn sie sagt: "Ich glaube nicht an ein höheres, übernatürliches, göttliches Wesen." Aber als sie vor sieben Jahren das Vaterunser aus dem Programm nahm und die Wörter "Jesus" und "Gott" aus den Hymnen strich, verlor sie rund hundert Kirchenmitglieder. Seither sind fast so viele dazugekommen, sagt sie.

Die Leitung der United Church befindet sich in einer heiklen Situation. Ihre Mitgliederzahl ist von 1,1 Millionen im Jahr 1964 stetig zurückgegangen. Heute sollen es noch 450.000 Kirchgänger sein. Bereits vor drei Jahren schrieb die kanadische Zeitung "The Globe and Mail" vom "Kollaps der liberalen Kirche". Die katholische Kirche hingegen hat seither deutlich mehr Gläubige gewonnen, auch der Buddhismus und der Islam. Was solche Glaubensgemeinschaften stärkt, sind die Immigranten: Zwischen 2001 und 2011 wanderte fast eine halbe Million erklärter Katholiken in Kanada ein.

Vosper will kämpfen

Gretta Vosper sieht sich als Repräsentantin eines anderen Trends: "Es gibt viele Kanadier, die nicht an einen Gott glauben, den man um Dinge bitten kann, und dann bekommt man sie", sagt sie. "Das ist doch total überholt."

Vosper schätzt, dass zwei Drittel ihrer geistlichen Kollegen kein traditionelles Gottesbild hätten. Aber keiner von ihnen nennt sich öffentlich Atheist. Am einfachsten wäre es für die United Church, wenn Vosper zurücktreten würde. Sie indes will kämpfen. Wie man sich auch immer entscheide, so Vosper, eines stehe fest: "Viele Leute werden wütend sein." (Bernadette Calonego aus Vancouver, 10.9.2015)

  • Gretta Vosper sieht sich als Repräsentantin eines neuen Trends.
    foto: gretta vosper

    Gretta Vosper sieht sich als Repräsentantin eines neuen Trends.

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