"Angst vor Zuwanderung gab es immer"

Interview10. September 2015, 07:06
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Die Hilfsbereitschaft, mit der Flüchtlinge derzeit in Österreich empfangen werden, könnte wieder umschlagen, meint Historikerin Marlou Schrover

Menschen haben sich schon immer gefürchtet, Einwanderer würden ihnen ihre Häuser, Jobs und Frauen wegnehmen, sagt Marlou Schrover, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Leiden. Aber durch die Isolation von Migranten und Flüchtlingen in Lagern ist ein Misserfolg vorprogrammiert.

STANDARD: Gibt es ein Ereignis, mit dem die aktuelle Flüchtlingskrise verglichen werden kann? Oder ist, was derzeit passiert, neu?

Schrover: Der Unterschied zur Ungarn-Krise im Jahr 1956, als 200.000 Menschen nach Österreich flüchteten, ist, dass das eine zeitlich sehr begrenzte Fluchtbewegung war. Damals war die Grenze nur für einige Tage offen, dann stoppte die Migration, und es konnte mit der Problemlösung begonnen werden. Heute ist kein Ende der Fluchtbewegung abzusehen. Auch während des Zerfalls von Jugoslawien in den 1990er-Jahren kam es zu großen Migrationsbewegungen. Ein Unterschied zu den damaligen Ereignissen ist aber, dass es mittlerweile die EU als Akteurin gibt. Nun soll Migranten auf supranationaler Ebene geholfen werden.

STANDARD: Eine gemeinsame Antwort auf die Flüchtlingskrise hat aber die EU derzeit noch nicht. Jeder Mitgliedsstaat agiert für sich auf nationaler Ebene.

Schrover: Das stimmt natürlich. Aber es gibt die Forderung, das Problem auf europäischer Ebene zu lösen. Allerdings ist auch das nicht ganz neu. 1938 fand beispielsweise in Frankreich die Konferenz von Évian statt. Dort trafen sich Vertreter von 32 Nationen, um die Auswanderung von Juden aus Deutschland und Österreich zu erleichtern. Auch das war der Versuch, eine Lösung auf europäischer Eben zu finden. Auch eine Quote zur Verteilung der flüchtenden Juden wurde dort debattiert. Die Idee, wie sie heute diskutiert wird, war also auch bei der Évian-Konferenz schon präsent – damals hatte sie keinen Erfolg.

STANDARD: Sind die Reaktionen der Aufnahmegesellschaften immer dieselben, oder ist es diesmal anders?

Schrover: Bei der Ungarn-Krise 1956 waren die Menschen von Beginn an positiv gegenüber den Flüchtenden eingestellt. Diese Art von Migration wurde als Nachweis dafür interpretiert, dass Kommunismus falsch und Kapitalismus richtig liegt. Flüchtlinge wurden damals aus humanitären Gründen willkommen geheißen – aber auch aus Propagandagründen. Der Enthusiasmus, mit dem die Flüchtenden aus Ungarn begrüßt wurden, lässt sich mit dem Vergleichen, was auch jetzt passiert. Das war bei der aktuellen Migrations- und Fluchtbewegung allerdings nicht von Beginn an so. Zuerst war die Reaktion gegenüber den Flüchtenden eher ängstlich. Da hieß es, das sind alles junge Männer, und die haben ein iPhone, das können doch keine Flüchtlinge sein. Aber plötzlich kam es zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung, dann wurde gesagt, schaut, das sind Familien, Frauen und Kinder, die unsere Hilfe benötigen.

foto: ap photo/ronald zak
Ein Zug mit Flüchtlingen auf dem Weg vom Wiener Westbahnhof nach München wird von Hilfeleistenden beklatscht.

STANDARD: Könnte das je länger die Krise andauert nicht wieder ins Negative kippen?

Schrover: Das ist schwer vorherzusagen. Ich hätte noch vor wenigen Wochen den Meinungsumschwung Richtung Mitgefühl und Solidarität nicht kommen gesehen. Aber historisch betrachtet schwindet der Enthusiasmus nach einiger Zeit. Das hat auch damit zu tun, dass Flüchtlinge beginnen Kritik an ihrer Versorgung- und Wohnsituation zu üben. Dann kommt der Gegenvorwurf, dass das doch keine Dankbarkeit sei. Und es wird auch zu Vorfällen kommen, die den Enthusiasmus schwinden lassen werden: Das sind traumatisierte Menschen, es kann zu Auseinandersetzungen in den Auffangzentren kommen, wie es auch schon in vergangenen Krisen passiert ist.

STANDARD: Haben Sie ein konkretes Beispiel für eine Änderung in der Einstellung gegenüber Flüchtlingen? Ist das vergleichbar mit den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Schrover: In den USA in den 1920er-Jahren sind verschiedene Dinge gleichzeitig passiert. Die USA waren zuerst glücklich über die ankommenden Migranten aus Deutschland, Österreich, Schweden, England, Belgien, den Niederlanden und Frankreich – also aus Nord- und Westeuropa. Als dann aber mehr Menschen aus Italien, Polen und Russland eintrafen – gab es die Angst, dass nun die sozusagen "falschen" Migranten kommen würden. Änderungen in der Art der Migration können also auch die Einstellungen der Bevölkerung ändern. Dazu kamen die damalige Wirtschaftskrise und auch die Angst vor dem aufstrebenden Kommunismus in Europa. Es gab die Angst, dass nun Revolutionäre, Anarchisten und Terroristen mit den Flüchtenden in die USA kommen könnten.

