"Wie die anderen": Vom Einhegen des Schreckens

8. September 2015, 17:29
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Constantin Wulffs Psychiatrie-Doku ist umstritten

Wien – Ein paar Tage "ohne Speiben, ohne Schneiden", das wäre schon ein Fortschritt für Sophie, eine junge Frau, die nicht mehr allzu lange in die Zuständigkeit der Jugendpsychiatrie fallen wird. Vielleicht doch in Kontakt mit einem Therapiezentrum für Erwachsene treten? Sophie möchte daran nicht denken, jetzt erst einmal den Sommer genießen. Ihr Arzt hegt begründete Zweifel, er sieht "Indizien", dass Sophie mit ihren Selbstverletzungen weitermachen könnte.

Sophie ist eine aus einer Reihe von Patienten und Patientinnen, die wir in dem Dokumentarfilm Wie die anderen von Constantin Wulff kennenlernen. Kinder und Jugendliche aus der psychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums Tulln, dazu Ärzte, Therapeuten, Pfleger. Lange Gespräche werden geführt, manchmal mit den Patienten, vor allem aber zwischen den Mitarbeitern, im Falle einiger besonders schwieriger und schrecklicher Fälle hören wir nur aus diesen Besprechungen davon, es gibt niemals ein Gesicht dazu zu sehen, denn dieser Film ist ein Balanceakt, was die Persönlichkeitsrechte anlangt. Die ärztliche Vertraulichkeit wird teilweise aufgehoben, mit dem Einverständnis der Patienten, die aber, weil sie noch nicht volljährig sind, dieses Einverständnis gar nicht persönlich geben können.

Dieser Umstand hat Kritik hervorgerufen. Denn es geraten auf diese Weise Bilder in Umlauf, die in einigen Jahren, nach einer im Idealfall geglückten Rückkehr in ein Leben, wie es mutmaßlich "die anderen" führen, eine Belastung darstellen könnten. Das Leben der anderen, das ist so etwas wie das Richtmaß, an dem sich dieser Film orientiert, der mit einer markanten Selbstaussage beginnt: "Ich heiße Leonie. Alle fragen sich, warum ich so seltsam bin. Keiner weiß eine vernünftige Erklärung." Leonie möchte "wie die anderen sein".

Klassischer Institutionenfilm

Mit der Erwähnung der Vernunft ist ein entscheidendes Stichwort gefallen. Denn in einem Krankenhaus sucht man nach vernünftigen, plausiblen, nachvollziehbaren Weisen, mit dem "Seltsamen", Einmaligen, Furchtbaren der jeweiligen Fälle umzugehen. Wie die anderen ist ein klassischer Institutionenfilm, in dem es in erster Linie um das Funktionieren eines Betriebs geht. Die Empathie wird mit einem kühlen Blick auf Zusammenhänge vermittelt. Insgesamt bemühen sich hier alle redlich darum, verantwortungsvoll zu handeln, wenn es um die Abendmedikation eines Patienten oder, in einem schwierigeren Fall, um eine "Fixierung" geht, die nur durch eine Überwachungskamera ins Bild kommt. Hier bleibt die Anonymität gewahrt.

In anderen Fällen lernen wir Patienten besser kennen. Sie erweisen dem Publikum einen Dienst, weil sie konkret ersichtlich werden lassen, vor welchen Herausforderungen eine Gesellschaft steht, die für sich beansprucht, Kinder und Jugendliche vor anderen und vor sich selbst zu schützen. Die Geschichte des dokumentarischen Films hält hinreichend Beispiele (von Titicut Follies bis San Clemente) dafür bereit, wie stark sich die psychiatrischen Institutionen verändert haben. Constantin Wulff macht eine besonders moderierte auf sachte Weise filmisch zugänglich. Die Schrecken lassen sich nicht bannen, aber vielleicht ein wenig einhegen. Diese Arbeit ist hier zu sehen. (Bert Rebhandl, 9.9.2015)

Ab 11.9. im Kino

  • Verletzt "Wie die anderen" Persönlichkeitsrechte?
    foto: stadtkino

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