King Midas Sound und Fennesz: Zwei alte Wilde üben sich in Altersmilde

9. September 2015, 05:30
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Der britische Produzent Kevin Martin hat sich für sein Dub-Projekt King Midas Sound den Wiener Elektroniker Christian Fennesz geholt. Auf "Edition 1" arbeitet man an der Aushebelung von Zeit – man lässt sie sich

Wien – Sanfte, fröhlich-resignative Stimmen singen von Liebe, Leben, Zeit – und Zeit zu sterben: "How much love is left?" Es beginnt aber am Anfang. Der kommt mit jedem weiteren Zug am Joint ganz natürlich fließend gleich nach dem Ende. An das können wir uns aber nicht mehr erinnern, weil wir ja gerade erst mit dem Hören angefangen haben. Was ist Zeit? Egal, lassen wir sie uns einfach. Das ist spirituelles Praterfahren.

Bedächtig wird im Halbschlurf ein Moll-Akkord auf der Gitarre geschlagen. Nein, falsch. Jemand hebt immer wieder die Hand, weil er sich damit die Haare aus dem Gesicht streichen will. Sie wird aber ständig Opfer der Schwerkraft und sinkt ermattet nach unten. Dabei streift sie die Saiten: Kräng ... kräng ... kräng.

pitchfork

Dazu prasselt in den Echoraum herein durchs Fenster ein fauler Sommerregen. Ein aus der Steckdose kommendes Schlagzeugbecken wird so lange zerdehnt, bis es wie eine Schlange zischelt, die man unter Valium gesetzt hat. Vielleicht hat sie aber auch nur zu stark beim Joint angezogen. Keyboards simulieren eine Trompete, die letschert wie von Salvador Dalí gemalt auf einem Sofa abhängt, auf dem die Zeit das gewisse Etwas hat. Sie hat nichts.

Der ursprünglich jahrzehntelang von London aus operierende und mittlerweile der Mietpreise wegen in Berlin lebende Brite Kevin Martin beschäftigt sich schon sehr lange mit ursprünglich aus Jamaika kommenden Musiken und Substanzen, die Raum und Zeit beugen und es ermöglichen zu reisen, ohne sich zu bewegen. Reggae, Dancehall, Dub, dazu schwere Hip-Hop-Beats kennzeichnen schon lange die Arbeiten des Mannes, der vor seiner Zeit als Elektronikproduzent berüchtigt für sein Free-Jazz-Saxofon in Projekten wie den Strafjazz mit Metal und Grindcore vermischenden Bands GOD oder Ice war – oder als Turntablist mit dem Häuserblocks zerstörenden Industrial-Hip-Hop von Techno Animal umging.

foto: jimmy mould
Die Elektronikproduzenten Kevin Martin (links) und Christian Fennesz (hinten) und ihr gemeinsames Projekt King Midas Sound / Fennesz.

Seit Ende der 1990er-Jahre arbeitet Kevin Martin hauptsächlich unter dem Pseudonym The Bug. Alte musikalische Grundpräferenzen, die sich linearen Erzählweisen zugunsten mit viel Lärm freigesprengter offener Systeme verweigern, sind immer noch präsent. Dazu kommt auf Alben wie dem fantastischen London Zoo von 2008 mehr denn je die gute alte jamaikanische Verweigerung von Zeitvorgabe und Stringenz. Mach, was du willst – oder mach es eben nicht. Selbst wenn man nichts tut, tut man ja etwas. Man kommt da sowieso nicht raus.

Seit Ende der Nullerjahre beginnt der alte Wilde auch seine sanften Seiten in sich zu entdecken. Gemeinsam mit dem aus Trinidad stammenden Poeten Roger Robinson und der japanischen Künstlerin und Sängerin Kiki Hitomi veröffentlichte er 2009 unter dem Bandnamen King Midas Sound das milde Debüt Waiting For You auf dem schicken Hyperdub-Label. Es ist zwischen kleinem und großem Tod, zwischen halluzinogenen Dubstep-Beats und unter Narkose stehendem Lovers Rock angesiedelt. Letzterer ist jene Spielart von Reggae, mit der man jemanden ins Bett kriegen will. Die neue Arbeit Edition 1 setzt dies nun konsequent fort.

Für diese erste Ausgabe einer auf vier Teile geplanten Kollaboration mit geistesverwandten oder zumindest kompatiblen Musikern hat sich Martin den Wiener Gitarristen Christian Fennesz geholt. Man schätzt sich schon lange. Schließlich hat auch Fennesz einmal mit seinem Trio Maische zwischen freien Strukturen und forscher Härtlingsmusik herumgerockt, bevor der Computer aufgeklappt wurde. Endless Summer, Fennesz' Klassiker von 2001, war im Elektronikgenre stilbildend.

Es bröselt und flirrt

Fennesz ist nach Kollaborationen mit Größen wie Ryiuchi Sakamoto, David Sylvian oder Mike Patton natürlich bewusst, was von ihm erwartet wird. Er macht das Naheliegende. Er übt seinen Beruf aus und verfremdet Gitarrenmotive im Computer bis zur Unkenntlichkeit. Er dehnt, komprimiert, verwischt Spuren, zerkleinert Soundbrocken zu Feinsand. Kurz, während es bröselt, flirrt es darüber. Kevin Martin lässt es darunter pochen und zischeln. Die beiden Vokalisten geben dazu die Geschwister Melancholie und Verzweiflung. Ein Album des Jahres. (Christian Schachinger, 9.9.2015)

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