Keine Doktorspielchen mehr

Kommentar8. September 2015, 18:09
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Ärztevertreter und Politik sollen ihre Differenzen offen und transparent austragen

Man kann die jüngste Drohung der Ärztekammer als Novum im ansonsten eher wohltemperierten Sozialpartner-Österreich bezeichnen: Dass jemand schon mit Vertragsauflösungen droht, noch bevor Verhandlungen über ein Gesetz aufgenommen wurden, das kennt man bis dato nicht einmal vom streitbaren öffentlichen Dienst.

Dass die Ärztevertretung so massiv auf den Plan der Gesundheitsministerin reagiert, Primärversorgungszentren für Patienten in Österreich zu ermöglichen, ist aus Sicht der Gegenseite (in dem Fall der Krankenkassen) sonnenklar. Die Kammer fürchte wohl um Macht und Einfluss, hieß es in einigen Aussendungen. Diese Darstellung ist auch Teil des politischen Hickhacks, sie wird dem Verhandlungsklima insgesamt nicht guttun. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich ÖVP-Gesundheitssprecher und Hausarzt Erwin Rasinger von SPÖ-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser nicht fair eingebunden fühlt.

Logisch ist die massive Reaktion der Ärztekammer dennoch nicht. Eine bundesweite Aufkündigung der Kassenverträge ist nicht nur für die Patienten schlecht, auf Dauer leiden alle Beteiligten am vertragslosen Zustand, etwa auch Ärzte, die gerade dabei sind, ihre Ordinationen zu übergeben.

Die Ärzte haben überdies dem grundsätzlichen Beschluss der Bundeszielsteuerungskommission für die Errichtung der "primary healthcare centres" (PHC) – nach einigem politischem Hin und Her – zugestimmt. Und das aus gutem Grund: Seit Jahren beklagen die Ärztevertreter die Überlastung der Spitalsambulanzen – und damit der dort beschäftigten Mediziner. Die Entlastung dieses Bereichs ist sinnvoll, auch im Interesse der Patienten, die oft stundenlang warten. Dass dies aber nur funktioniert, wenn man eine "9 to 5"-Versorgung, und das möglichst an jedem (Arbeits-)Tag der Woche, sicherstellt, war klar.

Dass sich für die Ärzte dadurch einiges ändern wird, ist ebenso absehbar: Für jene, die diese Versorgungszentren betreiben, soll es ein eigenes Vertragssystem mit den Krankenkassen geben, dafür wird auch mehr Verbindlichkeit, etwa bei der Versorgung chronisch Kranker im extramuralen Bereich, verlangt. Man wird wohl auch über die Tarifsätze im Gesundheitsbereich insgesamt sprechen müssen: Rundum-Versorgung zum Billigtarif kann nicht funktionieren.

Wichtig wäre, dass alle Seiten mit offenem Visier für ihre Sache kämpfen und die Argumente der Gegenseite ernst nehmen. Die Hausärzte, denen im Koalitionsvertrag eine Aufwertung versprochen wurde, fürchten nun das genaue Gegenteil. Und sie monieren, dass Patienten in Versorgungszentren von immer wechselndem medizinischem Personal betreut werden – was nicht immer im Sinne der Patienten ist, die es gernhaben, wenn "ihr" Arzt ihre Krankengeschichte kennt.

Ministerium, Länder und Kassen müssen darlegen, wie sie es künftig mit der Position der Hausärzte halten und warum sie diese Zentren trotzdem wollen, auch als "Asset" für junge Ärzte, die in den Beruf einsteigen.

Es geht nicht an, dass Missstände – auch und gerade von Ärzten, welche die tägliche Praxis kennen – jahrelang beklagt werden, man sich am Ende aber gegen jegliche Reform stemmt und so Stillstand produziert. Und es kann auch nicht sein, dass auf dem Rücken von Patienten und Beitragszahlern Ideologie- und Machtspiele ausgetragen werden. Pragmatik und Reformwille auf beiden Seiten sind gefragt. (Petra Stuiber, 8.9.2015)

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