NFL-Chef Goodell unter Druck

9. September 2015, 14:33
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Roger Goodell musste schon vor Saisonauftakt die erste Niederlage hinnehmen

Das Duell der beiden Quarterback-Giganten Tom Brady und Ben Roethlisberger elektrisiert regelmäßig tausende von Football-Fans. Auch im diesjährigen Auftaktspiel der National Football League (NFL) zwischen den New England Patriots und den Pittsburgh Steelers kommt es zu diesem exorbitanten Kräftemessen – obwohl es lange nicht danach ausgesehen hat. Tom Brady, 38, viermaliger Super-Bowl-Champion, war in einen der aufsehenerregendsten Betrugsskandale der jüngsten Sportgeschichte verwickelt.

Es ist keine Kleinigkeit, die Brady vorgeworfen wird: Zwei Mitarbeiter der Patriots sollen vor dem Halbfinale gegen die Indianapolis Colts mit seinem Wissen Bälle manipuliert haben, indem sie Luft aus den Leder-Eiern ließen, sodass der Druck unter das erlaubte Limit fiel. Dazu muss man wissen: NFL-Teams benutzen bei eigenen Spielzügen eigene Bälle, weichere Spielgeräte lassen sich präziser werfen. Die Liga, rund um Commissioner Roger Goodell, beauftragte den Rechtsanwalt Ted Wells, den Fall zu untersuchen. In seinem abschließenden Ermittlungsbericht, dem Wells-Report, enthüllte er, dass es "eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich" ist, dass zwei New-England-Mitarbeiter Bälle manipuliert haben. Er legte außerdem nahe, dass Brady zumindest allgemeine Kenntnis davon gehabt haben muss. Goodell ließ den Star-Quarterback für die ersten vier Saisonspiele suspendieren. Nachdem die Spielergewerkschaft NFLPA gegen das Urteil vor Gericht gezogen war, wurde die Sperre nun aufgehoben.

Spielergewerkschaft gegen Goodell

NFL-Chef Roger Goodell steht jetzt noch stärker in der Kritik, als er es ohnehin schon tat. Dass die Spielergewerkschaft die Aufhebung eines von ihm gefällten Urteils bewirkte, ist kein Einzelfall. In prägender Erinnerung bleibt etwa die Strafe gegen Ray Rice. Anfang 2014 erschütterte der damalige Runningback der Baltimore Ravens die amerikanische Sportwelt, indem er seine damalige Verlobte (und jetzige Frau) Janay Palmer in einem Lift bewusstlos schlug. Die NFL sperrte Rice zunächst für zwei Spiele. Erst als das Klatschportal TMZ einen Clip veröffentlichte, auf dem zu sehen war, wie Rice zuschlägt, suspendierte ihn Goodell für unbestimmte Zeit – ein bürokratischer Fehler, wie sich herausstellte. Die Spielergewerkschaft bemängelte, dass Rice für ein und dasselbe Vergehen zweimal bestraft worden war, und behielt recht. Rice' Sperre wurde von einem US-Gericht aufgehoben.

Ähnliches passierte Goodell bei der Suspendierung Greg Hardys. Im Februar 2014 würgte der Defensivspieler, der mittlerweile bei den Dallas Cowboys unter Vertrag steht, seine damalige Freundin und drohte, sie umzubringen. Goodell sprach diesmal eine drakonische Strafe aus und ließ Hardy für zehn Spiele suspendieren. Der Commissioner versuchte mit einer harten Linie wieder Ordnung in die lukrativste Sportliga der Welt zu bringen, die nicht nur von ihren Fans immer stärker kritisiert wurde. Auch bedeutende Sponsoren wie der Brauerei-Riese Anheuser-Busch äußerten ihren Unmut über die lasche Vorgehensweise der Liga gegen straffällig gewordene Spieler.

Auch gegen das Hardy-Urteil legte die NFLPA erfolgreich Protest ein. Die Sperre wurde auf vier Partien reduziert. Ungeschickt verhielt sich Goodell auch bei der Suspendierung von Star-Running-Back Adrian Peterson, der im Mai 2014 seinen vierjährigen Sohn mit einem Ast blutig geschlagen hatte. Goodell sperrte Peterson für den Rest der Saison und beging auch diesmal einen schwerwiegenden Fehler: Peterson war unter Maßstäben von neuen, härteren NFL-Richtlinien gegen häusliche Gewalt bestraft worden, die allerdings erst im August in Kraft traten – Peterson hatte seinen Sohn bereits im Mai misshandelt.

Willkürliche Entscheidungen

Die Kritik der Spielergewerkschaft an den Entscheidungen Goodells ist immer wieder dieselbe: Der NFL-Chef verstoße mit seinen Urteilen gegen die Richtlinien des Collective Bargaining Agreement, einer Vereinbarung zwischen der Liga und der NFLPA, durch die etwa geregelt wird, wie Athleten, die sich etwas zuschulden kommen lassen, bestraft werden. Goodell handle in vielen Fällen willkürlich und übersteige seine Kompetenzen, so die Gewerkschaft. Die NFL fasst ihre Benimmregeln wiederum in der Personal Conduct Policy zusammen, die laut vielen Rechtsexperten zu unklar formuliert ist.