STANDARD: Gibt es ein Best-Practice-Beispiel, wie eine Gesellschaft mit den Aufzunehmenden umgehen kann?

Schrover: Je länger Flüchtlingen in Lagern bleiben – und wenn diese Lager auch noch isoliert sind –, desto eher wird etwas schiefgehen. Leute in Lagern unterzubringen ist ein Rezept für Versagen. Aussichtsreicher ist es, wenn sie möglichst schnell aus der Isolation gebracht werden. Wenn Leute wissen, dass sie bleiben können, werden sie begierig sein, die jeweilige Landessprache zu lernen. Wenn Flüchtlinge in der Lage sind, normale Wohnungen zu beziehen und zu arbeiten, dann kann Integration erfolgreich sein. Aber das ist auch abhängig von zwei Faktoren: Alter und Bildung. Je höher das Ausbildungsniveau, desto höher die Chance, Arbeit zu finden.

STANDARD: Es gibt auch große Ängste in der Bevölkerung der aufnehmenden Länder, dass Migranten ihnen die Jobs wegnehmen werden. Ist das eine berechtigte Furcht?

Schrover: Das kommt auf das jeweilige Land an. Es gibt in Europa einige Staaten, die sich von der Wirtschaftskrise schon erholt haben – Deutschland zum Beispiel. Und es gibt Länder, die noch nicht aus der Krise herausgekommen sind – wie Spanien, wo viele junge Menschen arbeitslos sind. Wenn diese nun auf dem Arbeitsmarkt für ungelernte Arbeitskräfte sind, ist es wahrscheinlich, dass sie mit Neuankömmlingen aus Syrien konkurrieren. Aber in Deutschland, wo in einigen Branchen Arbeitskräftemangel herrscht, wird es keinen Verdrängungseffekt geben, weil das freie Stellen sind. Das ist auch der Grund, warum Deutschland ein wenig einladender sein kann. Historisch betrachtet wurde in der Mehrheitsgesellschaft fast immer gefürchtet, dass Migranten ihnen ihre Häuser, Jobs und Frauen wegnehmen.

STANDARD: Gibt es auch Beispiele, wo Migranten oder Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen wurden?

Schrover: Ja, natürlich. Zum Beispiel die europäische Auswanderungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kanada und Australien. Die beiden Länder waren erfreut über die Einwanderer, denn es wurden Menschen gebraucht, um das Land zu besiedeln. Auch in den Anfangsjahren der Gastarbeitermigration in Europa waren die Länder dankbar für jede Arbeitskraft. Viele dachten aber, dass die Menschen wieder zurückkehren. Aber lediglich ein Drittel kehrt zurück. Viele haben zwar anfangs den Plan zur Rückkehr, aber dann finden sie Arbeit, gründen eine Familie, haben Freunde und werden Teil der Gesellschaft der Aufnahmeländer.

foto: reuters/mohamed azakir
Das Flüchtlingslager Zahle im Libanon. Das Land beherbergt derzeit mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien, bei einer Einwohnerzahl von 5,8 Millionen.

STANDARD: Nun mögen die absoluten Zahlen der Flüchtlinge sehr hoch sein, im Verhältnis zu den Einwohnern der EU ist es lediglich ein geringer Prozentsatz. Der Libanon mit weniger als sechs Millionen Einwohnern hat offiziell mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Gibt es so etwas wie einen maximalen Prozentsatz an Flüchtlingen, den ein Land bewältigen kann?

Schrover: Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. In England gibt es Städte, wo die Hälfte der Bevölkerung Migranten sind, und in den USA ist im Grunde jeder ein Einwanderer oder zumindest ein Nachfahre von Einwanderern. Im Libanon sind die Flüchtlinge aus Syrien aber nicht Teil der Gesellschaft, sie leben in Lagern, und ihre Kinder dürfen nicht in die Schule gehen. Das kann zum Problem werden. Es entsteht eine inaktive, parasitäre Gesellschaft, weil sie nicht beitragen dürfen. Die Menschen beginnen dann eine eigene Infrastruktur zu entwickeln – es entstehen Geschäfte und Arbeitsplätze in den Lagern, die sind aber abseits der aufnehmenden Gesellschaft. Es gibt also keinen maximalen Prozentsatz, es kommt darauf an, wie mit den Menschen umgegangen wird.

STANDARD: Gibt es ein Beispiel in der Geschichte, wo ein Land seine Grenzen permanent geschlossen hat? Wo es heißt: Hier kommt niemand mehr rein!

Schrover: Dann sind wir im Zweiten Weltkrieg, als alle Länder früher oder später ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge dichtgemacht haben. Aktuell versucht Ungarn zwar seine Grenzen zu schließen, aber es ist sehr schwierig, eine große Zahl verzweifelter Menschen abzuwehren. Flüchtlinge werden auf jeden Fall weiterhin versuchen, die Grenze zu überwinden. (Michaela Kampl, 10.9.2015)

foto: university leiden
Marlou Schrover lehrt an der Universität Leiden in den Niederlanden Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist Migrationsgeschichte.
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