Gedränge vor der letzten Fluchtetappe

8. September 2015, 19:39
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In Budapest war spürbar, dass Flüchtenden die Zeit knapp wird: In Angst vor dem Winter und Abwehr der Politik kam es auf dem Bahnhof öfters zu Gedränge

Budapest – Acht Tickets für den Railjet nach München hat Hekmat gekauft. 1.020 Euro habe er dafür bezahlt. Dann deutet er auf die Uhrzeit auf dem Bündel Karten. Der Zug ist gerade abgefahren. Die Polizei ließ den 27-Jährigen samt Familie nicht zum Bahnsteig. "Dabei habe ich mich am Schalter extra erkundigt, ob Araber auch fahren dürfen", beklagt sich der Mann. Nun heißt es, er werde später auch mit diesen Tickets in einen Zug dürfen. Der Wirtschaftsstudent aus Aleppo bezweifelt das. Vor den Bahnsteigen hat sich eine Traube aus einigen hundert Menschen gebildet. In den kommenden Stunden nimmt die Zahl der Wartenden weiter zu.

Die Unsicherheit darüber, was als Nächstes entschieden wird, wie es weitergeht, drängt die Menschen auf der Flucht derzeit besonders. Jene, die noch das Mittelmeer von der EU trennt, fürchten zudem die zunehmend rauer werdende See. 30.000 Flüchtlinge sollen sich laut UN-Flüchtlingshilfswerk derzeit auf den griechischen Inseln befinden.

Zaunbau beschleunigen

Viele sind schon weiter auf der Route: Nach UN-Angaben kamen in Mazedonien am Montag 7.000 Menschen an – eine Rekordzahl. Auch Ungarns Zaunbau an der serbischen Grenze, dessen Fertigstellung Premier Viktor Orbán beschleunigen will, wie er am Dienstag verkündete, treibt die Menschen zur Eile. Montagabend war der ungarische Verteidigungsminister Csaba Hende überraschend zurückgetreten. Es wird gemutmaßt, dass dem Premier der Zaunbau, für den Hende verantwortlich war, zu langsam voranging.

Ungarische Medien melden täglich zahlreiche Grenzübertritte. In den Sammel- und Auffanglagern des Landes befanden sich am Dienstag laut Polizei 3.123 Personen. Die Lage in der Sammelstelle nahe Röszke ganz im Süden bereitet Helfern die meisten Sorgen. Dort müssen hunderte Menschen auf einem Feld übernachten, bei rund zehn Grad Celsius. Bewacht von der Polizei, damit sie nicht davonlaufen – was einige hundert immer wieder versuchen. Bis zu 150 Personen soll es am Dienstag gelungen sein, zur Autobahn M5 zu gelangen. Freiwillige rufen auf Facebook dringend zur Hilfe auf: Es brauche Decken, Essen, helfende Hände. Eine Freiwillige schildert, binnen drei Minuten seien Hilfsgüter aus drei vollgepackten Minivans verteilt gewesen.

Flüchtlinge und Polizei schlichten

Die drängende Zeit wird am Dienstagvormittag auf dem Bahnhof von Budapest auch physisch spürbar. Wer weiß schon, wie lange Österreich und Deutschland die Menschen ins Land lassen? Werden ein paar Personen in Richtung der Züge durchgelassen, bewegt sich ein ganzer Pulk an Leuten hintennach. Ein paar Flüchtlinge bringen sich beim Schlichten ein, das Freiwillige und Polizeibeamte übernehmen.

Sherwan R. kann nicht glauben, dass es tatsächlich Sinn macht, sich anzustellen. Der 32-Jährige tut es trotzdem. Ab Mittag haben fast alle Wartenden so etwas wie Reihen gebildet. Sherwan R. entzog sich einer Registrierung in Ungarn. Der Literaturstudent sagt, er habe gegen zwei Uhr nachts Budapest erreicht und in einem Park gewartet. Einem Helfer von Migration Aid zufolge versucht die Polizei derzeit verstärkt, aufgegriffene Flüchtlinge in Lager zu bringen – obwohl diese voll sind. Jene Menschen, die es bis Budapest schaffen, "sind schon die Glücklichen".

Glück hat am Ende auch Hekmat mit den acht abgelaufenen Tickets. Für seine Familie geht die Reise Richtung Deutschland am Dienstag doch noch weiter. Bis zum frühen Abend leerte sich das Gebäude des Ostbahnhofs. Über Nacht wird aber wieder mit Neuankömmlingen gerechnet. (Gudrun Springer, 8.9.2015)

  • Aus einer Sammelstelle für Flüchtlinge in Röszke in Südungarn nahe der Grenze zu Serbien versuchten Flüchtlinge zu entkommen. Die Polizei brachte die meisten wieder zurück.
    foto: ap/darko vojinovic

    Aus einer Sammelstelle für Flüchtlinge in Röszke in Südungarn nahe der Grenze zu Serbien versuchten Flüchtlinge zu entkommen. Die Polizei brachte die meisten wieder zurück.

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