Richter Richard Berman ging es beim Brady-Urteil nicht darum, ob der Star-Quarterback tatsächlich an der Manipulation von Spielbällen beteiligt war und ob sich durch weichere Bälle für die Patriots, die später immerhin den Super Bowl gewannen, ein Vorteil im Spiel gegen die Colts ergeben hatte. Er konzentrierte sich auf die Frage, ob Goodell durch das Bargaining Agreement für Bradys (mögliches) Vergehen überhaupt das Recht hatte, die Strafe zu verhängen, die er verhängt hat. Er fragte sich auch, ob Brady während seiner Versuche, die Sperre aufzuheben, von der NFL fair behandelt worden sei. Beide Fragen beantwortete der Richter mit Nein.

Brady habe, sagt Berman, nicht gewusst, dass er suspendiert werden könne, wenn er "allgemeine Kenntnis" von einer Manipulation der Spielbälle gehabt hätte. Auch nicht dann, wenn er selbst daran beteiligt wäre oder mit Ermittlern nicht kooperiert hätte. "Keine NFL-Richtlinie und kein Präzedenzfall setzt die Spieler in Kenntnis, dass sie bestraft (oder sogar suspendiert) werden können wegen einer allgemeinen Kenntnis über das Fehlverhalten anderer", schrieb er in seinem 40-seitigen Urteil.

Unabhängigkeit der Ermittlungen hinterfragt

Auch wenn die Liga Brady vorwirft, die Ermittlungen behindert zu haben, indem er sein Handy zerstören ließ: Es gebe keine Hinweise auf frühere Sperren, die nur deshalb verhängt wurden, weil ein Spieler die Ermittlungen der Liga beeinträchtigt hätte, so der Richter.

Auch die Unabhängigkeit des Wells-Reports wurde infrage gestellt. An der von der Liga in die Wege geleiteten Untersuchung wirkte immerhin Jeff Pash, Chefjurist der NFL, mit. Pash soll den Entwurf laut der NFL lediglich lektoriert haben. Die Anwälte Bradys sahen das freilich anders, verdächtigten Pash, die Ermittlungsergebnisse beeinflusst zu haben, und wollten ihn darüber befragen. Dazu kam es nicht, Goodell stellte sich dagegen. Brady sei durch dieses Verhalten von der Liga "fundamental unfair" behandelt worden, entschied Richter Berman.

Die NFL kündigte an, gegen das Urteil in Berufung zu gehen, das Duell Roger Goodell gegen die Spielergewerkschaft geht somit in die nächste Runde. Auf seinen traditionellen Stadionbesuch zum Saisonauftakt verzichtet der Commissioner diesmal. "Herr Goodell glaubt, dass der Fokus auf dem Spielfeld sowie den Feierlichkeiten der Patriots liegen sollte", gab ein Sprecher der Liga bekannt. Egal, wie das Verfahren ausgeht, die Saison wird für Goodell keine leichte werden. Die Liga hat ein Problem mit gewalttätigen Spielern, das wird sich in absehbarer Zukunft nicht ändern. Goodell wird weiterhin Sperren aussprechen, die Spielergewerkschaft wird sich dagegen auflehnen. Abzuwarten bleibt, ob Goodell in der nächsten Saison die eigenen Richtlinien ernst nehmen wird. (Kordian Prokop, 9.9.2015)

  • Nächster herber Rückschlag für NFL-Chef Roger Goodell. Die Vier-Spiele-Sperre, die er über Tom Brady verhängt hatte, wurde von einem US-Gericht aufgehoben.
    foto: brendan mcdermid

    Nächster herber Rückschlag für NFL-Chef Roger Goodell. Die Vier-Spiele-Sperre, die er über Tom Brady verhängt hatte, wurde von einem US-Gericht aufgehoben.

  • Patriots-Quarterback Tom Brady in ungewöhnlichem Outfit. Er darf nun doch beim Saisonauftakt gegen die Pittsburgh Steelers seine berüchtigten Pässe werfen.
    foto: brendan mcdermid

    Patriots-Quarterback Tom Brady in ungewöhnlichem Outfit. Er darf nun doch beim Saisonauftakt gegen die Pittsburgh Steelers seine berüchtigten Pässe werfen.

  • Im Februar 2014 verprügelte Runningback Ray Rice seine damalige Verlobte.  Die Spielergewerkschaft bewirkte eine Reduzierung seiner Sperre von zehn auf vier Spiele.
    foto: mike segar

    Im Februar 2014 verprügelte Runningback Ray Rice seine damalige Verlobte. Die Spielergewerkschaft bewirkte eine Reduzierung seiner Sperre von zehn auf vier Spiele.

  • Der Wells-Report enthüllt: Brady hat zumindest "allgemeine Kenntnis" davon gehabt, dass zwei Patriots-Mitarbeiter Spielbälle manipuliert haben.

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