"Flirting with Strangers": Blick-Techtelmechtel und der erste Streit

9. September 2015, 17:38
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Die Sammlungspräsentation im 21er-Haus erteilt Systematik und Chronologie bewusst eine Absage

Wien – Das erste Geplänkel ist oft eines mit den Augen: Dem ersten Blickkontakt folgt ein zweiter, längerer, womöglich ein Zwinkern. So bahnen sich Abenteuer unter einander im Grunde Wildfremden an: in der Liebe – wie in der Kunst.

"Flirting with Strangers" nennt sich daher sehr passend das aktuelle Unterfangen zur Präsentation der Sammlung im 21er-Haus. Ob die Wahl nun auf die junge Frau mit den keck im Dekolleté verstauten Orangen (Erwin Wurm) fällt, einen Turm aus 18 Teekannen (Johannes Vogl) oder auf den knuffigen Teddy im Eck, der per Message-Shirt offeriert "call me maybe" (Salvatore Viviano): Über erste Sympathien entscheidet das Auge, der Charakter des Gegenübers schält sich erst nach und nach heraus.

Aber langsam: Am Anfang war die Aufgabe, aus mehr als 7.000 Werken eine lebendige Ausstellung der stetig wachsenden Kollektion (allein seit 2007 wurden 1.511 Arbeiten erworben) zu entwickeln. Und es gab den Willen der Kuratoren, Luisa Ziaja und Severin Dünser, nicht zwanghaft zu systematisieren, nicht krampfhaft Zusammenhänge zu konstruieren, um so Sinn zu stiften. Mit einem Haufen Individualisten aus einer Gegenwartskunst ohne "Ismen", die sich ohnehin gegen Vereinnahmung und Schubladisierungen wehrt, würde das sowieso fast an Unmöglichkeit grenzen – oder Gewalt. Aber ist nicht auch das Problem, dass die Sammlung zu sehr in die Breite gegangen ist, es ihr an Profil mangelt?

Spiel statt strenger Ordnung

Die Strategie: alle strenge Ordnung fahrenlassen und dem Spiel den Vorzug geben; Kunstwerke quer durch Stile und Strömungen – generationsübergreifend, ja mitunter Jahrhunderte überspannend – nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Betrachter flirten lassen; Cliquen bilden aus Ähnlichem, wobei die Ähnlichkeiten beiläufig oder auch weit hergeholt sein dürfen. Warum nicht.

Und so treffen sich nun in der – durch Holzwände räumlich nicht mehr ganz so – "offenen Ausstellung" 130 Arbeiten von mehr als 100 Künstlern in Cliquen, die man grob mit einfachen Begriffen wie "Raster" oder "Farbfeld" überschreiben könnte, mit "Stapel", "Tier" oder "häuslicher Alltag". Zwischen den Arbeiten soll "etwas entstehen", wie es heißt. Aber was ist das?

Beispiel "Denkerpose": Für ein düster-dramatisches Fotoporträt, das Auguste Rodin 1902 bei Edward Steichen in Auftrag gab, inszenierte sich der Bildhauer als Gegenüber seines in mystisches Dunkel getauchten "Denkers". Bei Maria Lassnig, die 1974 auf einem Doppelselbstporträt ebenfalls mit einem eigenen Werk posiert, ist die Denkerpose eher typisch weiblich, wird also zur zermürbten Sich-den-Kopf-Zerbrecherin. Und bei Maja Vukoje wird der Kartoffelkopf einer hybriden Persönlichkeit irgendwann auch so schwer, dass er der Stützung bedarf.

Kosmos der eigenen Befindlichkeiten

Aber: Darf man das? Wirklich? "Sortieren" jenseits der objektivierbaren Kriterien des musealen Sammelns, die ja schlüssig und logisch sein und die Zeit überdauern sollen, also bestenfalls auch noch von immerwährender Relevanz sind? Zumindest dieser letzte, schier utopische Anspruch bringt uns einer bejahenden Antwort ganz nahe. Ändert sich doch die Relevanz der Werke, nicht nur im gesellschafts- und kulturpolitischen Kontext, sondern auch ganz simpel im Kosmos der eigenen Befindlichkeiten. Womit wir wieder beim Flirten wären.

Außerdem bleibt es ja – wenn echte Gefühle im Spiel sind – nicht nur beim Schauen. Das Visuelle diente nur der (Ver-)Lockung. Tiefergehende Gespräche – Stichwort: Bedeutungskontexte – finden auf der zweiten Ebene der Schau statt: in der Ausstellungsbroschüre. Beides miteinander zwangszuverheiraten? Da taucht der Krampf wieder auf – und womöglich auch der Unsinn.

Zu viel Harmonie

Je mehr Harmonie, so könnte allerdings eine These lauten, umso weniger wird geredet und konstruktiv gestritten. Und so fügen sich Edvard Munchs nackte Männer am Meer am Ende womöglich zu reibungslos in die feministischen Körperpolitiken von Kiki Kogelnik und Elke Krystufek. Mit übersexualisierten Frauentypen zu seiner Rechten und einem männlichen Akt aus Frauenhand zu seiner Linken. Darum: Sät Zweifel! Sät Konflikte!

Beharrt man allerdings darauf, dass Ausstellungen der jüngsten Kunstgeschichte Struktur verleihen sollen, Orientierung bieten im Kunstdschungel, dann wird hier Komplexität eher auf- denn abgebaut.

Man wollte "gar nicht erst versuchen, etwas wie Kunstgeschichte zu erzählen", sagt Ziaja. Trotz Skepsis erscheint das experimentelle und hier einmal auch gelungene Konzept sogar die ehrlichere Alternative zur zwangssystematisierten Präsentation einer in alle Richtungen zu vielgestaltigen Sammlung zu sein. (Anne Katrin Feßler, 9.9.2015)

21er-Haus, bis 31. 1.

Ansichtssache: Mehr Arbeiten aus der Sammlungspräsentation "Flirting with Strangers" im 21er-Haus

  • Eine jener kurzen Performances, zu denen Erwin Wurm gerne anstiftet: "Frau mit Orangen" aus dem Jahr 2000.
    foto: belvedere, bildrecht, wien, 2015/16

    Eine jener kurzen Performances, zu denen Erwin Wurm gerne anstiftet: "Frau mit Orangen" aus dem Jahr 2000.

  • Maria Lassnig: "Doppelselbstporträt mit Kamera" (1974).
    repro: belvedere, bildrecht, wien, 2015/16

    Maria Lassnig: "Doppelselbstporträt mit Kamera" (1974).

  • Maja Vukoje: "Patata" (2013).
    repro: belvedere, bildrecht, wien, 2015/16

    Maja Vukoje: "Patata" (2013).

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